"Hörtests nach der Geburt sind wichtig!"

Jedes Baby kann von Geburt an hören. Ausnahme: Es liegt ein Hörschaden vor. Dr. med. Dorothe Veraguth, leitende Ärztin Audiologie am Universitätsspital Zürich, beantwortet Elternfragen rund ums Hören.

Frau Dr. Veraguth, ist es richtig, dass bereits das Ungeborene  im Mutterbauch Töne hören kann?
Ja, das Innenohr mit der Hörschnecke ist bereits im 5. Monat ausgewachsen und voll funktionsfähig. Weil das Baby aber noch von Fruchtwasser umgeben ist, sind auch das äussere Ohr und Mittelohr noch mit Flüssigkeit gefüllt und das Baby hört alle Geräusche stark gedämpft.

Worauf sollte eine schwangere Mutter achten, um ihrem Ungeborenen optimale Voraussetzungen bezüglich Entwicklung des Hörsinns zu bieten?
Es braucht keine besonderen Massnahmen in der Schwangerschaft, um  den Hörsinn des Babys zu fördern.

Meist werden bereits unmittelbar nach der Geburt erste Hörtests gemacht.  Was und wie wird da genau getestet?
Ab dem 2. Lebenstag können die Schwingungen der Haarzellen, der Sinneszellen, bei normaler Funktionstüchtigkeit des Innenohrs, mit einer kleinen Sonde im Gehörgang gemessen werden. Es handelt sich um eine für das Baby schmerzlose Messung von wenigen Minuten Dauer. Wenn die Sinneszellen normal funktionieren, kann man deren Eigenschwingungen als leises Geräusch mittels eines hochempfindlichen Mikrophons in der Messsonde nachweisen. Das heisst, es handelt sich um eine objektive Messung, bei der das Baby nicht mitarbeiten muss und mit der man nachweisen kann, ob das Baby normal hört.

Ab wann wird bei einem allfälligen negativen Befund eine Therapie  eingeleitet? Und was genau?
Falls nach diesem ersten Hörtest eine weitere Abklärung ergibt, dass das Kind schlecht hört, wird bereits in den ersten Lebensmonaten eine Therapie, in der Regel mittels Hörgeräten, eingeleitet. Wenn sich zeigt, dass die Hörgeräte zu schwach sind, kann auch bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr ein Cochlea-Implantat in die Hörschnecke eingesetzt werden. Ergänzend dazu vermittelt eine Audiopädagogin dem Kind in einem Hör- und später Sprachtraining die Freude und Fähigkeiten des Hörens und Sprechens.

Wie und bis wann genau entwickelt sich der Hörsinn des Babys?
Die Hörschnecke ist bereits vor der Geburt ausgewachsen und auch das Mittelohr funktioniert nach der Geburt bereits normal. In den ersten 2 bis  3 Jahren wird die Hörbahn, die Verbindung vom Ohr mit dem Hirn, ausreifen und die Voraussetzungen für den Erwerb der Lautsprache sind damit gegeben.  Dies geschieht jedoch nur, wenn das Baby hören kann. Deshalb ist es so wichtig, dass die Therapie bei einem schwerhörigen Baby sehr früh einsetzt. Nur dann wird es die Lautsprache gut erlernen können.

Was können Eltern tun, um ihr Baby  an neue Töne zu gewöhnen?
Die Eltern sollen ihr Kind möglichst natürlich im Alltag an neue Geräusche, Sprache und Musik gewöhnen. Zu laute Reize können das Baby erschrecken und Angst verursachen.

Wie merke ich, wenn mein Kind schlecht hört?
Wenn das Baby bei lauten Geräuschen nicht erschrickt und auf Ansprechen oder Geräusche und Musik nicht reagiert, muss dies ernst genommen werden. Beim etwas älteren Kind ist die verzögerte Entwicklung des Plapperns und Sprechens das wichtigste Anzeichen einer Hörminderung.

Was mache ich, wenn mein Kind auf Töne nicht reagiert?
Falls das Kind nicht auf Geräusche reagiert, sollen die Eltern mit dem Kinderarzt die weiteren Massnahmen besprechen.

Welche Tipps haben Sie für  Eltern, Grosseltern, Bekannte oder Freunde von Kindern mit Hörschäden?
Wichtig ist für schwerhörige Kinder, dass man deutlich spricht, möglichst kein Hintergrundslärm vorhanden ist und die Beleuchtung ausreichend hell ist, damit sie von den Lippen ablesen können.

Haben Sie Tipps für die betroffenen Kinder selbst?

Die Kinder sollen möglichst früh lernen, selber zu sagen, wenn sie etwas nicht verstanden haben und bitten, dass man es nochmals wiederholt und deutlicher spricht.

Und Tipps für die Lehrpersonen?
Sowohl Lehrpersonen als auch Mitschüler sollen wissen, wenn ein Kind in der Klasse schlecht hört, sodass alle die einfachen Regeln von deutlich und nacheinander sowie immer mit Blickkontakt Sprechen anwenden können.

Ab wann sollen hörgeschädigte Kinder, deren Eltern, Geschwister oder Grosseltern die Gebärdensprache erlernen?
Die Gebärdensprache ist immer dann sehr wichtig, wenn mittels Lautsprache keine genügende Kommunikation möglich ist. Einige Familien wählen die Gebärdensprache von Beginn an als Zweitsprache ergänzend zur Lautsprache und erlernen dann selber ebenfalls Gebärdensprache, falls sie diese nicht schon beherrschen.

Haben  Sie eigene Fragen?

Frau Dr. Veraguth steht Ihnen am Montag, 14. April, von 15.30 bis 16.30 Uhr, und am Freitag, 9. Mai, von 15.30 bis 16.30 Uhr unter Telefon 044 255 58 15  (Sekretariat Audiologie) zur Verfügung.

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erstellt von Interview: Christina Bösiger