Hochsensibilität: Zwischen Gabe und Belastung

Es gibt Begriffe, die heute raumfüllend sind, aber noch vor wenigen Jahren kaum bekannt waren. Die Hochsensibilität gehört dazu. Das Thema füllt inzwischen ganze Buchregale und die Wartezimmer von Arztpraxen. Doch was steckt dahinter – und wann wird aus einer Gabe ein belastendes Problem?

Sensibel: Das ist meist ein positiv besetzter Begriff. Wer Schwingungen und Gemütszustände anderer Menschen mit einem feinen Sensorium wahrnimmt, der ist doch eigentlich gesegnet. Demgegenüber ist ein unsensibler Zeitgenosse nicht gerade beliebt, wenn er unbesehen von den Gefühlen anderer wie der berühmte Elefant im Porzellanladen herumtrampelt. Das heisst: Hochsensibel ist sozusagen die Krönung einer Qualität. Nur ist das leider für die Betroffenen nicht ganz so einfach wie geschildert. Und sie nehmen das, was im ersten Blick wie ein Segen aussieht, eher als Belastung wahr. Hochsensibilität wird nicht gepriesen, sondern behandelt. Und das hat viel mit unserer Zeit und ihren Besonderheiten zu tun.

Reizüberflutung

Dabei ist Hochsensibilität, da sind sich nicht alle, aber viele Experten einig, gar nichts so ausserordentlich. Die meisten von uns kennen Phasen, in denen sie hochsensibel sind, in denen wir Reize, die auf uns einwirken, stärker wahrnehmen als sonst. Der Unterschied liegt im Umgang damit. Die grosse Allgemeinheit ist in der Lage, diese Reizüberflutung zu verarbeiten, mit ihr umzugehen, so dass sie gar nicht erst zum Problem wird. Von Hochsensibilität sprechen wir, wenn das nicht mehr gelingt und die starke Wahrnehmung im Alltag zum Problem wird. Deshalb hat die Hochsensibilität heute auch den Status einer «Störung», einer Erkrankung, einer Sache, die verschwinden sollte. Es geht also weniger um das, was um uns herum geschieht als vielmehr um unsere Fähigkeit, damit umzugehen. Das ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit einem Hagelsturm, der plötzlich aufzieht. Wer einen Schirm dabei hat oder weiss, wo er unterstehen kann, der bleibt weitgehend verschont und kann den Wetterkapriolen fasziniert zuschauen. Wer schutzlos stehen bleibt, bekommt die volle Ladung ab. Das Ergebnis ist im übertragenen Sinn eine Dauerberieselung, die ihren Tribut zollt – auf unsere Nerven, auf das vegetative Nervensystem.

Fehlende Abgrenzung

Es gibt durchaus Leute, die ihre Hochsensibilität als Gabe betrachten. Aber meist sind es Dritte, Aussenstehende, die auf diesen Begriff so reagieren. Sie wollen den Betroffenen vermitteln, dass sie von der Natur besonders reich beschenkt wurden. Denn Dinge besonders stark und unmittelbar wahrzunehmen, kann auch als positiv betrachtet werden. Meist aber schwenkt es früher oder später in Richtung Belastung um – dann, wenn es einfach zu viel ist. Die oft zitierte Abgrenzung, die Fähigkeit, sich nicht von allem und jedem in der Gefühlslage beeinflussen zu lassen, fehlt den Hochsensiblen, und das muss sich früher oder später auswirken. Das hat natürlich auch mit den modernen Zeiten zu tun. Es ist kein Zufall, dass das Thema heute so weit verbreitet ist. Es ist keineswegs so, dass wir heute anfälliger wären für Reize aller Art als frühere Generationen. Aber es gibt viel mehr von ihnen. Im öffentlichen Raum, aber auch bei der Arbeit und zuhause mit der Dauerberieselung durch Social Media beispielsweise. Das heisst: Früher liess es sich mit einer Hochsensibilität vielleicht gut leben, weil sie sich gar nie gross auswirken konnte – es fehlte an der Menge der Reize wie heute, die zur Belastung werden kann. Heute ist ein fehlender Schutzschirm viel fataler.

Zu viel Information

Viele Betroffene berichten, dass sie die Übersicht über ihr Leben verlieren. Kein Wunder. Es ist eine der grössten Qualitäten unseres Hirns, dass es soweit wie möglich Wichtiges von Unwichtigem trennt, dass es gewisse Sachen im «Archiv» ablegt, ohne dass es uns beschäftigt. Wer diesen Filter nicht hat, sieht sich gewissermassen gezwungen, sich rund um die Uhr mit allen Informationen zu beschäftigen, die auf ihn einprasseln. Und das sind viele. Man kommt nicht mehr zur Ruhe. Aus der kindlichen Perspektive ist das besonders verhängnisvoll. Denn Kinder müssen ja sowieso unablässig Informationen verarbeiten, die für sie völlig neu sind. Aus Erwachsenensicht ist das ohnehin eine unglaubliche Leistung: Wer von uns «Grossen» muss sich schon tagtäglich mit ganz neuen Eindrücken herumschlagen? Wir haben Erfahrungswerte, die uns helfen, Neues einzuordnen, weil wir einen Zusammenhang mit anderen Dingen herstellen können, Kinder saugen an jedem einzelnen Tag Dinge auf, die ihnen ganze Welten erschliessen. Im Zusammenhang mit Hochsensibilität ist hin und wieder die Rede von einem «Mini-Trauma». Der Vergleich ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Wer gewissermassen «voll» ist, erlebt jede zusätzliche «Ladung» traumatisch. Das Problem ist wie so oft – beispielsweise bei Depressionen oder einem Burnout -, dass sich für das Umfeld nicht erschliesst, was denn so traumatisch sein soll an einem einzelnen Ereignis, das für den Betrachter kaum besonders dramatisch ist. Das isoliert Hochsensible, die Mühe haben, sich gegenüber Nichtbetroffenen zu erklären.

Belastende Beschäftigung

Wie bei jeder neuen Erscheinung tauchen auch hier sofort viele Ratgeber und Fachleute auf, die sagen, was zu tun ist. Hochsensibilität liegt im Trend, was die Fachliteratur oder Blogs im Internet angeht. Die Gefahr einer Selbstdiagnose liegt nahe. Und echt Betroffene haben das Problem, das für sie die starke Beschäftigung mit ihrem Zustand nicht selten statt einer Besserung das Gegenteil bringt: Sie setzen sich aktiv mit der Diagnose auseinander und belasten sich zusätzlich mit diesen neuen Informationen, für die sie wiederum kaum Platz haben in ihrer ohnehin übersättigten Wahrnehmung. Nicht wenige Experten raten deshalb zum Gegenteil: Der Unachtsamkeit. Das steht im Widerspruch zur Achtsamkeits- Welle, die uns dazu auffordert, unserer ganzen Umwelt wieder achtsamer zu begegnen, die kleinen Dinge des Lebens bewusst wahrzunehmen. Für Hochsensible ist das ein denkbar schlechter Pfad. Denn wer hochsensibel ist, muss nun wahrhaft nicht seine Wahrnehmung für alltägliche Eindrücke schärfen, sondern sich im Gegenteil vor ihnen schützen. Denn was bringt es, jemanden aufzufordern, die Dinge bewusst wahrzunehmen, wenn die eigene Aufnahmefähigkeit bereits völlig erschöpft ist? Das Ergebnis ist eine Lawine, die auf einen einprasselt und die es verunmöglicht, überhaupt noch etwas zu verinnerlichen geschweige denn, alles zu verarbeiten.

Es braucht Zeit

Auch der totale Rückzug, der oft empfohlen wird im Fall von Hochsensibilität, ist kaum der richtigen Weg. Damit schwindet die Fähigkeit, Reize zu verarbeiten. Wer sich im Keller einschliesst, schützt sich vor dem Hagel, um das Bild von oben wieder aufzunehmen, aber er steigert nicht die Kraft, in Zukunft dem Hagel zu widerstehen. Es ist eine temporäre Beruhigung der Lage, mehr nicht. Eine vernünftige Dosierung der Reize im Alltag ist der bessere Weg – und zu lernen, sich von diesen nicht völlig vereinnahmen zu lassen. Das braucht Zeit und Kraft. Wie so vieles.

erstellt von Stefan Millius