Hochbegabte Kinder

Frühförderung ist insbesondere bei Kindern mit Hochbegabung ein wichtiges Thema. Wie besonders begabte Kinder im Elternhaus gefördert werden können, ab wann ein Kind überhaupt als hochbegabt gilt und welche Anlaufstellen es für Eltern gibt.

Die sechsjährige Lisa kann schon seit drei Jahren lesen. Sie hat einen grösseren Wortschatz als ihre ältere Schwester, spielt Klavier und Geige und schreibt ellenlange Geschichten. Ben, acht Jahre alt, konnte im Kindergarten schon Malrechnen und löst einen Zauberwürfel in unter einer Minute. Beide stellen viele Fragen, orientieren sich an älteren Kindern, wirken wie kleine Erwachsene. Ben und Lisa gibt es so nicht – Kinder, welche diese Begabungen und Charaktereigenschaften aufweisen, aber schon: Etwa zwei Prozent aller Kinder gelten als hochbegabt. Das heisst, sie haben einen Intelligenzquotienten von 130 oder höher. Abgesehen vom IQ können gewisse Fähigkeiten und Verhaltensweisen schon im frühen Kindesalter auf eine Hochbegabung hinweisen. Können, müssen aber nicht. Zu den Merkmalen im Bereich «Allgemeines Verhalten» gehört gemäss der Stiftung für hochbegabte Kinder beispielsweise frühes Detailwissen in einzelnen Bereichen, etwa über Dinosaurier oder das Weltall. Weitere Merkmale sind eine ausdrucksvolle Sprache, auffallend gute Gedächtnisleistung, die Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden, ein frühes Interesse für Buchstaben und «Erwachsenenthemen», kritische Denkfähigkeit und ein schnelles Herstellen gültiger Verallgemeinerungen. Im Bereich «Soziales Verhalten» übernehmen viele hochbegabte Kinder Verantwortung, können gut planen und organisieren, sind empathisch und beschäftigen sich häufig mit Begriffen wie Gerechtigkeit. Ausserdem neigen sie zum Individualismus und überprüfen Meinungen von Autoritäten, bevor sie diese akzeptieren.

Die verschiedenen Intelligenzen

Hochbegabung kann verschiedene Ausprägungen haben. Forscher Howard Gardner, Professor für Psychologie an der Universität Harvard, fand beispielsweise heraus, dass es nicht nur eine Intelligenz gibt, sondern mindestens acht verschiedene: Musikalische Intelligenz, sprachliche Intelligenz, logisch-mathematische Intelligenz, visuell-räumliche Intelligenz, soziale, emotionale und naturalistische Intelligenz sowie Bewegungsintelligenz. Diese verschiedenen Intelligenzen können auch von den Eltern gefördert werden. Was welche Intelligenz fördert, beschreibt die Stiftung für hochbegabte Kinder. Einige Beispiele:

Sprachliche Intelligenz:
- Theatervorstellungen besuchen
- Witze, Gedichte, Geschichten oder Liedtexte erfinden
- Bücher lesen und Zusammenfassungen schreiben
- Vorträge halten
- Fremdsprachen lernen

Logisch-mathematische Intelligenz:
- Strategiespiele machen
- Komplizierte Rechnungen lösen
- Verstehen, wie man etwas voraussagen kann, zum Beispiel das Wetter
- Berechnen, wie gross die Chance ist, im Lotto zu gewinnen

Naturalistische Intelligenz:
- Tiere trainieren, beobachten und/oder für ein Tier sorgen
- Einen Garten anlegen und pflegen
- Bücher über das Weltall lesen
- Herausfinden, wie der Körper funktioniert
- Pflanzen und Insekten sammeln und bestimmen

Musikalische Intelligenz:
- Lieder erfinden
- Instrumente lernen
- Konzerte, Opern und Musicals besuchen
- Vögel nach Gesang unterscheiden

Visuell-räumliche Intelligenz:
- Etwas konstruieren, etwa ein Lego-Haus
- Etwas schön gestalten
- Landkarten lesen
- Fotografieren, malen, modellieren
- Geometrieaufgaben lösen

Körperlich-kinästhetische Intelligenz:
- Ein Kleidungsstück entwerfen und nähen
- Technische Geräte auseinandernehmen oder reparieren
- Untersuchen, wie ein Gerät funktioniert
- Kunststücke mit Velo, Snowboard oder Inlineskates einüben

Soziale Intelligenz:
- Eine Diskussion leiten
- Einem anderen Kind etwas beibringen
- Babysitten
- Klassensprecher sein

Emotionale Intelligenz:
- Über Fragen nachdenken oder diskutieren
- Ein Tagebuch führen
- Fantasiegeschichten ausdenken, aufschreiben oder zeichnen

Unerkannt hochbegabt und verhaltensauffällig

Auch externe Förderung ist wichtig. Wird eine Hochbegabung nicht erkannt oder ignoriert, kann das Kind verhaltensauffällig werden, erklärt Béatrice Giovannoni, Gründerin des Vereins zur Förderung begabter Kinder im Kanton Bern, gegenüber der «Coop Zeitung». Solche Kinder könnten zu Klassenclowns oder Tagträumern werden, mit psychosomatischen Beschwerden reagieren oder durch aggressives Verhalten auffallen. «Auffälliges und aggressives Verhalten kommt bei Jungen häufiger vor», sagt sie. Mädchen hingegen würden mit Frustration anders umgehen, sich im Extremfall zurückziehen oder depressiv werden. Wichtig zu wissen für Eltern, Pädagogen und Ärzte: Diese Verhaltensweisen können einigen Symptomen ähneln, die beispielsweise bei ADHS auftreten. So kommt es, bei Kindern deren Hochbegabung nicht bekannt ist, immer wieder zu Fehldiagnosen und folglich einer Fehlbehandlung. Es lohnt sich deshalb in gewissen Fällen, sich an eine Anlaufstelle zu wenden, die sich mit dem Thema Hochbegabung auskennt (siehe Kasten). Ebenfalls kann sich für hochbegabte Kinder, die in der Regelschule nicht genügend gefördert werden und sich dort nicht wohlfühlen, der Wechsel an eine Schule für Hochbegabte auszahlen. Auf Primarschulstufe gibt es solche beispielsweise in Zug und in Zürich.

Ist mein Kind hochbegabt? Anlaufstellen für Eltern, weitere Infos und Links

Die Stiftung für hochbegabte Kinder mit Sitz in Zürich hat zum Ziel, überdurchschnittlich begabte Kinder intellektuell und menschlich zu fördern. Sie bietet mit der «Anlaufstelle Hochbegabung» eine Beratung für Eltern und bietet eine Webseite mit diversen Informationen rund ums Thema. www.hochbegabt.ch

Der Elternverein für hochbegabte Kinder (EHK) berät und unterstützt Eltern ebenfalls. In Regionalgruppen bietet er die Möglichkeit, sich mit anderen Eltern auszutauschen. Ausserdem organisiert der EHK verschiedene Veranstaltungen, welche Kinder mit besonderen Begabungen zusammenbringen sollen. www.ehk.ch

Das Netzwerk Begabungsförderung verbindet Institutionen und Personen, die sich für Begabungs- und Begabtenförderung engagieren. Seit der Gründung vor gut 18 Jahren sind dem Netzwerk mehr als 400 Personen beigetreten: Eltern, Lehrpersonen, Bildungsfachleute, Forschende und Berater. Es wird von den Deutschschweizer Kantonen getragen, aus jedem Kanton arbeitet eine Vertreterin oder ein Vertreter aktiv im Netzwerk mit. www.begabungsfoerderung.ch

Die Talentia in Zug und die Talenta in Zürich sind zwei Primarschulen für hochbegabte Kinder in der Schweiz. Die Schülerinnen und Schüler werden dort individuell und ihrer Hochbegabungen entsprechend gefördert. www.talentia.ch / www.talenta.ch

 

 

erstellt von Malolo Kessler

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