Harmonie von früh bis spät

Die Familie als Konfliktherd: Es gibt wohl nur wenige Eltern, die das nicht kennen. Soll man Konflikte vermeiden oder offen austragen? Wo lohnt sich die Debatte, wo kann man sie umgehen? Was passiert, wenn man die eigenen vier Wände zur konfliktfreien Zone erklärt? Überlegungen zu einem alltäglichen Phänomen, das ebenso zu jeder Familie gehört wie alle angenehmen Seiten des Zusammenlebens.

Was müssen das für goldene Zeiten gewesen sein! Einst war die Familie eine konfliktfreie Zone. Keine Streitig­keiten, keine Uneinigkeit über Ferienort, Taschengeld, Ausgangszeiten. Nur Ruhe und Harmonie. So war es vor einigen Jahrzehnten.
Und so war es natürlich nicht wirklich. Konflikte sind so alt wie die Menschheit. Sie wurden allerdings in den eigenen vier Wänden oft nicht sichtbar ausgetragen. Das hatte einen einfachen Grund: die klare Hierarchie. Da war der «Familienvorstand», also der Vater, da war die Mutter, die in ihrem «Herrschaftsbereich» die Dominanz war, und da waren die Kinder, die taten, was die Mutter oder – wenn das nicht reichte – der Vater sagte. Dagegen aufzumucken, war in den meisten Familien keine Option. Nicht einmal zwingend aus Angst vor der Autorität, sondern weil es der Normalfall war. Mein Vater, in den 50er-Jahren im Wallis aufgewachsen, sprach seine Eltern mit «ihr» an – «ihr, ­Vater», «ihr, Mutter». Es war eine seltsame Form zwischen «Du» und «Sie», eine Art Respektsbezeugung gegenüber einer Respektsperson. Heute ist nicht nur die Du-Basis selbstverständlich, auch werden Papi und Mami nicht ­selten mit Vornamen angesprochen. Ein Zeugnis der ­veränderten Beziehung innerhalb der Familie.

Gehorsam als schlechte Vorbereitung

An dieser Stelle soll es weder darum gehen, das Früher zu diskreditieren noch das Heute zu glorifizieren. Es ist, wie es ist. Und frühere Generationen waren genauso wie wir ­zutiefst überzeugt, richtig zu handeln. Die Menschheit wird ja auch nicht zwingend nur klüger. Allerdings gibt es ­gewisse Erkenntnisse, an denen mittlerweile kaum jemand ernsthaft zweifelt. Dazu gehört folgende: Man bereitet Menschen nicht auf die Bewältigung von Konflikten vor, indem man ihnen während ihres Heranwachsens untersagt, Konflikte auszutragen oder zu erleben. In der Schule, in der Ausbildung, am Arbeitsplatz und in der späteren ­eigenen Familie warten mehr als genug Konfliktherde auf jeden von uns. Wer nur totalen Gehorsam gelernt hat, wird Mühe haben, sie später zu bewältigen. In grauer Vorzeit waren Kinder diesbezüglich auf dem Rang einer Dienstmagd oder eines Knechts angesiedelt: Auf die Befehls­ausgabe folgt die Ausführung. Das mag in einem Anstellungsverhältnis angehen, aber wenn es darum geht, Kinder aufs Leben vorzubereiten, ist es eine denkbar schlechte Philosophie.

Im Übergang zwischen ganz früher und heute gab es eine Phase, in der eine andere Art der Konfliktvermeidung vorherrschte. Plötzlich waren Eltern nicht mehr unumstrittene Autoritäten, sondern eine Art Kumpel. Und während ihre Vorgänger eine harte Linie fuhren, war den Kindern für eine Weile sozusagen alles erlaubt. Auch das diente natürlich wenig dazu, den Umgang mit Konflikten zu üben. Strenges Regiment oder lange Leine: Das führt entweder dazu, ­Konflikte sofort zu unterbinden oder sie gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Den eigenen Standpunkt aufgeben

Konflikt – wenn man ihn aufkommen lässt – führt zu ­Dialog. Ein solcher ist immer anstrengend. Deshalb ist es so verführerisch, ihn frühzeitig zu unterbrechen oder – der antiautoritäre Weg – ihn so offen zu gestalten, dass er gar nirgends mehr hinführt. Dialog heisst nicht nur, mit­einander zu sprechen, sondern auch, gut zuzuhören, auf den anderen einzugehen, sich in seine Position zu ver­setzen. Und das wiederum bedeutet, die eigene Position hin und wieder zu verlassen und den eigenen Standpunkt vielleicht sogar aufzugeben. Der «Vorteil» am früheren ­autoritären System war, dass man diesen Standpunkt nicht tagtäglich neu verteidigen musste, er war sozusagen in ­Beton gegossen. Und die antiautoritäre Generation hatte gar nicht erst einen eigenen Standpunkt und damit auch nichts zu verteidigen. Beides sind denkbar einfache Wege, aber sind sie auch nachhaltig, was die Entwicklung von ­Kindern angeht?

Wo stehen wir heute? Natürlich sieht das in jeder Familie wieder anders aus. Aber mit Blick auf die meisten Familien, die ein liebevolles, wertschätzendes Zusammenleben führen, kann man vermutlich feststellen: Sie wissen, dass Kinder Führung und Regeln brauchen, dass sie aber auch nur wachsen können, wenn die Führung und die Regeln hinterfragt werden können. So schön das in der Theorie klingt, so mühsam ist es im Alltag. Schliesslich möchten wir als Eltern auch mal einfach sagen, was Sache ist und wie es nun gemacht wird, basta. Endlose Debatten über jede Entscheidung kann man sich nicht leisten – zeitlich wie nervlich. Und tatsächlich macht eine gruppendynamische Debatte über die Frage, warum man auf der Autobahn die Autotür nicht öffnen darf, wenig Sinn. Echte Konflikte entzünden sich aber meist an grundsätzlicheren Fragen. Und diese ­haben es durchaus verdient, diskutiert zu werden.

Sachfragen werden emotional

Es gibt Konfliktklassiker. Die Höhe des Taschengelds beispielsweise. Als Vater oder Mutter gibt es recht rationale Herangehensweisen an dieses Thema. Kriterien sind die eigenen finanziellen Möglichkeiten, die Ratschläge von Fachleuten, die Erfahrungswerte von befreundeten Eltern, das Onlinetool zur Berechnung. Das Kind wiederum hat ganz andere Kriterien: das Beispiel des Klassenkameraden, der viel mehr bekommt, das tolle neue Skateboard, das es sich kaufen will. In aller Regel widersprechen sich diese Kriterien gegenseitig, es ist nicht möglich, beide Seiten ­zufriedenzustellen und das Ergebnis ist ein Konflikt zu ­einer eigentlich banalen Sachfrage.

Und hier liegt die Krux: In der Austragung des Konflikts wird aus der sachlichen Frage oft eine emotionale. Der Vorwurf des Kindes, ausgesprochen oder nicht, lautet: Habt ihr mich denn nicht gern? Bin ich euch nicht mehr wert als das? Warum bekommt der andere so viel mehr als ich? ­Warum habt ihr euch ein neues Auto geleistet, und ich kriege keine Taschengelderhöhung? Von der anderen Seite, den Eltern, kommen ebenfalls scheinbar schlagende Argumente wie: Das andere Kind ist eben verwöhnt. Du musst lernen, mit dem Geld auszukommen. Wir haben als Kind noch weniger erhalten. – Eine Debatte, die im Nichts endet, weil beide Seiten aus der Ich-Perspektive argumentieren und jeder für sich vermutlich völlig recht hat. Nur: Wem hilft das? Das Resultat ist oft der Status quo in der Sachfrage und eine emotionale Brandruine.

Fortschritt bringt neue Konflikte

Der TV-Konsum ist ein anderer Konfliktherd. Was Eltern für angebracht halten, ist aus Kindersicht reine Schikane. Und an diesem Beispiel wird auch klar, weshalb frühere Generationen ganz generell seltener vor dem Problem standen, Konflikte zu lösen. Es gibt heute ganz einfach mehr Steine des Anstosses. Wer mit zwei Fernsehsendern, ohne Videospiele und ohne umfangreiche Ausgangsmöglichkeiten aufwächst, hat auch weniger einzufordern. Natürlich gab es auch damals schon zahlreiche Möglichkeiten, Dinge anders zu sehen als die Eltern, aber nie zuvor in der Geschichte bewegte sich die Gesellschaft so rasant – und wuchs ­damit die Zahl der Optionen, die zu einem Konflikt führen können.

Nicht selten steht am Anfang eines Konflikts eine simple Frage oder Bitte. Lässt sie sich leicht aus der Welt schaffen, zieht der mögliche Konflikt vorüber. Oft aber entspannt er sich erst aus der Antwort, die dem Gegenüber nicht gefällt. Die Buchautorin Stephanie Schneider plädiert dafür, bei komplexen Themen eine Art imaginäre Pausetaste zu ­drücken. Sie nennt das die «Formel mit nur vier Worten». Sie lauten: «Lass mich darüber nachdenken.» So verschafft man sich Zeit, eine Lösung zu finden, die für alle tragbar ist. Vermutlich fällt sie immer noch nicht so aus, dass der Bittsteller völlig befriedigt ist, aber es entwickelt sich ­wenigstens nicht gleich eine Grundsatzdiskussion, die mit der ursprünglichen Frage nicht selten gar nichts mehr zu tun hat. Das spart Energie für die Fälle, in denen ein echter Konflikt unumgänglich ist. Oft, so Schneider, geraten wir nämlich in einen riesigen Disput über eine kleine, ver­nach­lässigbare Sache, die durch gegenseitige Vorwürfe hochgeschaukelt wird.

Auf Augenhöhe begegnen

Letzteres passiert gerade im Austausch mit Jugendlichen in der Pubertät sehr schnell. Sie sind oft ganz generell im Streitmodus, wollen die Grenzen des Gegenübers austesten und geniessen es, Reiz auszulösen. In dieser Phase ist es ein willkommenes Futter für sie, wenn sich ein Konflikt anbahnt. Dabei lassen sie sich allerdings auch von einer ­defensiven, friedlichen Reaktion kaum daran hindern, den Streit weiter zu suchen. Dass diese Phase ein absehbares Ende hat, ist hier wohl die einzige Beruhigung für geplagte Eltern.

Wenn es überhaupt ein allgemein gültiges Fazit gibt, dann wohl das, dass wir die Kraft finden müssen, Konflikte durchzustehen. Ob am Ende eine harte Linie oder ein Nachgeben steht, ist nicht mal so bedeutend – so lange es nicht immer dasselbe ist. Kinder wollen – und sollen – ernst genommen werden. Der einfachste Weg ist es, ihnen auf Augenhöhe als Gesprächspartner zu begegnen. Und dazu gehört übrigens auch, dass Eltern ihre Konflikte untereinander offen austragen, nicht im Sinn des lautstarken Streits, sondern des offenen Gesprächs mit Lösungsbereitschaft. Das ist die wertvollste Lektion fürs spätere Leben.

erstellt von Stefan Millius