Hallo Baby - hörst du mich?

Der Hörsinn spielt im Kleinkindalter eine zentrale Rolle: Er bildet die Basis für das Erlernen der Sprache sowie den Erwerb der kommunikativen Fähigkeiten. Deshalb ist es wichtig, eine allfällige Hörminderung möglichst frühzeitig zu erkennen und schnell darauf zu reagieren.

Neugeborene haben bereits mehrere Monate Hörerfahrung im Mutterleib hinter sich. Ihr Hör- und Sprachvermögen entwickelt sich nach der Geburt weiter, indem sie Stimmen und andere akustische Reize aus ihrer Umwelt hören und nachahmen. Erfährt das Gehirn aufgrund eines unversorgten Hörverlusts keine Hörreize, kann sich die altersgerechte Sprachentwicklung verzögern und ist nur schwer wieder aufzuholen.

Jeden Tag auf Entdeckungsreise

In den ersten Lebensmonaten wird der Grundstein für das Erlernen von Sprache gelegt. Das Hör- und Sprachvermögen ist für die emotionale und soziale Entwicklung ausschlaggebend und bildet die Basis für das spätere gesellschaftliche sowie berufliche Leben. Daher ist es besonders wichtig, dass ein Hörverlust bei Babys frühzeitig entdeckt und versorgt wird. Kleinkinder gehen jeden Tag auf Entdeckungsreise: Über ihre fünf Sinne nehmen sie ununterbrochen neue Eindrücke wahr und lernen ständig dazu. Ist ein Sinnesorgan beeinträchtigt, kann dies negative Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung haben. Besonders deutlich wird dies beim Hörvermögen: Erst über mehrmaliges Hören und Nachahmen von Sprache passen Kinder ihre Aussprache an und lernen die Bedeutung der Wörter sowie später den Satzbau. Verläuft die Entwicklung normal, ist ein Grundinventar an Sprache im Alter von drei bis vier Jahren vorhanden.

Versäumnisse wirken sich auf Entwicklung aus
Erfahren Kleinkinder aufgrund einer unversorgten Hörminderung nicht ausreichend oder gar keine Hörreize, lernen sie nur stark verzögert oder überhaupt nicht sprechen. Versäumnisse in dieser Entwicklungsphase sind nur schwer wieder aufzuholen und können sich auf die persönliche Entwicklung sowie die schulischen und später auch die beruflichen Möglichkeiten auswirken. Betroffene Kinder haben oft Schwierigkeiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation und fühlen sich sozial isoliert. Daher ist es so wichtig, dass ein Hörverlust bei Kleinkindern nicht zu lange unbemerkt bleibt. Ziel sollte eine Versorgung mit entsprechenden Hörlösungen ab einem Alter von etwa sechs Monaten sein. Zusammen mit medizinischen und therapeutischen Massnahmen trägt dies zu einer altersgerechten Entwicklung bei.

Auslöser für Hörverlust bei Babys

Die Ursachen für einen Hörverlust bei Babys sind unterschiedlich und können zu verschiedenen Zeitpunkten auftreten. "Etwa die Hälfte aller vorgeburtlichen Fälle sind genetisch bedingt", sagt  Dr. Dorothe Veraguth, leitende Ärztin Audiologie am Universitätsspital Zürich. Aber auch Infekte der Mutter während der Schwangerschaft, beispielsweise Röteln, oder schädliche Substanzen wie Alkohol, die während der Schwangerschaft eingenommen werden, können eine Hörminderung hervorrufen. Komplikationen bei der Geburt (z. B. Sauerstoffmangel), Kopfverletzungen oder unbehandelte Ohrinfekte können Auslöser für einen Hörverlust sein. Der sogenannte lärmbedingte Hörverlust kann leicht vermieden werden. Diese Art von Hörminderung wird beispielsweise durch zu lautes Kinderspielzeug verursacht. Babys halten sich die lauten Spielsachen gerne an Gesicht und Ohren, was das junge Gehör unwiderruflich schädigen kann.

Wie erkennt man Hörverluste beim Kleinkind?

Jährlich werden weltweit rund 665'000 Kinder mit einem signifikanten Hörverlust geboren. Und auch in der Schweiz kommen von 1000 Neugeborenen, deren Gehör getestet wurde, ein bis zwei mit einem Hörverlust auf die Welt, der bereits in den ersten Lebensmonaten mit Hörgeräten versorgt wird. In der Schweiz bieten mittlerweile 93 Prozent der Geburtskliniken das sogenannte Neugeborenen-Hörscreening kurz nach der Geburt an. Eltern sollten ihren Arzt darauf hinweisen, dass sie den Test wünschen. "Das Screening dauert nicht lange, ist komplett schmerzfrei und sorgt schnell für Klarheit, ob weitere Höruntersuchungen nötig sind", sagt Dr. Dorothe Veraguth. "Es sollte erst ab dem ersten bis zweiten Lebenstag durchgeführt werden, da direkt nach der Geburt oft noch Fruchtwasser in den Ohren ist. Dies kann zu falschen Testergebnissen führen." Eltern sollten darauf achten, wie ihr Baby auf akustische Reize (z.B. laute Geräusche wie Klatschen) reagiert. Wenn sie Bedenken bezüglich der Reaktion ihres Kindes haben, sollte der Kinderarzt aufgesucht werden. Ein weiteres Anzeichen: nehmen die Laute, welche Babys von sich geben, plötzlich ab oder weisen sie wenig Höhen und Tiefen auf, sollten Eltern - im wahrsten Sinne des Wortes - hellhörig werden. Ein weiterer Hinweis kann sein, wenn das Lautmalen des Kleinkindes weniger vielfältig ist als bei Altersgenossen ("monotones Lallen"). Auch wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen nur sehr langsam sprechen lernt oder gar keine Laute mehr von sich gibt, sollten sie der Sache auf den Grund gehen.

Gewusst?
Das schweizerische Fingeralphabet der Gebärdensprache können Sie direkt online am PC lernen: www.gebaerden-sprache.ch. Hier finden Interessierte viele weitere Informationen rund um die Sprachentwicklung, den Spracherwerb sowie die Geschichte der Gebärdensprache und der Gehörlosen.


Testen Sie das Gehör Ihres Babys!

Unter drei Monaten: Klatschen Sie hinter dem Kopf Ihres Kindes in die Hände. Wenn es sich erschreckt, dann hört es gut. Falls das nicht der Fall ist, wiederholen Sie diesen Test zur Sicherheit ein paar Mal, bevor Sie einen Arzt aufsuchen.


Zwischen vier und sechs Monaten: Rufen Sie den Namen Ihres Kindes. Reagiert es auf Ihre Stimme oder dreht es sich Ihnen zu? Testen Sie, ob Ihr Kind, wenn es ein interessantes Geräusch hört, den Kopf dreht und dorthin schaut.

Zwischen sechs und zehn Monaten: Prüfen Sie, ob Ihr  Kind auf den eigenen Namen  und gewohnte Geräusche wie Telefonklingeln oder Staubsaugen reagiert.

Zwischen zehn und 15 Monaten: Bitten Sie Ihr Kind, auf ein bekanntes Objekt in einem Bilderbuch zu zeigen. Falls es  das nicht kann, hört es  möglicherweise schlecht.

Quelle: Universitätsspital Zürich, Erhebung zum Hörscreening in der Schweiz, 2012. Redaktion: Christina Bösiger

Kidy swissfamily April/2014