Geschwister: Wir lieben und wir hassen sie

Für Eltern ist es oft eine rationale Entscheidung: Wie viele Kinder sollen es denn sein? Für das «Ergebnis» hingegen ist es lebensprägend. Als Einzelkind, mit einem Geschwister oder mit mehreren: Das Leben verläuft anders, je nachdem, wie die Situation aussieht. Aber was tun sie denn eigentlich mit uns, die Brüder und Schwestern?

Einzelkinder sind gesellschaftlich verpönt. Es gibt viele Klischees über sie. Der Grundtenor: Wie soll man soziale Skills entwickeln, wenn man jahrelang das einzige Kind ist, bevor es in Kindergarten und Schule geht? Das Ergebnis, so glauben viele, kann nicht gut sein. Zwar widerlegen Studien diese Stammtischthesen, aber das nützt in aller Regel wenig.

Lustige Momente und Spannungen

Fragt man die Kinder selbst, gewinnt man kein einheitliches Bild. Einzelkinder wünschen sich oft Geschwister, weil sie das, was sie bei anderen sehen, als erstrebenswert empfinden. Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen, sagen aber gerne auch mal unverblümt, sie wären lieber alleine. Denn schliesslich müssen sie dauernd teilen, und neben lustigen Momenten gibt es auch viele Spannungen zwischen Geschwistern. Wie viele Kinder letztlich einen Haushalt bevölkern, ist die Entscheidung der Eltern, oft bewusst, manchmal mit einem «Unfall» verbunden. Die Kinder müssen mit dem leben, was die Eltern wollen. Eine Familie ist eine Art kleiner Urknall: Was daraus entsteht, ist ein Ergebnis, das unabänderlich ist und mit dem man zurechtkommen muss.

Ein inneres Band

Geschwister durchleben meist verschiedene Phasen. Da ist zunächst der Zeitraum, in dem das, was ist, einfach ist, und sie kommen gar nicht auf die Idee, das zu hinterfragen. Da lebt ganz einfach noch jemand unter demselben Dach, und mit ihm oder ihr arrangiert man sich automatisch. Später erwachen die ganz individuellen Bedürfnisse, und diesen steht Bruder oder Schwester dann und wann im Weg, was Ärger hervorruft. Zudem ist man mit seinen Geschwistern einfach auf Gedeih und Verderb verbunden, man kann sie nicht austauschen wie Freunde auf der Strasse, und diese Erkenntnis ist auch nicht immer erfreulich. In anderen Momenten wiederum ist es genau dieses innere Band, das unabhängig von der Situation einfach besteht, das Sicherheit gibt. Wer sich in der Kindheit fetzt, ist nicht zwingend fürs Leben zerstritten. Es gibt wundervolle Beispiele für tiefe Verbundenheit im Erwachsenenalter von Geschwistern, die sich ihre Kindheit lang in den Haaren lagen. Und natürlich auch den umgekehrten Fall. Oft ist es auch so, dass man sich ein wenig aus den Augen verliert, weil die Lebenswege unterschiedlich verlaufen, doch wenn die Geschwister aufeinandertreffen, stellt sich das Urvertrauen ein, das in der Kindheit entstanden ist – selbst wenn man sich manchmal stundenlang angebrüllt hat.

Extreme Momente erleben

Wie entsteht diese Vertrautheit eigentlich? Ist es einfach die Tatsache, dass man über viele Jahre so viel Zeit miteinander verbracht hat? Das tun wir später auch mit so manchem Arbeitskollegen, ohne dass diese Nähe daraus entstehen würde. Es ist wohl mehr. Zum einen der Umstand, dass wir alle möglichen Situationen miteinander erlebt haben. Gute und schlechte Momente, ein Streit zwischen den Eltern, der Umzug in eine neue Umgebung, eine Trennung. Es gibt extreme Umstände, die andere Menschen, selbst enge Freunde, nicht mit uns durchlebt haben – nur unsere Geschwister. Und es ist die Erkenntnis, dass wir selbst nach dem ärgsten Streit wie von allein wieder zueinanderfinden. Vielleicht nicht einmal immer freiwillig. Wir wissen ja, dass man ein Geschwister nicht einfach «loswird» wie einen Kollegen, der sich plötzlich negativ verändert hat. Das alles mag reichlich unromantisch klingen, aber letztlich ist eine Familie eben doch das: Eine Zweckgemeinschaft. Beim näheren Hinsehen ist das nur logisch. Schon die Tatsache, dass Vater und Mutter zueinandergefunden haben, ist nicht selten einer Reihe von Zufällen geschuldet. Und aus dieser Verbindung entstehen Kinder, die zwar genetisch viel gemeinsam haben, aber dennoch auch Unterschiede aufweisen. Vorauszusetzen, dass sich diese bunte Mischung nun zwangsläufig blind versteht, wäre ein bisschen viel. Es ist ein Zusammenraufen, ein wiederholtes Zusammenfinden. Und dennoch mit ganz anderen Vorzeichen als bei einer «banalen» Freundschaft. Es ist eines dieser Dinge, die man nicht erklären, nur fühlen kann.

Einander komplett machen

Es gibt viele Geschwister, die sich im Verlauf der Jahre auseinanderleben und nichts mehr miteinander zu tun haben. Aber in vielen Fällen hat es eben doch Bestand, dieses ganz besondere Band, das man nicht konstruieren kann wie in einer Ehe, sondern das ganz einfach da ist. Viele Geschwister stellen denn auch im Gespräch nüchtern fest: «Ich wäre nicht komplett ohne sie oder ihn.» Für Eltern wiederum ist es faszinierend, die Entwicklung der Beziehung unter Geschwistern mitzuerleben. Wie sie sich zunächst ganz selbstverständlich annehmen, sich später voneinander distanzieren oder sogar entfremden und dann wieder zueinanderfinden. Es ist eine Kombination, die man vielleicht mit keinem anderen Menschen je finden wird. In Beziehungen sprechen wir oft von «Seelenverwandtschaft ». Ein wunderschönes Wort, oft vorschnell gebraucht. Es ist nie so angebracht wie dann, wenn wir von Geschwistern sprechen.

erstellt von Stefan Millius