Freies Spielen, Fernsehen, Computerspiele, Gameboy und Co

Kinder lieben es, zu spielen, am liebsten mit anderen Kindern. Der Fernseher war noch vor nicht allzu langer Zeit in vielen Familien ein rares Gut und sein Gebrauch wurde eher restriktiv gehandhabt. Im Zeitalter von Multimedia hat sich dies verändert. Fernseher und Ipads werden von vielen Kindern bereits ab dem Vorschulalter konsumiert und in vielen Kinderzimmern finden sich Computer und Spielkonsolen. Der Umgang mit den neuen Medien ist oft eine Herausforderung für die Eltern. Im Interview erklärt Erziehungswissenschafter Marco Hüttenmoser, Gründer der Forschungsstelle «Kind und Umwelt», wie wichtig Spielen und geeignete Spielräume für Kinder sind und was für ihn ein vernünftiger Medienkonsum ist.

Marco Hüttenmoser, was für eine Bedeutung hat Spielen allgemein für die Entwicklung eines Kindes?
Das Spiel der Kinder ist wohl die wichtigste Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Kinder, insbesondere was die Sinneswahrnehmung und die motorische Entwicklung betrifft.

Hat sich das Spielverhalten der Kinder über die letzten Jahre verändert und falls ja, was stellen Sie hier fest?
Nein! Das Spiel der Kinder basiert nach wie vor auf den Grundlagen eines möglichst vielfältigen Einsatzes der verschiedenen wachsenden Fähigkeiten.

Kinder schauen heute bereits im Vorschulalter Filme auf Tablets oder im Fernsehen und immer mehr Kinder beschäftigen sich immer früher mit Computerspielen oder Spielkonsolen. Finden Sie das bedenklich oder ist es einfach eine Folge unserer multimedialen Welt?
Verändert hat sich weniger das Spiel der Kinder, sondern die Situationen, in denen sie spielen können und dürfen. Diese haben sich zum Nachteil der Kinder wesentlich verändert. Für einen grossen Teil der Kinder konzentrieren sich spielerische Aktivitäten auf das Spiel in Innenräumen, sei dies in der Wohnung oder in den Räumen, wo institutionelle Förderung und Betreuung erfolgt. Dies hat zu einer Verarmung der spielerischen Tätigkeiten geführt. Das heisst, die Kinder können ihre an sich vorhandenen Fähigkeiten der Wahrnehmung und der Motorik nicht mehr umfassend einsetzen und fördern, was wesentliche Defizite etwa in der Motorik und Wahrnehmung zur Folge hat.

Viele Kinder und gerade auch Jugendliche würden am liebsten stundenlang gamen, so die Eltern sie denn liessen, und das führt regelmässig zu Konflikten. Wie sollen sich Eltern hier am besten verhalten und wie erklären Sie sich das?
Das übermässige Spiel am Computer hat wesentlich damit zu tun, dass die Kinder heute keine Alternativen haben. Ein einfaches Experiment kann dies belegen: Sitzt Ihr Kind am Bildschirm, so öffnen Sie das Fenster. Hört das Kind, dass seine Freunde draussen spielen, so ist es Minuten später ebenfalls im Freien. Das Spiel mit Freunden im Wohnumfeld ist weit attraktiver als stundenlanges Spiel am Bildschirm. Auch das iPod wird, ins Freie mitgenommen, bald in Hosensack verschwinden, wenn ein Ball rollt.

Was heisst das konkret?
Das Beispiel verweist auf ein Grundproblem der heutigen Gesellschaft: Es fehlt an geeigneten und bereits für jüngere Kinder eigenständig erreichbaren Spielräumen in
unmittelbarer Umgebung. Der übermässige Medienkonsum, Übergewicht, mangelnde Sozialkontakte und Selbstständigkeit sowie Kurzsichtigkeit u. a. hängen wesentlich damit zusammen, dass unsere Gesellschaft den Kindern keine geeigneten Räume zur Verfügung stellt oder deren eigenständige Erreichbarkeit verhindert. Sind Eltern gezwungen, aufgrund geschlossener Türen oder gefährlicher Verkehrssituationen ihre Kinder ständig zu begleiten, so reduziert sich das Spiel der Kinder im Freien wesentlich. So fordern heute etwa Augenärzte, dass die Kinder täglich zwei Stunden im Freien spielen sollten, um Kurzsichtigkeit zu verhindern.

Eltern müssen sich im Alltag mit den Kindern mit vielen Situationen, die Konflikte bergen können, auseinandersetzen, so auch mit dem Medienkonsum ihrer Kinder. Was ist hier Ihrer Meinung nach wichtig?
Der ständige Streit zwischen Eltern und Kindern droht letztlich auch die Beziehung zwischen den Eltern und Kindern zu vergiften. Es gibt ja nicht nur Medien, sondern zahllose weitere Einflüsse, auf die die Eltern reagieren müssen. Das heisst, das ständige Neinsagen hat seine Grenzen. Sinnvoller wäre, wenn Beratungsstellen für junge Eltern geschaffen würden, in denen sie kompetent und umfassend orientiert werden, wo sie wohnen sollten.
Worauf es ankommt! So ist die Wahl eines Einfamilienhauses auf dem Land für jüngere Kinder nicht zu empfehlen. Im eigenen Garten wird ein Kind kaum länger spielen, wenn es dort allein ist. Kinder brauchen Kinder! Dies wiederum hat Konsequenzen für die Bauplanung. Gute, kinderfreundliche Siedlungen bilden heute die ideale Umgebung
für das Aufwachsen jüngerer Kinder.

Das Spielen im Freien ist das eine. Die Kinder wachsen heute nun mal aber auch mit den neuen Medien auf …
Es geht nicht darum, den Medienkonsum grundsätzlich abzulehnen. Gezielt bestimmte Sendungen auszuwählen, ist jedoch wichtig. Mit dem Kind zu diskutieren, was es anschauen möchte oder gemeinsam herauszufinden, was sinnlos ist, gehört genauso wie das gemeinsame Spiel der Eltern mit den Kindern zu einem aufbauenden Kinderalltag. Gute Sendungen, etwa Dokumentarfilme, können sich anregend auf das Spiel im Freien auswirken. Wichtig ist, nicht nur für Inhalte an den Medien, sondern generell, dass Kinder möglichst viel von dem, was sie am Bildschirm mitbekommen oder ihnen in der Kita, im Kindergarten, in der Schule unterrichtet und gezeigt wird, selber im Spiel zu Hause, im Freien nachvollziehen und selbstständig vertiefen und ergänzen können.

Video- und Computerspiele können je nachdem förderlich, aber auch schädlich sein. Wann sind sie aus Ihrer Sicht förderlich und wann eher schädlich?
Brutale und gewalttätige Spiele und Filme sind abzulehnen, auch wenn immer darauf hingewiesen wird, dass es auf das Umfeld ankommt, ob solche Filme sich schädlich
auswirken. Zu einseitig wird die Beurteilung von Computerspielen auf deren Inhalt beschränkt. Vergessen geht dabei die «banale» motorische Komponente: Das ständige
Auf-den-Tasten-Herumhacken und In-den-Bildschirm-Starren ist nicht nur einseitig, sondern auch ein wesentlicher Aspekt bei der Entstehung einer Spielsucht. Es ist wie beim Erdnussknacken. Man kann nicht mehr aufhören. Setzen derartige Spielaktivitäten schon früh ein und werden über eine längere Zeit hin ausgeübt, so nützt auch das Angebot von Alternativen, etwa draussen spielen, nichts mehr und es bleiben nur noch Verbote und strenge Regeln.

Eine mögliche Alternative oder Ergänzung zu Computerspielen bieten Brettspiele und Gesellschaftsspiele, welche Eltern und Kinder gemeinsam spielen können. Was können Kinder von ihnen lernen?
Spiele am Bildschirm und Videofilme haben grundsätzlich den Nachteil, dass zumeist keine Spielpartner anwesend sind. Der Spieler ist isoliert. Dies ist bei Brett- und Gesellschaftsspielen anders. Hier spielt der lebendige Kontakt zum Spielpartner respektive zu mehreren anwesenden Bezugspersonen, Freunden, der ganzen Familie, eine bedeutende Rolle. Das Spiel erfährt eine wichtige Bereicherung.

Vor ein paar Jahrzehnten gab es viele der neuen Medien noch nicht und die Kinder mussten häufig ihre eigenen Spiele erfinden, Stichwort «Freies Spielen». Findet dies auch heute noch genügend statt oder müssten Eltern dies Ihrer Meinung nach aktiver fördern?
«Freies Spielen» findet auch heute noch statt, zum Beispiel in der Kita, im Kindergarten, auf dem öffentlichen Spielplatz und in der Wohnung. Man muss aber unterscheiden zwischen begleitetem freien Spielen und dem unbegleiteten freien Spiel. Dieses ist heute praktisch nur noch in einem guten Wohnumfeld möglich.

Was bedeutet das?
Die öffentlichen Spielplätze können von jüngeren Kindern, auch wenn sie in der Nähe liegen, nicht unbegleitet erreicht werden. Sind die Kinder begleitet, so beobachtet man immer wieder Eltern oder Grosseltern, die intervenieren, wenn das Kind etwas unternehmen will oder wenn es Streit gibt. Das unbegleitete Spiel hingegen fördert die Selbstständigkeit der Kinder. Voraussetzung ist allerdings, dass ein Kind bei Bedarf selbstständig in die Wohnung zurückgehen kann. – Entscheidend ist die Erreichbarkeit des Spielraumes.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht freies Spielen für die Kinder und welchen Einfluss hat es auf die Entwicklung eines Kindes bzw. was genau wird dadurch gefördert?
Ist die selbstständige Erreichbarkeit gegeben, so spielen die Kinder in der Freizeit stundenlang im Freien, bewegen sich, knüpfen Kontakte, erkunden die Umgebung und
schärfen dabei ihre Wahrnehmung. Sie lernen auch Konflikte mit andern Kindern eigenständig zu lösen und sie sitzen nachweisbar weniger vor dem Bildschirm. Welche
Mutter, welcher Hausmann ist nicht froh, wenn er seinem Sohn, seiner Tochter ganz einfach sagen kann: «Jetzt haus emol use!»

Was braucht es also?
Einmal mehr wird deutlich: Das Spielen der Kinder und somit die gesunde Entwicklung ist wesentlich eine Frage des verfügbaren Raumes und somit eine Aufgabe der Gesellschaft,
die den Kindern diese Räume im Freien und insbesondere im Wohnumfeld zur Verfügung stellen muss. Dabei darf man nicht vergessen: Auch Eltern mit kleinen Kindern schätzen es gar nicht, wenn man ihnen den Parkplatz vor dem Gartentor wegnimmt, damit dort Kinder spielen können.

Von Kindern kommt immer mal wieder der Spruch: «Mir ist langweilig.» Was ist aus Ihrer Sicht hier förderlicher für das Kind – dass die Eltern aktiv Tipps und Ideen fürs Spielen liefern oder dass die Kinder sich selber etwas ausdenken müssen?
Abgesehen davon, dass Langeweile durchaus ein Anstoss für kreatives Handeln und das Erfinden neuer Spiele sein kann, beim Spiel im Freien mit andern Kindern in der Nachbarschaft kommt Langeweile kaum auf.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach das gemeinsame Spielen von Eltern und Kindern, also eben zum Beispiel Brettspiele oder Gesellschaftsspiele oder gemeinsame Erlebnisse draussen in der Natur etc. – Stichwort gemeinsames Erleben? Inwiefern kann dies förderlich für die Familiendynamik sein?
Das gemeinsame Spiel in der Familie mit Vater und Mutter oder – wenn es das noch gibt – mit Geschwistern ist wichtig und bereichernd. Genauso wichtig ist aber die Entlastung
der Familie durch die Möglichkeit, ihr Kind oder ihre Kinder ins Freie zu schicken, um auch eigene Bedürfnisse zu erfüllen, sich ganz einfach einmal hinzulegen und ein Buch zu lesen. Eine grosse Wohnung mit Zimmern, in denen jeder seinen Interessen nachgehen kann, ist sicher wichtig. Kann sich eine Familie dies aber nicht leisten, so ist ein gutes Wohnumfeld, in dem Kinder aus der Nachbarschaft spielen, sehr wichtig, ja noch wichtiger als eine
grosse Wohnung.

Können Sie Eltern ein paar generelle Tipps geben in Bezug aufs Spielen – wie sie das aktiv fördern können, sei es am Familientisch oder draussen in der Natur?
Ganz entscheidend ist, sich zu fragen, wo kann mein Kind am besten aufwachsen, hat es ein gutes, eigenständig erreichbares Wohnumfeld, das nicht vom Strassenverkehr
bedroht ist? Hat es in der Nachbarschaft weitere Kinder? Kinder, die in guten Umgebungen aufwachsen, gehen auch sehr rasch unbegleitet in den Kindergarten und später in die Schule. Kurz, sie integrieren sich weitgehend problemlos in unsere Gemeinschaft.

Entscheidend für eine gesunde Entwicklung des Kindes und seines Spielverhaltens ist also vor allem eine gute Umgebung...
Kinder sind stark, sofern die Umgebung zulässt, dass sie stark werden. – Ein mögliches Missverständnis muss jedoch beseitigt werden: Die Aufgabe, den Kindern das für ein gesundes Aufwachsen richtige Umfeld zu bieten, ist nicht ausschliesslich Aufgabe der Gesellschaft. Jeder ist Teil dieser Gesellschaft und muss sich dafür einsetzen, dass die Kinder wieder die nötigen Räume erhalten. Dieser Einsatz dauert Jahre und oft erreicht man die erforderlichen Veränderungen erst für die Enkelkinder.

Zur Person:

Marco Hüttenmoser, ist Erziehungswissenschafter und Kunsthistoriker. Er forscht seit 40 Jahren im Bereich Kind und Umwelt und gründete die Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt».

erstellt von Tanja Millius