Freie Sicht nach vorne!

Schulmüdigkeit, Konzentrationsstörungen und Leseprobleme bei Kindern in den ersten Primarschuljahren können unter Umständen mit einer Sehschwäche zu tun haben. Frühes Erkennen einer Fehlsichtigkeit bietet die Chance, dass der Einstieg ins Schulleben gelingen kann.

«Wir gehen nicht in die Schule, um die Zeit zu vertreiben, sondern weil das irrsinnig Spass macht. Die Lehrer begeistern uns jeden Tag. Alles, was sie uns beibringen, ist unglaublich spannend. Manchmal wissen die noch mehr als unsere Eltern.»

Na, können Sie den Text lesen und verstehen? Als normalsichtiger oder mit einer Sehhilfe ausgestatteter Erwachsener konnten Sie diesen heillosen Buchstabenmix bestimmt sehr rasch ordnen, sodass sich daraus der altklug-abgehobene Text ergibt: «Wir gehen nicht in die Schule, um die Zeit zu vertreiben, sondern weil das irrsinnig Spass macht. Die Lehrer begeistern uns jeden Tag. Alles, was sie uns beibringen, ist unglaublich spannend. Manchmal wissen die noch mehr als unsere Eltern.» Ein Kind hingegen, das sich aufgrund eines Mangels bei der Augen-Koordination oder sonst einer visuellen Wahrnehmungsstörung diesem Buchstabenwirrwarr ausgesetzt fühlt, wird in seinem Leseeifer rasch erlahmen und in seiner Lese- und Lernfähigkeit behindert. Lesen und rasches Erfassen von Texten gehören auch im Internetzeitalter immer noch zu den Schlüsselkompetenzen der intellektuellen Entwicklung. Die Fähigkeit des Lesens wird dem Kind in einem Alter vermittelt, in welchem seine Sehfähigkeit noch nicht voll ausgebildet ist. Mängel in der Sehentwicklung können deshalb sehr rasch zu massiven Problemen führen: Das Lesen – als Tor zur Welt des Wissens und der Kommunikation – wird zum Stressfaktor, der sich insgesamt auf die Schulleistung negativ auswirken kann. Drückt sich ein Kind mit allen möglichen Tricks vor Leseübungen und zeigt es kaum Lust, freiwillig Texte zu entziffern, dann sollte man ihm weder Faulheit vorwerfen noch der medialen Bilderflut die Schuld geben. In so einem Fall lohnt es sich, abzuklären, ob gegebenenfalls eine Sehstörung vorliegt.

Sehprobleme frühzeitig abklären
Dies rät auch Frau Dr. Ferdinanda Pini-Züger, Leiterin des Schulärztlichen Dienstes des Kantons Zürich im Interview.

Frau Dr. Pini-Züger, ab welchem Alter kann die Sehfähigkeit bei Kindern das erste Mal überprüft werden? Welche Tests werden gemacht und wie genau?
Bereits im Säuglingsalter ist eine Prüfung der Sehschärfe möglich, in diesem Alter mit Tafeln, die sogenannten «Preferential looking». Ab 3 bis 4 Jahren ist eine verlässliche Untersuchung mit den E-Haken und anderen Methoden möglich. Bei den Schulärztlichen Untersuchungen im Kindergartenalter verwenden wir für den Fernvisus die E-Haken (5 Meter Distanz bei gutem Licht) und für die Stereopsis (3-D-Sehen) in erster Linie den TNO-Test und in zweiter Linie den Lang-Test. Der Nahvisus wird erst geprüft ( mittels LEA-Test), wenn beim Fernvisus eine Problematik festgestellt wird. In der Mittelstufe und in der Sekundarstufe werden Fernvisus mit E-Haken geprüft, das Farbsehen mit den Ishihara-Farbtafeln und ein Nahvisus auf Indikation, beispielsweise mit dem SZB-Test. Wie die Test funktionieren, können Interessierte mit einem Link auf unserer Website ausprobieren: www.vsa.zh.ch/sad → Schulärztinnen und Schulärzte → runterscrollen zu «Sehtest»: Hier findet man unsere standardisierten Visusscreenings und den Link zu unterschiedlichen Untersuchungsmethoden für den Nahvisus.

Welche Probleme können bei der Untersuchung auftreten oder wenn ein Kind schlecht sieht?
Die Untersuchungsgänge, die wir für Kindergarten und Schule brauchen, sind nicht schmerzhaft. Hier treten nie Probleme auf. Ganz im Gegenteil, für die Kinder ist es ein Spiel. Wenn ein Kind schlecht sieht, merkt es dies selber oft nicht. Deshalb ist das Screening der Sehschärfe in Kindergarten und Schule so wichtig. Auch die Eltern und die Schule merken eine Sehschwäche vielfach erst indirekt (siehe unter www.vsa.zh.ch/sad → Schulen und Schulbehörden → Informationsmaterial zur Abgabe an Eltern: Früherkennung von Sehstörungen). Oft äussert sich eine Sehschwäche mit einer nicht altersadäquaten schulischen Leistungsfähigkeit und «legasthenischen» Problemen, die dann dazu führen, dass aufwendige Abklärungen gemacht werden. Deshalb hier eine Empfehlung: Immer bei Schulproblemen eine Überprüfung der Seh- und/oder Hörfunktion durchführen lassen, am einfachsten beim Schularzt oder wenn die Eltern lieber zum Privatarzt wollen, durch ihn, bevor aufwendige Abklärungen eingeleitet werden.

Welches sind die häufigsten Sehprobleme?
Das sind die Ametropien (10 % laut Dr. Veit Sturm, Leiter Augenklinik St. Gallen, und Frau Prof. Klara Landau, Direktorin Augenklinik Unispital Zürich), d.h. Fehlsichtigkeiten, mit denen das Auge nicht die volle Sehschärfe erreicht (z.B. Weitsichtigkeit, Kursichtigkeit, Astigmatismus etc.). Dann kommt der Strabismus mit 5 % (laut Sturm und Landau), also das Schielen, wobei es hier auch sehr unterschiedlich Formen gibt und eine Fehlstellung beider Augen zueinander ausdrückt, die das binokuläre (beidäugige) Sehen tangiert, wobei das Schielen auch latent, also versteckt, sein kann. Dann als Drittes die Amblyopie mit 3 % (laut Sturm und Landau), die meist mit einer frühkindlichen Fehlentwicklung der Sehfunktion zusammenhängt. Sie kann sich z. B. dadurch äussern, dass ein Auge sehr schlecht sieht und die Sehfunktion nur von einem Auge übernommen wird.

Werden die Sehschärfen bei jedem einzelnen Auge überprüft oder bei beiden koordiniert?
Die Sehschärfe wird zuerst beim einen mit Abdecken des zweiten Auges und dann umgekehrt geprüft und binokulär erst dann, wenn ein Unterschied der Sehschärfe des rechtenund linken Auges zu sehen ist.

Wann braucht ein Kind eine Brille?
Immer dann, wenn der Sehfehler sich negativ auf die Augen- und Sehentwicklung auswirken kann oder wenn die Abweichung der Sehschärfe beim einen und anderen Auge zu gross ist.

Wie wichtig ist gutes Licht?
Sehr wichtig, denn bei schlechtem Licht müssen sich die Augen sehr anstrengen, was mit der Zeit ermüdet. Ausserdem sollte auch darauf geachtet werden, dass die Lichtquelleein angenehmes Licht verbreitet und nicht blendet. Die Lichtquelle sollte nicht verdeckt werden, das heisst, man soll beispielsweise so sitzen, dass das Licht auf die Unterlage scheint und nicht an den Rücken, was einen Schattenwurf verursacht. Am Schreibtisch sollte eine Schreibtischlampe angebracht werden. Zudem ist wichtig: Kein stundenlanges Fernsehen, den Fernseher in grosser Distanz aufstellen und für gutes Raumlicht sorgen. Dasselbe gilt bei Arbeiten mit dem PC.

Gibt es Tipps, worauf Eltern achten könnten?
Hier empfehle ich Eltern unser Merkblatt «Früherkennung von Sehstörungen» (siehe auch Linktipp). Hier sind die wichtigsten Tipps aufgeführt. Allgemein möchte ich festhalten, dass das flächendeckende und kollektive Screening der Sehschärfe in der Schule und insbesondere im Kindergarten sehr wichtig ist, denn viele Sehstörungen werden erst dann und dadurch entdeckt. Doch die Untersuchung im Kindergarten- und Schulalter kann auch bereits zu spät sein, weil Sehstörungen im frühkindlichen Alter entstehen und dann auch am besten zu behandeln sind. Deshalb sollen Eltern, die eine familiäre Belastung diesbezüglich haben, unbedingt ihre Kinder von ihrer Kinderärztin oder ihrem Kinderarzt oder sogar von ihrer Augenärztin oder ihrem Augenarzt untersuchen lassen, auch wenn (noch) keine Symptome vorhanden sind. Zudem sollen Kinder zwar viel lesen und heutzutage gehörtauch der PC zum schulischen Instrument, aber sie sollen auch viel draussen spielen. Das bringt einerseits den Augen Entspannung und andererseits werden die motorischen Fähigkeiten gefördert, die bei sitzender und stiller Arbeit zu kurz kommen. Gute motorische Fähigkeiten helfen mit für eine gute Orientierung im Raum und für ein gutes körperliches und seelisches Gleichgewicht. Heute gilt eine Brille auf der kindlichen Nase als ebenso schick wie bei einem Erwachsenen. Für Kinder gibt es auch die Möglichkeit der Linsen. Damit möchte ich sagen, dass Eltern, die eine Korrektur der Sehstörung als Makel empfinden, sich unbedingt gut beraten lassen sollen. Denn Kindern und Jugendlichen mit nicht korrigierten Sehstörungen tut man etwaszuleide, sie können sich sehr viel schlechter in einer komplexen Welt bewegen und orientieren.

Linktipp: Hier finden Eltern kostenlos Informationsmaterial, zum Beispiel das Merkblatt «Früherkennung von Sehstörungen», das in Zusammenarbeit mit der Vereinigung Augenärzte Kanton Zürich und der Universitäts-Augenklinik entstanden ist. www.vsa.zh.ch

erstellt von Christina Bösiger

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