Essen gehen, und kein Spass?

Unser Wiener Kolumnist, der Heilpädagoge Gerhard Spitzer, sorgt für «kindgerechte Entspannung» im Restaurant.

Gschmuch im Beiz?

«Wie sehr habe ich unsere Restaurantbesuche immer geliebt! », schwärmt Urs K. mit strahlendem Lächeln am Anfang unserer ersten Beratungssitzung, «das gute Essen und ein edles Tröpfle Wein dazu. Obendrein der angenehm ruhige Service und am Ende der Luxus, nichts aufräumen zu müssen!» In diesem Moment aber wird der Gesichtsausdruck des jungen Vaters plötzlich düster: «Aber da hatten wir noch keine Kinder! Mit unseren beiden Buben, Mario und Jonas machts mich nur no uuliidig, wenn meine Frau ins Beiz essen gehen mag!» Was denn so alles geschähe im Speiselokal, will ich wissen. Auf diese Frage scheint Vater Urs nur gewartet zu haben: «Erschtmal ist Mario, der Ältere, mit seinen fünf Jahren ziemlich schnäderfrässig und tut heftig zwängele, wenn ihm irgendein Essen nicht gleich passt. Und der drei jährige Jonas isch halt nie lange ruhig im Beiz. Meist fängt er gleich mit brüäle an, wenn er zum Beispiel nicht dasselbe bekommt wie sein Bruder. Meistens lässt er sich nicht einmal sein Essen schneiden und schon gehts los! Und wenn er anfängt, sein Hampfle zu schliirgge, möchte ich dann immer aufstehen und gehen! Wie soll man das hinbekommen?»

Ganz normaler Wahnsinn

Erst einmal darf ich den armen Urs, und damit hoffentlich auch Sie, liebe FamilienSPICK-Leser beruhigen: Situationen wie diese sind in Restaurants in Begleitung von kleinen Kindern, aber auch oft mit grösseren Sprösslingen nicht sehr überraschend. Ein lieber deutscher Autoren-Kollege würde es sicherlich schmunzelnd den «ganz normalen Wahnsinn» nennen! Aber das muss nicht sein! Viele Eltern übersehen, dass der Besuch eines Restaurants für Kinder einen Einschnitt in ihren gewohnten Alltag bedeutet. Besonders, wenn es sich um ein «gehobenes» Lokal handelt. Kinder sind nämlich erzkonservative Wesen, die es gar nicht gern haben, wenn sich etwas an liebgewonnenen Alltags-Routinen ändert. Bei vielen Kindern wirkt sich das dann beispielsweise aus, wenn sie mit den Eltern auswärts essen gehen sollen. Nicht jedes Kind findet eine Veränderung der Umgebungsbedingungen beim Essen «cool». Erstaunlich viele sind damit schlicht überfordert und sie verhalten sich auf einmal unverständlicherweise besonders «nervig».

Ich kann das

In fremder Umgebung kommt aber auch noch ein anderer kindlicher Verhaltensantrieb hinzu, den ich gerne den Ich-kann-das-auch-alleine-Effekt nenne: Kaum schneidet Mama das Fleisch auf dem Teller klein, brüllt Junior schon los! Meistens wird für so eine Reaktion die viel besungene «Trotzphase» verantwortlich gemacht. Doch Fachleute nennen diesen typisch kindlichen Drang, der im Alter zwischen drei und sechs Jahren besonders deutlich auftritt, eher «Autonomie-Phase». Die Kleinen wollen etwas alleine machen, ohne dauernden elterlichen «Eingriff», besonders dann, wenn auch noch fremde Leute zusehen könnten. Unter diesen besonderen Bedingungen etwas ganz ohne Hilfe machen zu dürfen, das hat schon etwas von Fast-erwachsen-Sein. Weil das natürlich alle Kinder dringend wollen, könnte auch Ihr kleiner Sonnenschein beim nächsten Restaurant-Besuch vielleicht plötzlich Gnade zeigen und sich bemerkenswert brav verhalten. Quasi als Dankeschön für Ihr grosses Vertrauen in seine tollen Fähigkeiten.

 

Tipps

  • Starten Sie Ihren Restaurantbesuch nicht zur «Rush-Hour»! Die allgemeine Hektik und der Lärmpegel eines vollen Lokals überfordern viele Kinder.
  • Nehmen Sie wahr, dass Ihr Kind schon «selber viel kann». Nichts spricht dagegen, dass Junior sein Essen mit stolzgeschwellter Brust selbst bestellen darf!
  • Das allseits beliebte «mundgerecht Schneiden» führt sehr oft zu lautstarken Protesten. Vielleicht kann auch der Jüngste schon sein Fleisch selber zerteilen?
  • Wenn aber doch Hilfe gebraucht wird, bestellen Sie bitte die Mahlzeit Ihres Kindes ein wenig früher als Ihre eigene. So können Sie sich liebevoll den Bedürfnissen Ihres Kindes widmen und danach selber in Ruhe essen.
  • Längere Zeit still sitzen zu müssen, kommt für Kinder einer netten «kleinen Folter» nahe! Erlauben Sie jede beliebige Sitzhaltung oder auch mal das Tauchen unter den Tisch. Geschieht das leise und unfallfrei, hat sicherlich  niemand etwas dagegen.
  • Bitten Sie den Kellner, die Speisen nicht direkt über den Kopf Ihres Kindes hinweg zu servieren! Oft ist es dieser kleine Schreck, der Kind er längere Zeit nicht mehr ruhig sein lässt.
  • Vergewissern Sie sich, ob das ausgesuchte Restaurant auch grosszügig mit Kindern rechnet. Das macht vieles leichter und den Abend zum angemessenen Genuss!