«Es gibt keine perfekten Eltern»

Früher waren körperliche Strafen eine «normale» Erziehungsmethode. Heute ist anerkannt, dass das der falsche Weg ist. Das heisst aber nicht, dass die Gewalt einfach verschwunden ist – sie hat lediglich andere Ursachen. Das sagt Yvonne Feri, Stiftungsratspräsidentin von Kinderschutz Schweiz im Gespräch mit dem FamilienSPICK. Und sie erklärt, wie die laufende Kampagne der Stiftung Abhilfe schaffen kann.

Yvonne Feri, die Sensibilisierungskampagne ist auf mehrere Jahre angelegt, bildet also einen Schwerpunkt in der Arbeit von Kinderschutz Schweiz. Warum gerade dieses Thema – gab es einen aktuellen Auslöser?
Als gemeinnützige Stiftung und Fachstelle setzen wir uns seit über 35 Jahren schweizweit dafür ein, dass alle Kinder in der Schweiz in Schutz und Würde gewaltfrei aufwachsen können, dass ihre Rechte gewahrt werden und ihre Integrität geschützt wird. Eine von uns an der Universität Fribourg in Auftrag gegebene Studie zum Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz zeigt, dass jedes zweite Kind in der Schweiz Gewalt in der Erziehung erlebt. Die Erkenntnisse der Studie unterstreichen die Wichtigkeit einer Sensibilisierung der Eltern für Risikosituationen in der Erziehung und den inadäquaten Einsatz von psychisch und physisch verletzenden Bestrafungen als Erziehungsmittel. Diese sind in vielen Schweizer Familien Alltagsrealität und gehören für einige leider immer noch zur Erziehung. Ziel von «Ideen von starken Kindern für starke Eltern» ist es, die öffentliche Diskussion zum Thema anzustossen und zum Umdenken und Handeln anzuregen.

Man hat allgemein den Eindruck, Gewalt in der Familie, körperliche Züchtigung als Bestrafung seien Relikte früherer Zeit. Täuscht dieser Eindruck also?
Eines der wichtigen Ergebnismuster der Studie ist, dass deutlicher als vor 15 Jahren und anders als vor 28 Jahren die Gewaltanwendung durch Eltern in der Familie nicht in erster Linie im Rahmen einer überlegten, absichtsvollen Erziehungshaltung erfolgt. Vielmehr lassen Eltern sich heute in schwierigen, stressigen Erziehungssituationen zu psychisch und physisch gewaltsamen Handlungen hinreissen. In den meisten Fällen wollen die Eltern ihren Kindern keine Gewalt antun, sie fühlen sich danach deswegenschlecht und bereuen ihre Handlungen in der Regel. Für einen grossen Teil der Eltern herrscht keine eindeutige Klarheit darüber, welche Verhaltensweisen psychische und physische Gewalt beinhalten und sie erkennen verschiedene Formen der Gewalt nicht als solche. Dies trägt zu viel Unklarheit bezüglich der Gewaltproblematik und einem wenig klaren Problembewusstsein bei.

Laut einer repräsentativen Studie wird physische Gewalt wie Ohrfeigen und Ähnliches fast in jeder zweiten Familie angewendet. Das ist schwer vorstellbar. Für Sie auch?
Ja. Leider zeigen alle diesbezüglichen Studien in der Schweiz, dass der Wunsch – keine Gewalt in der Erziehung anzuwenden – und die Realität nach wie vor auseinanderklaffen. Diesbezüglich ist eine offene Diskussion wichtig. Eltern in der Schweiz müssen wissen, dass sie nicht alleine sind und dass alle Eltern schwierige Erziehungssituationen und -momente kennen. Es gibt keine perfekten Eltern. Die Kampagne «Ideen von starken Kindern für starke Eltern – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» soll das Problembewusstsein schärfen und Lösungsansätze anbieten.

Aus Ihrer Erfahrung: Welches sind die häufigsten Auslöser dafür, dass es in Familien zu Gewalt von Eltern gegenüber Kindern kommt?
Der Alltag mit Kindern kann mehr als anstrengend sein. Eine berufstätige Mutter ist dabei genauso gefordert wie eine Hausfrau oder Väter. Je nach Alter der Kinder und der momentanen Familiensituation sind es ganz unterschiedliche Dinge, die Eltern das Gefühl geben, völlig überfordert zu sein. Gewalt in der Erziehung ist bei Kindern zwischen 0 und 7 Jahren besonders verbreitet. Dahinter steht oft der chronische Schlafmangel, den ein Neugeborenes mit sich bringt. Aber auch Kleinkinder in der Trotzphase können sehr anstrengend sein und später die Anforderungen der Pubertät … Vorrangig sind es Erziehungsschwierigkeiten, gepaart mit dem eigenen Berufsstress und privaten Problemen, die meist den Auslöser bilden.

Die Lösung liegt aber kaum darin, als Eltern einfach nicht auf Fehlverhalten zu reagieren.
Eltern glauben in Bezug auf Erziehung, dass Kinder für ihr Fehlverhalten bestraft werden müssen. Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch. Wenn Strafe aber die Form von körperlicher oder psychischer Gewalt annimmt, dann ist der Schaden grösser als der Nutzen. Psychische und physische verletzende Bestrafungsmittel signalisieren den Kindern: «Ich will, dass du meine Grenze kennst und respektierst, deine Grenzen sind mir völlig egal!» Für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kind müssen wir authentisch sein und als Persönlichkeit sichtbar werden. Dazu gehört auch Nein sagen. Ein Nein muss nicht böse ausgesprochen werden. Wir können uns auch in liebevollem und fürsorglichem Ton abgrenzen und müssen bei einem Nein nicht die Integrität, die persönliche Grenze des Kindes verletzen und es so abwerten.

Sie sprechen von Stresssituationen als möglichem Ausgangspunkt. Solche haben den Ursprung oft in anderen Dingen: Stress am Arbeitsplatz, finanzielle Probleme und so weiter. Diese Faktoren lassen sich ja meist nicht einfach aus der Welt schaffen, schon gar nicht durch eine Kampagne. Was kann diese also bewirken?
Sie kann entlasten, indem sie klarmacht, dass es allen Eltern so geht. Sie zeigt einfache Sofort-Massnahmen und bietet auf der Kampagnenwebseite viel Wissen zum Thema, das Eltern in diesen Situationen helfen kann. Sie hat den Vorteil, dass Eltern sich «anonym» informieren und so einen Ausweg aus der Überforderung suchen können.

Kinderschutz Schweiz spricht von einem «Wertewandel», der erreicht werden soll. Wie sieht dieser aus?
Psychische und physische Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz noch immer in weiten Kreisen gesellschaftlich toleriert. «Das gehört dazu», «Eine Ohrfeige muss halt ab und zu sein», «Ein Klaps hat noch niemandem geschadet» – das sind leider immer noch gängige Entschuldigungen für die eigene unangebrachte Reaktion in schwierigen Erziehungssituationen. Das wollen wir ändern. Gewalt in der Erziehung darf heute keinen Platz mehr einnehmen in der Schweiz.