Erfolgreicher Rabenvater oder erfolglosere Superpapi?

In der Schweiz arbeiten fast alle Väter Vollzeit. Dabei hätten viele gerne mehr Zeit für die Familie. Das Pensum zu reduzieren braucht allerdings Mut.

Fast 90 Prozent aller erwerbstätigen Väter in der Schweiz arbeiten Vollzeit. Die Quote ist sogar noch höher als bei Männern, die keine Kinder haben, wie aus den aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BfS) hervorgeht. Das Vaterwerden hat den Beschäftigungsgrad gemäss BfS noch nie gross beeinflusst. Und doch behaupten moderne Väter, Zeit mit ihren Familien verbringen zu wollen. Das Problem dabei: Der moderne Mann will, was die moderne Frau will. Die Kinder aufwachsen sehen und beruflich weiterkommen.

Kürzlich porträtierte das SRF in seiner «Rundschau» einen solchen Karrierepapi: Der Mann arbeitete jede Woche 42 Stunden, verteilt auf vier Tage. Im selben Beitrag berichtete Markus Theunert von männer.ch, dass selbst er nicht bereit sei, seine Vaterschaft zu priorisieren. Selbst er habe das Gefühl, 100 Prozent arbeiten sei gleich 100 Prozent Mann sein. Dabei fordert männer.ch einen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub. Und der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen will zudem, dass bis ins Jahr 2020 ein Fünftel der Männer in der Schweiz Teilzeit arbeitet.

Frauen geben ihre Karriere auf

Eine Online-Single-Börse für Akademiker führte eine Umfrage zum Thema Wunschpartner durch. Darin kam sie zum Schluss, dass 83 Prozent der Männer sich eine intelligente Partnerin wünschen. Allerdings soll nur ein Viertel eine Partnerin suchen, die Karriere macht. Und nur jeder Fünfte eine, die finanziell gut gestellt ist. Die Frage drängt sich auf, weshalb Männer eine Frau mit Köpfchen wollen, wenn sie dieses nicht einsetzen soll.

Ganz einfach: «Mit der Geburt eines Kindes erfolgt oft ein Traditionalisierungs-Shift und die paritätische Rollenverteilung wird aufgegeben», schreibt die Pendlerzeitung «20 Minuten» in einem Artikel über Familienplanung. Sie bezieht sich auf den Paarforscher und Psychologieprofessor Guy Bodenmann. Frauen würden ihre Karrieren also ohnehin aufgeben müssen, sobald das Paar zu einer Familie anwachse. Das sei nicht nur der Grund, weshalb sich Männer nicht zwingend eine Karrierefrau wünschten, sondern auch, weshalb sie oftmals früher Kinder wollten als ihre Partnerinnen.

Männer verdienen mehr

Die Tatsache ist: Wenn ein Elternteil zu Hause bleibt, um sich um die Kinder zu kümmern, ist es meistens die Frau. Auch heute noch. Die Berner Journalistin Sibylle Stillhart sagt im Interview mit familienleben.ch: «Ein Totschlagargument ist häufig das Gehalt. Männer verdienen immer noch mehr, da muss man nicht mehr diskutieren.» Ausserdem sei die Wirtschaft auf Vollzeit arbeitende Männer ausgerichtet. «Es machen diejenigen Karriere, die morgens früh kommen und abends spät gehen», ist sie überzeugt. «Für Männer ist es verpönt zu sagen, ich muss jetzt gehen und das Kind von der Kita abholen.»

Eine andere Journalistin wollte es genauer wissen und fragte in ihrem Umfeld nach. Die Antwort klingt ähnlich: «Doch, doch, sie würden schon wollen, sagten die meisten eher halbherzig», schreibt Sandra C. in einem Blog der «Schweizer Illustrierten». In der Firma würden Teilzeitarbeit und Homeoffice missbilligt, erzählten auch ihre Bekannten. Allerdings lässt sie das nicht gelten: «Wovor habt ihr Schiss?», fragt sie. Ihr eigener Mann sei ein heldenhaftes Beispiel für einen Vater, der Teilzeit arbeite und die Aufgaben im Haushalt sowie mit den Kindern hälftig mit ihr teile.

Eltern leisten enorm viel

Man(n) kann also ein erfolgreicher Rabenvater oder ein erfolgloser Superpapi sein. Entweder leidet die Familie oder der Job. Und darüber zerbrechen sich moderne Väter oft den Kopf. Ganz so schwarz-weiss ist die Realität aber nicht. In einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» brachte es die Zürcher Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert auf den Punkt. Auf die Frage, wie man das schlechte Gewissen besiegen könne, antwortete sie: «Das Beste, was ich dazu gehört habe, ist das Modell der temporären Vernachlässigung.» Man müsse sich dazu entscheiden, zeitweilig entweder seine Kinder oder seinen Beruf zu vernachlässigen und lernen, diese Unvollkommenheit zu akzeptieren. «Man darf nicht vergessen: Was Eltern leisten, ist enorm.»

Eine weitere interessante Einsicht der Wissenschaftlerin: «Väter, die hohe Testosteronwerte während der Schwangerschaft ihrer Frauen hatten, zeigten nach der Geburt des Kindes eine grössere Unzufriedenheit mit der neuen Situation», zitiert die «Schweiz am Sonntag» Ulrike Ehlert. «Hohe Testosteronwerte sind ein Indikator für Männer, die nach Abenteuern und neuen Erlebnissen suchen.» Zum Vatersein sind Männer folglich geboren – oder eben nicht. Sie sind entweder der abenteuerlustige Karrieretyp oder der sesshafte Familienvater. Beides zusammen ist genetisch nicht vorgesehen. Wer trotzdem weder beruflich noch privat runterschrauben will, muss nun mal damit rechnen, quasi Doppelschichten zu schieben.

Teilzeitkarrieren sind nicht unmöglich

Wer seiner Gesundheit zuliebe etwa auf 80 Prozent reduzieren will, kann mittlerweile auf mehr Verständnis seitens seines Arbeitgebers hoffen als noch vor wenigen Jahren. Und sollte der Chef wider Erwarten nichts von modernen Vaterrollen halten, könnte ein Jobwechsel die Lösung sein. Das von männer.ch unterstützte Portal teilzeitkarriere.ch umfasst ein grosses Angebot an familienfreundlichen Stellen. Daneben bietet es viele hilfreiche Tipps und Informationen an, sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmen. Auch stellt teilzeitkarriere.ch echte «Vorbildmänner» vor, die Führungsfunktionen innehaben. Ihren Teilzeitpensen zum Trotz.  

erstellt von Tamara Johnson