Elterntaxi - wo ist das Problem?

Wenn Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren und wieder abholen, ist das gut gemeint, doch es bringt auch Probleme mit sich. Allerdings ist die Hatz auf Eltern, insbesondere die Mütter, kaum zu ertragen.

Wenn heute bei Schulbeginn vor einem Schulhaus mit 200 Schülern und Schülerinnen sich 10 Autos stauen und einander mangels Platz in die Quere kommen, wird ausgerufen: Bald alle Kinder würden mit dem Auto in die Schule gefahren. Man schnödet über Helikoptereltern, die ihre Kinder nicht loslassen könnten, sie verwöhnen und jeden Wunsch vom Mund ablesen würden. – Dabei sind es auf das ganze Schulhaus gesehen nur 10 Prozent der Kinder, die mit dem Auto zur Schule gefahren werden.
Schaut man genauer, entdeckt man ganz verschiedene Autos vor dem Schulhaus: Bald hat es mehr rote, bald mehr blaue oder graue. Die alle zehn Jahre durchgeführten Verkehrszählungen (Mikrozensus) – die neuesten Daten liegen noch nicht vor – bestätigen die Beobachtung: 80 Prozent der Schulwegfahrten erfolgen sporadisch. Das heisst, nur ein sehr geringer Teil der Schüler und Schülerinnen wird konsequent mit dem Auto in die Schule gefahren.
Sicher, jede Fahrt ist eine zu viel. Der Schulweg zu Fuss ist für Kinder sehr wichtig. Viele Kinder sind das erste Mal allein unterwegs. Sie erleben ihre Umwelt ohne Begleitung neu und intensiver. Sie sind gezwungen, sich selbstständig mit ihren Schulwegkameraden zu arrangieren. Sie streiten, schliessen Frieden und Freundschaften. Wer hingegen ständig in den Kindergarten oder die Schule gefahren wird, verliert den Anschluss an die Welt. Er wird Mühe haben, sich zu integrieren und zur selbstständigen Persönlichkeit heranzuwachsen. Das heisst, wir müssen alles unternehmen, dass die Kinder weiterhin zu Fuss in die Schule gehen oder mit dem Fahrrad hinfahren können.
Trotzdem: Die Hatz auf die Eltern hat keine Berechtigung! Es gibt Gründe, dass ich als Mutter entscheide, mein Kind zur Schule zu fahren. Eine Begleitung zu Fuss ist selbstverständlich besser, aber aus zeitlichen Gründen oft nicht möglich. Das kann die kurze Mittagspause sein, schwierige Wetterverhältnisse oder auch ein allzu schwerer Schulthek usw. Erfolgt die Fahrt im Auto regelmässig, so hat dies – Ausnahmen vorbehalten, denn es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht loslassen können – vielfach seine Gründe in den Verkehrsgefahren. Fehlende Tempo 30 Zonen oder unsichere resp. aufgehobene Fussgängerstreifen führen zu grossen Unsicherheiten. Die Behörden sind gefordert: Die Klage über die Taxifahrten der Eltern ist erst berechtigt, wenn alles unternommen wurde, um die Schulwege sicher zu machen. Ist dies nicht der Fall, so haben die Eltern ihrerseits das Recht zu klagen. Gemäss Bundesgericht muss bei einem unzumutbaren Schulweg, die Gemeinde für den Transport aufkommen. Ein fehlender Fussgängerstreifen kann bereits genügen. Was übersehen wird: Wie ein Kind aufwächst, hat sehr viel damit zu tun, ob es rasch unbegleitet in den Kindergarten und in die Schule gehen wird. Ist es im Wohnumfeld und auf den Quartierstrassen nicht möglich, dass die Kinder unbegleitet dort spielen und genügend Bewegung haben, so können sie jene motorischen Fähigkeiten und jene Selbstständigkeit nicht erwerben, die es für die unbegleitete und sichere Bewältigung des Schulweges braucht. Ganz einfach: Wer vom motorisierten Strassenverkehr gezwungen wird, sein Kind über Jahre hinweg ständig an die Hand zu nehmen, wird vom Kind abhängig und das Kind von ihm.  Eine falsche oder kurzsichtig nur auf angebliches Sparen ausgerichtete Schulhausplanung trägt ebenfalls wesentlich zu Schulwegproblemen bei. So wird die sinnvolle Einrichtung von Grund- oder Basisstufen entweder abgelehnt oder dazu benutzt, neue zentrale Schulanlagen zu bauen, statt die Kindergärten im Quartier zu erweitern. Die Kinder gehen heute früher in die Schule. Eine Zunahme elterlicher Taxifahrten ist zu befürchten. Demgegenüber muss festgehalten werden, dass jedes Kind das Recht hat, die ersten zwei oder drei Schuljahre dort zu verbringen, wo es wohnt, im eigenen Quartier, im eigenen Dorf. An Orten, die es eigenständig erreichen kann. Allein so wird ein selbstständiges Hineinwachsen in unsere Welt und unsere Gesellschaft möglich. 

*Dr. Marco Hüttenmoser ist Koordinator des Netzwerks «Kind und Verkehr», ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen, die das Wohl der Kinder und deren gesunde Entwicklung durch den dauernd zunehmenden Strassenverkehr bedroht sehen. www.kindundumwelt.ch 

erstellt von Dr. Marco Hüttenmoser