Dünn um jeden Preis?

Der übermässig starke Wunsch, dem gängigen, schlanken Schönheitsideal zu entsprechen, kann schwer wiegende Folgen haben und junge Mädchen in die Magersucht oder Ess-Brech-Sucht treiben.

Noch vor einem Jahr war mit Julie alles in Ordnung. Zwar hat das heute vierzehnjährige Mädchen schon seit längerem Wert auf ein modisches Aussehen gelegt, doch in jüngster Zeit hat sich die Situation zugespitzt, findet ihre Mutter. Julie verbringt viel Zeit damit, sich zu stylen - und ist dennoch meistens mit ihrem Aussehen unzufrieden. Denn in den körpernahen Röhrenhosen, den engen Tops und den knappen Jäckchen, die jetzt total angesagt sind und die sie so gerne trägt, findet sie sich zu dick. Und das obwohl sie mit ihren 1.62 Meter Grösse und 52 Kilo überhaupt nicht übergewichtig ist. Aber eben, für das Tragen dieser Kleidung, in der jedes kleinste Speckröllchen zu sehen ist, kann man nicht dünn genug sein. Also beäugt sie jede Mahlzeit, die ihre Mutter vorsetzt mit kritischem Blick, verzichtet mal wochenlang auf alle Kohlenhydrate, dann auf Fleisch oder ernährt sich nur von Salat. In der Schule teilt sie sich mittags ein Sandwich oder einen grossen Salatteller mit einer Freundin. Das gesparte Geld gibt sie lieber für Kleidung und Accessoires aus. Ihre Mutter macht sich Sorgen. Ist dieses Verhalten normal oder hat ihre Tochter vielleicht eine Essstörung?

Zeichen erkennen
Solche und ähnliche Fragen beschäftigen nicht nur Julies Mutter - und dies zu Recht. Zwar scheint das Problem der wachsenden Zahl übergewichtiger Kinder überall in den Medien präsent zu sein, doch auch die Kehrseite der Medaille darf nicht vergessen gehen: Mädchen (und immer mehr auch Jungs), die ständig auf Diät sind, ohne dass sie es wirklich nötig hätten, und deren Denken und Handeln dauernd um das Thema Gewichtsreduktion kreisen. Studien in den USA und in Europa haben übereinstimmend ergeben, dass jedes zweite Mädchen massive Angst hat, dick zu werden. Jedes zweite 15-jährige Mädchen hat bereits Diäten ausprobiert und nur elf Prozent von ihnen sind mit ihrem Körper zufrieden. Alle anderen finden sich zu dick. Der starke Wunsch, dünn zu sein, erzeugt einen enormen Druck, der durch die (Vor-)Bilder verstärkt wird, die uns die Werbung und die Medien präsentieren. Die Gleichung "schlank = schön = erfolgreich" wird von jungen Mädchen, deren Persönlichkeit noch nicht ausgereift ist, ohne kritisches Hinterfragen übernommen. Dieser allgegenwärtige Druck kann ein Auslöser von Essstörungen sein, ebenso wie die Einstellung der Klassenkameradinnen oder Freundinnen zu Essen.

Es ist für Eltern oft nicht ganz einfach zu erkennen, wann es sich beim Verhalten ihrer Kinder um eine vorübergehende Phase handelt und wann daraus eine ernst zu nehmende Störung entstehen könnte, denn die Übergänge sind manchmal fliessend. Und dennoch gibt es einige Anhaltspunkte, die auf ein Problem hinweisen können:

  • das Hunger- und Sättigungsgefühl scheint zu fehlen;
  • die notwendige Kalorienzahl wird über längere Zeit unterschritten;
  • gegenüber gewissen Nahrungsmitteln treten plötzlich Ekelgefühle auf;
  • nur noch ganz bestimmte, kalorienarme Nahrungsmittel werden akzeptiert;
  • häufiges Wiegen;
  • alle Gedanken kreisen nur noch um die Themen Essen, Kalorien, Gewicht und Figur;
  • Kälteempfindlichkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen;
  • es besteht kein Interesse mehr an den "alten" Hobbys;
  • es findet ein emotionaler Rückzug aus der Umgebung statt, manchmal auch vom Freundeskreis.


Zu wenig und zu viel
In der Regel wird zwischen Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) unterschieden. Von Magersucht spricht man, wenn das Gewicht 15 Prozent unter dem altersgemässen Normalgewicht liegt. Die Ursache der Magersucht ist eine Störung des Körperbildes: Obwohl überschlank finden sich die Betroffenen immer noch zu dick und wollen deshalb mit allen Mitteln abnehmen. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist verzerrt. Auf anders lautende Meinungen in ihrem sozialen Umfeld hören die Betroffenen nicht. Um ihr Wunschgewicht zu erreichen, fasten sie, treiben im Übermass Sport, nehmen Abführ-, Entwässerungsmittel und Appetitzügler ein. Magersucht kann die gesamte körperliche Entwicklung verzögern und zum Ausbleiben der Monatsregel, ja sogar zur Sterilität, zu Haarausfall, extrem trockener Haut, starker Behaarung an Kinn, Wangen und Nacken, zu Zahnschäden und Osteoporose führen.

Die Ess-Brech-Sucht bleibt oft lange verborgen, denn die Betroffenen sind normalgewichtig, seltener auch übergewichtig. Meistens setzt sie mit einer strikten Diät ein. Im Verlauf der Krankeit entwickeln die Betroffenen Heisshungeranfälle, bei denen grosse Mengen von Nahrung innerhalb von kurzer Zeit verschlungen und anschliessend wieder erbrochen werden. Phasen des Fastens wechseln sich ab mit Essorgien. Die Auswirkungen dieses Verhaltens sind Zahnschmelzerosion durch die Säure im Erbrochenen, Magenwandschädigungen, Herzrhythmusstörungen, epileptische Anfälle und Nierenschäden.  

Essstörungen haben eine schlechte Heilungschance: 20 bis 30 Prozent  bleiben chronische Fälle, erklärt die Ärztin Elisabeth Bandi-Ott, die über jahrelange Erfahrung in der Behandlung von Esstörungen verfügt. Magersucht hat mit 10 Prozent die höchste Todesrate aller psychiatrischen Erkrankungen und Bulimiekranke haben eine hohe Selbstmordrate. Deshalb sollte alles daran gesetzt werden, Essstörungen möglichst nicht entstehen zu lassen. Leider gestaltet sich die Prävention nicht so einfach, darin sind sich alle Fachstellen und Experten einig (mehr dazu siehe Box unten). Suchen Sie Hilfe auf, wenn Sie das Gefühl haben, dass das Essen in ihrer Familie ein Problem ist oder werden könnte. Eine Psychotherapie, die in der Regel die ganze Familie miteinbezieht und die Betreuung durch eine medizinische Fachperson, sind wichtige Stützen auf dem Weg zur Heilung. Je früher die Hilfe beansprucht wird, desto einfacher die Behandlung.

Das können Eltern tun
Die Prävention sollte früh einsetzen, denn unsere Einstellung zum Essen wird schon im Kindesalter geprägt:

  • Alle Mahlzeiten sollten in einer entspannten, freundlichen Stimmung eingenommen werden. Sie sind nicht der Moment, um Probleme zu wälzen.
  • Kein Fernsehen oder Lesen neben dem Essen.
  • Kein Essen als Reaktion auf Frust oder Langeweile.
  • Kein Essen als Belohnung oder Bestrafung.


Mit Jugendlichen im Risikoalter zwischen 12 und 16 Jahren sollten Eltern die folgenden Punkte besprechen:

  • Informieren Sie über die Langzeitschäden, die ungesunde Ernährungsweisen mit sich bringen.
  • Legen Sie bei Ihren Gesprächen das Schwergewicht auf gesunde Ernährung und regelmässige sportliche Betätigung.
  • Unterstützen sie keine Diäten.
  • Führen Sie mit Ihrem Kind Diskussionen über Modediktate, wer  sie schafft und was damit bezweckt wird.
  • Reden Sie auch über die Rolle des Freundeskreises und dessen Einstellung zum Thema Essen.
  • Fragen Sie sich, wie stark das Thema Idealgewicht Sie selbst beschäftigt - und wieviel davon Ihre Kinder mitbekommen.

erstellt von Nadia Fernandez