Digitale Welt: Wird das Tablet zum Babysitter?

Früher war alles besser, heisst ein geflügeltes Wort. Vielleicht sollte man stattdessen sagen: Früher war vieles anders. Denn auch wenn digitale Geräte immer mehr Einzug in den Familienalltag halten, sind Kinder keineswegs einfach hilflose Opfer dieser Entwicklung. Sie wissen oft selbst, was wirklich gut für sie ist, wie Studien zeigen.

Digitale Medien üben eine starke Anziehung auf Kinder schon im Vorschulalter aus. Das lässt sich im Alltag beobachten, und das zeigt auch eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW (siehe Kasten). Aber dort wird auch festgehalten, dass sie dennoch lieber mit ihren Freunden spielen. Zudem hängt die effektive Nutzungszeit der Geräte durch die Kinder stark von den Eltern ab. Führen diese klare Regeln ein, lässt es sich kontrollieren. Stattdessen greifen Eltern allerdings gerne zu Tablet, Smartphone und anderen digitalen Geräten, um ihre Kinder zu beschäftigen, während sie selbst der Hausarbeit nachgehen.

Die Faszination der Kinder kommt auch nicht von ungefähr. Denn im Alltag sind sie von digitalen Geräten umgeben. «Dennoch spielen digitale Medien bei vielen Tätigkeiten der Kinder im Vorschulalter keine Rolle», halten die Experten der ZHAW fest. Müssten sie sich entscheiden, würden sie dem Spielen mit anderen Kindern meist den Vorrang geben. Das sind Resultate aus der neuesten ADELE-Studie der ZHAW-Fachgruppe Medienpsychologie und Swisscom, die den Medienumgang von Kindern untersucht. Befragt wurden dazu schweizweit 24 Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren und ihre Eltern.

Schreibkompetenz als natürliche Barriere

Was die Studie im Detail zeigt: Die befragten Kinder spielen gerne miteinander, bewegen sich draussen oder lassen sich Geschichten vorlesen. Im Gegenzug schauen sie aber auch gerne Fernsehen und hören Musik. Zudem sind ihnen Videogames wichtig, die vor allem auf den verschiedenen Spielkonsolen, aber auch auf Tablets und Smartphones gespielt werden. Das Internet jedoch nutzen nur wenige Kinder unter acht Jahren.

«Wegen der eingeschränkten Lese- und Schreibkompetenzen können Kinder bei Suchmaschinen noch keine Begriffe eingeben», sagt ZHAW-Medienpsychologe Gregor Waller. Allerdings umgehen einige Kinder diese Barriere, indem sie Sprachassistenten nutzen und sich so mithilfe von Sprachbefehlen durchs Netz navigieren. «Die Zugangsschwelle zum Internet wird immer niedriger. Vor zehn Jahren haben Touchscreens die Bedienung des Internets revolutioniert, heute sind es Sprachassistenten», so Waller.

Eltern sind Vorbilder

Kinder lernen schnell, und das durch blosses Zuschauen. «Die meisten der befragten Kinder können einzelne Geräte wie CD-Player, Radio oder TV selbst einschalten, einen Kanal wechseln oder eine CD einlegen», heisst es im Bericht zur Studie. Sie stossen dabei allerdings schnell an ihre Grenzen und werden dann von älteren Geschwistern oder den Eltern unterstützt. Rund die Hälfte der Kinder habe sich diese digitalen Fähigkeiten selbst beigebracht oder abgeschaut, heisst es weiter.

Die Gründe für die Nutzung digitaler Medien sind vielfältig. Am wichtigsten scheint für die Kinder das soziale Umfeld zu sein. «Deshalb sind Eltern, ältere Geschwister und das Umfeld ausserhalb der Familie wichtige Vorbilder im Umgang mit Medien», sagt Gregor Waller. Aber auch Spass, Unterhaltung und Neugier sind wichtig. Zudem beeinflusst auch die Jahreszeit das Mediennutzungsverhalten. Denn wenn es draussen kalt und nass ist, nutzen die Kinder im Vorschulalter vermehrt digitale Medien.

Digitale Medien als Ablenkung

Viele Eltern setzen digitale Medien ein, um ihre Kinder zu beschäftigen, während sie Hausarbeiten erledigen. Ausserdem zeigt sich laut den Ergebnissen der Studie, dass die Vier- bis Siebenjährigen nur wenig im Haushalt mithelfen: «Viele Eltern schätzen den zunächst beruhigenden Effekt von digitalen Medien und setzen sie bewusst dann ein, wenn Kinder unruhig sind.» Die Mehrheit greift auch auf informative Medieninhalte zurück, und rund die Hälfte der Eltern setzt Lernsoftware und -Apps ein.

Darin liegt eine gewisse Ambivalenz. Denn auch wenn Eltern die digitalen Medien bewusst einsetzen: Viele von ihnen haben gleichzeitig Angst vor dem hohen Suchtpotenzial der digitalen Medien. Zudem sorgen sie sich, dass ihre Kinder mit unpassenden Inhalten in Kontakt kommen könnten. Gregor Waller empfiehlt deshalb, Kinder beim Medienkonsum zu begleiten und zu beobachten. So können Eltern die Medieninhalte anpassen, wenn Kinder ängstlich reagieren. Etwa die Hälfte der befragten Familien schützt ihre digitalen Geräte vor allem mittels Passwort. «Das Geräte-Passwort sperrt das ganze Gerät. Mit Kinderschutzeinstellungen kann man aber viel exakter nur bestimmte Inhalte sperren», sagt Michael In Albon, Jugendmedienschutz- Beauftragter bei Swisscom. «Dies ist auf allen gängigen Geräten, Plattformen und Betriebssystemen möglich.»

Zeit- und Häufigkeitsbeschränkungen üblich

Eine weitere Erkenntnis aus der ADELE-Studie: Fast alle der befragten Familien haben für die Mediennutzung ihrer Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren Regeln aufgestellt. Medien wie Hörbücher oder CDs dürfen die Kinder meist uneingeschränkt nutzen. Hingegen existieren in fast allen Familien Zeit- und Häufigkeitsbegrenzungen beim Fernsehen und bei Videos, zum Beispiel bei YouTube. Meistens geben die Eltern klar definierte Zeitkontingente vor. Wie lange und wie regelmässig die Kinder die Medien nutzen dürfen, sei aber von Familie zu Familie verschieden, so die Autoren der Studie weiter: «Diese Beschränkungen haben einen direkten Einfluss auf den Medienkonsum der Kinder, da sie meist nicht ohne elterliche Hilfe auskommen.» Oft ist die Nutzung auch durch eingespielte Abläufe und Rituale in den Wochen- oder Tagesablauf eingebunden. Häufig erlassen Eltern ein generelles Verbot bezüglich digitaler Medien, und die Kinder müssen explizit fragen, wenn sie die Geräte nutzen möchten.

Zur ADELE-Studie:

In der ADELE-Studie (Akronym für Activités – Digitales – Education – Loisirs – Enfants) wird von der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Auftrag von Swisscom der Medienumgang von Kindern im Alter von vier bis sieben Jahren untersucht. Dazu sind ausführliche Interviews mit 24 Kindern und ihren Eltern in der Deutschschweiz und der Romandie durchgeführt worden. Die Studie ermöglicht einen vertieften Einblick in verschiedene Einflussfaktoren des familiären Kontextes auf die Mediennutzung der Kinder und ergänzt die bisherigen MIKE- sowie JAMES- Studien, bei welchen es um Kinder- und Jugendliche von 6 bis 13 Jahren (MIKE) sowie 12 bis 19 Jahren (JAMES) geht.

Mehr Informationen  finden Sie hier.

erstellt von Stefan Millius