«Die Prävention beginnt schon vor der Geburt»

Grundsätzlich kann man auf jeden Stoff allergisch reagieren. Welche Allergien in der Schweiz am meisten verbreitet sind, welche Formen am gefährlichsten sind und ob unsere hohe Hygiene in diesem Zusammenhang gar kontraproduktiv ist, erklärt Georg Schäppi, Geschäftsleiter von aha! Allergiezentrum Schweiz

«Es ist erwiesen, dass Stillen einen schützenden Effekt auf das Allergierisiko hat.»

Georg Schäppi, was ist grundsätzlich der Unterschied zwischen einer Allergie und einer Intoleranz?
Eine Allergie ist eine Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Stoffe aus der Umgebung wie etwa Pollen oder Nahrungsmittel. Dabei werden Antikörper produziert und in der Folge schwellen die Schleimhäute an und sondern Sekret ab – es tränen die Augen, läuft die Nase und der Atem geht schwer. Bei einer Intoleranz hingegen ist das Immunsystem nicht beteiligt. Der Körper reagiert unmittelbar mit Beschwerden vor allem im Verdauungssystem, weil er gewisse Stoffe nicht verträgt.

Welche Allergien sind am meisten verbreitet?
Zwanzig Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leiden an Heuschnupfen – und machen damit den Grossteil an Allergiebetroffenen aus. Kinder sind ausserdem besonders anfällig für allergisches Asthma.

Wie viele Allergien sind heute bekannt?
Grundsätzlich kann man auf jeden Stoff allergisch reagieren. Bekannt sind vor allem Allergien auf Nahrungsmittel, Pollen, Tiere, Hausstaubmilben und Schimmelpilze.

Gibt es auch Intoleranzen, die noch nicht genau zugeordnet werden können?
Gemäss heutigem Wissensstand sind uns vier verschiedene Intoleranzen gut bekannt: auf Laktose, Gluten, Fruktose oder Histamin. Es ist aber davon auszugehen, dass wir auch heute noch nicht alle möglichen Reaktionen des Körpers auf Nahrungsbestandteile kennen.

Welches sind die schwerwiegendsten Allergien?
Allergien, die zu einem anaphylaktischen Schock führen können, sind besonders gefährlich. Solche sogenannten Anaphylaxien werden am häufigsten ausgelöst durch Nahrungsmittel wie Erdnüsse, Kuhmilch oder Nüsse. Auch Insektengift, Medikamente und Latex können zu einem anaphylaktischen Schock führen. Dieser kann lebensbedrohlich sein und daher sind sofort Notfall-Massnahmen zu ergreifen.

Wie viele Menschen sind in der Schweiz davon betroffen?
Man geht davon aus, dass circa zwanzig Prozent der Schweizer Bevölkerung von einer Allergie betroffen sind. Eine anaphylaktische Reaktion haben etwa acht bis zehn Personen auf 100 000 Personen pro Jahr.

Allergien haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Vermutet wird unter anderem, dass unsere hohe Hygiene dafür verantwortlich sein könnte. Leben wir zu sauber?
Unser Hygiene-Standard spielt auf alle Fälle eine Rolle. In unseren oftmals keimarmen Haushalten wird unser Abwehrsystem nur wenig gefordert. Somit kommen Kinder, deren Immunsystem sich erst entwickelt, weniger mit Erregern, auch Parasiten, Viren und Würmern in Kontakt als früher. Dies wäre aber unbedingt nötig, um das Immunsystem zu trainieren. Nur so lernt es, auf die echten Erreger zu reagieren und nicht auf an sich harmlose Stoffe.

Wie muss ich vorgehen, wenn ich als Vater den Verdacht habe, dass mein Kind eine Allergie hat, jedoch nicht genau weiss, um was es sich handeln könnte?
Wir empfehlen eine Kontrolle beim Kinder- oder Hausarzt. Bei Bedarf verweist dieser weiter an eine Allergologin, einen Allergologen. Mittels Hauttest – Prick-Test oder Prick-to-Prick-Test – sowie Blutuntersuchung mit einer IgE-Antikörperbestimmung kann schliesslich eine Allergie diagnostiziert werden. Unsere Beraterinnen können weitere Auskünfte geben, wie bei einem Allergieverdacht am besten vorzugehen ist. Die aha!infoline (Telefonnummer: 031 359 90 50) ist jeweils vormittags erreichbar.

Man versteht heute noch nicht alle Zusammenhänge, wie Allergien entstehen und was ihnen entgegenwirkt. Der aktuelle Stand der Forschung erlaubt aber doch, einige im Alltag wichtige und nützliche Empfehlungen zur Allergieprävention abzuleiten. Welches sind die wichtigsten?
Die Prävention beginnt schon vor der Geburt – bei der Mutter. Es ist wichtig, sich in der Schwangerschaft abwechslungsreich und ausgewogen zu ernähren. Rauchen, auch Passivrauchen, schadet. Ist das Baby da, sollte während der ersten vier Monate wenn möglich ausschliesslich gestillt werden. Es ist erwiesen, dass Stillen einen schützenden Effekt auf das Allergierisiko hat. Danach kann schrittweise eine vielseitige Beikost eingeführt werden. Das Meiden von bestimmten Lebensmitteln hat keinen vorbeugenden Effekt auf die Allergieentwicklung – im Gegenteil. Und: Ein gesundes Körpergewicht des Kindes verringert das Asthmarisiko.

Können Allergien grundsätzlich auch noch im höheren Alter auftreten?
Ja, eine Allergie kann in jedem Lebensalter auftreten. In den meisten Fällen aber beginnen allergische Krankheiten bereits im Säuglings- und Kindesalter und verlaufen nach einem ähnlichen Muster. Diese Abfolge atopischer Erkrankungen wird als «Allergiekarriere» bezeichnet. Auf eine atopische Dermatitis und eventuell eine Nahrungsmittelallergie folgt häufig ein Asthma bronchiale und später im Schulalter entwickelt sich ein Heuschnupfen. Dazu können aufgrund Kreuzreaktionen neue Nahrungsmittelallergien entstehen.

Die Stiftung aha! Allergiezentrum Schweiz engagiert sich für die Menschen, die von einer Allergie oder eine Intoleranz betroffen sind. In welcher Form geschieht dies?
Als Kompetenzzentrum in den Bereichen Allergien, Intoleranzen, Neurodermitis und anderen Hauterscheinungen sorgen wir dafür, dass aktuelle und wissenschaftlich gesicherte Informationen jederzeit für alle zur Verfügung stehen. In unseren Schulungen und Beratungen lernen Betroffene den praktischen Umgang mit ihrer Erkrankung. Unsere Expertinnen haben ein offenes Ohr für persönliche Fragen – per Telefon oder E-Mail. Betroffene Kinder und Jugendliche erleben im aha!kinderlager und aha!jugendcamp eine unbeschwerte Ferienwoche. Kurse und Schulungen bieten wir auch für Fachpersonen im Gesundheits-, Ernährungsbereich und in der Gastronomie an.