Die ewige Jagd nach Likes

Posieren mit teuren Autos, welche man sich gar nicht leisten kann, Mahlzeiten in hippen Restaurants ablichten, welche man gar nicht mag – und dies alles nur, um einige Likes zu erhalten. Psychotherapeut und Coach Marc Stoll kennt dieses Phänomen von Jugendlichen.

Bild: © Shutterstock

Die Rolle des Pausenplatzes übernehmen heute die digitalen Medien. Ein Leben ohne Smartphones ist für viele  Jugendliche wohl kaum mehr vorstellbar. Die Nutzung von Facebook, Instagram und Co. ist aber nicht per se schlecht. Welche guten Seiten kristallisieren sich Ihrer Ansicht  nach heraus?

Soziale Netzwerke bieten einem jungen Menschen eine Plattform, auf der man Texte, Geschichten und Videos schauen und kommentieren kann. Eine Bühne, auf der man sich präsentieren und mit Identitäten spielen kann. Mit anderen Worten: Es ist wie ein grosser Spielplatz für etwas grössere Kinder. Im positiven Fall können soziale Medien die Kontaktaufnahme und die Gestaltung von Beziehungen erleichtern und einem bei der Selbstentfaltung und der Selbstfindung helfen.

Ein Jugendlicher in den Medien beschrieb es kürzlich so: «Laufe ich normal die Strasse entlang, erhalte ich dafür kaum 100 Komplimente. Im Internet ist das bei den Likes ganz anders.»

Im digitalen Raum muss ich nur ein süsses Katzenfoto posten und ich bekomme schon Likes. Diese Likes mit einem wirklichen Kompliment gleichzusetzen, halte ich für problematisch und falsch. Ein Kompliment von der besten Freundin auf der Strasse ist hundert Mal mehr wert, als es bei 1000 Likes im Netz der Fall ist. Für Influencer ist es natürlich wichtig, dass sie besonders viele Follower haben, da sie dadurch für die Werbebranche interessanter werden. Für die Seele ist diese Suche nach ständiger Anerkennung in Form von Likes aber nur schädlich.

Mit solch negativen Folgen befassen Sie sich täglich bei Ihrer Arbeit. Mit welchen Herausforderungen kommen die Leute zu Ihnen?

Das Video-Game Fortnite ist das grosse Thema bei den Jungs. Bei den Mädchen ist es Instagram. Es sind aber nicht die Inhalte, die zu Problemen führen, sondern die ständigen Streitereien zu Hause, der mangelnde Schlaf oder die schlechten Schulnoten, die schliesslich zur Anmeldung führen. Fälle von Cybermobbing oder übermässigem Netflix- und Youtube-Konsum sind bei beiden Geschlechtern übrigens etwa gleich vertreten.

Warum gibt es denn eine «Like-Sucht»?

Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen Anerkennung. Leider gibt es im Gegensatz zur Nahrungsaufnahme keinen Sättigungspunkt. Das hat mit unserem Gehirn und dem Belohnungssystem zu tun. Bei jedem Like wird ein wenig Dopamin ausgeschüttet. Das fühlt sich gut an und ich will immer mehr davon haben. Die Abhängigkeit beginnt, wenn ich Likes brauche, um mich gut zu fühlen.

Bekannte Persönlichkeiten haben sich bereits dafür  eingesetzt, die Likes ganz abzuschaffen. Können Sie  das nachvollziehen?

Die Influencer haben den Wahn auf die Spitze getrieben und den Jungen die Idee eingepflanzt, dass sich Erfolg und Beliebtheit in Zahlen messen lässt. Daher begrüsse ich es, dass Stars wie der Rapper Kanye West das Thema kritisch auf den Tisch gebracht haben. Ob man Likes jetzt gleich abschaffen muss, ist eine andere Frage. Aus präventiver Sicht wäre es wünschenswert, dass Plattformen wie Instagram oder Facebook eine Möglichkeit schaffen, die Like-Funktion auszuschalten.

In einem Artikel war von Jugendlichen zu lesen, welche  sich Essen bestellten, welches sie gar nicht mögen, Autos mieteten, welche sie sich gar nicht leisten konnten –  nur, um ein Foto in den sozialen Medien zu posten und so Likes zu erhalten.

Dass man mit Sachen prahlt, um bei anderen gut dazustehen, hat es vermutlich schon immer gegeben. Damals wie heute sind besonders die Personen gefährdet, die im realen Leben wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Bei einem Teil der Menschen handelt es sich auch um selbstunsichere Personen mit Tendenz zum Narzissmus. Das Phänomen hat mit der Scheinwelt der sozialen Medien aber deutlich zugenommen. Letztes Jahr war eine junge Frau, die sich wegen Luxusferien in der Südsee finanziell verschuldet hat, in meiner Praxis. Alles nur wegen der Fotos. Den Urlaub selber konnte sie gar nicht geniessen,  da sie nur auf der Suche nach den idealen Spots und dem perfekten Licht war.

Welcher Umgang in Sachen Likes wäre denn «gesund»?

Wenn ich einen Film auf Netflix oder ein Bild auf Instagram besonders toll finde, dann ist an einem Like oder einem Herzchen ja nichts auszusetzen. Wie wäre es aber, wenn in der realen Welt wieder mehr Likes in Form von Komplimenten und Anerkennung vergeben würden? Am Ende sehnen wir uns einfach nach einem Platz in der Gemeinschaft. Wenn ich sowohl auf Social Media als auch in der realen Welt meine Freundschaften pflege, dann ist das o.k. Wenn ich mich aber nur noch einseitig in der digitalen Scheinwelt bewege, dann ist das ungesund und höchst selbstwertschädigend.

Welche Tipps können Sie Familien mitgeben?

Wenn Jugendliche medienmündig sind und reif mit den digitalen Medien umgehen können, dann müssen Eltern nicht viel regulieren. In der Regel sind das aber auch Eltern, die selber mit gutem Vorbild vorausgehen und sich auch mal Fortnite oder Instagram von den Kindern erklären lassen, ohne gleich alles zu kritisieren. Bei anderen Jugendlichen braucht es Eltern, die den Konsum auf bestimmte Tageszeiten beschränken. In seltenen Fällen von selbstschädigendem Suchtverhalten müssen problematische Apps, Accounts und Games auch ganz gelöscht werden. Das sind dann aber erst letzte Massnahmen, bei denen es professionelle Unterstützung von aussen benötigt. Denn mit dem Löschen alleine ist es ja nicht getan.

Psychotherapeut und Coach  Marc Stoll

erstellt von Manuela Bruhin