Die beste Stressbewältigung ist Stressvermeidung

Dr. med. Stefan Funk führt eine Hausarztpraxis im Herzen der Stadt St. Gallen. Als Hausarzt kümmert er sich um Patienten jeden Alters und aus allen gesellschaftlichen Schichten. Und er beobachtet, wie sich die heutige Reizüberflutung auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Im Interview spricht der Mediziner über Stress vermeidung, Ausdauersport und Meditation.

FamilienSPICK

Stefan Funk, was genau ist Stress?

Stress ist eine intensive Reizeinwirkung auf den Körper – egal ob positiv oder negativ – , die verschiedene körperliche Reaktionen auslöst: Die Herzfrequenz sowie der Blutdruck steigt, die Atmung beschleunigt sich, die Muskeln spannen sich an und die Pupillen weiten sich. Gleichzeitig verringert sich die Blutzufuhr zu den Geschlechtsorganen sowie zum Verdauungstrakt. Dank diesem Reaktionsmuster steht in kürzester Zeit ein hohes Mass an Energie bereit und unser Reaktionsvermögen ist stark erhöht. Nun haben wir den Optimalzustand erreicht, um den Stressor – den Auslöser für die körperliche Reaktion, wie etwa ein Raubtier – zu bekämpfen oder vor ihm zu flüchten.

Kinder und Jugendliche heutzutage gestresster als früher?

Heute sind Kinder und Jugendliche anderen Belastungen ausgesetzt. Zu der Schule gesellt sich der Freizeitstress: Man ist im Sportverein aktiv oder in der Pfadi, man hat Verpf lichtungen gegenüber dem Freund oder der Freundin, das Handy klingelt immerzu, man ist stets am Chatten und Spielen auf diversen mobilen Geräten. All das führt zu einer enormen Reizüberf lutung. Und diese Reizüberf lutung wird dann als Stress empfunden.

Wie zeigt sich dieser Stress bei Kindern und Jugendlichen?

Kinder bis fünf Jahre leiden häufiger an Ängsten, problematischem Essverhalten, Störungen des Verdauungssystems oder übermässigem Schwitzen. Auch Verhaltensweisen wie Daumenlutschen oder Stottern sind nicht untypisch für diese Altersgruppe. Schulpf lichtige Kinder bis elf Jahre zeigen sich oft irritiert oder aggressiv. Manche sind von Interesselosigkeit geplagt, können sich in der Schule nicht konzentrieren oder haben gar Angst vor ihr und ziehen sich zurück. Pubertierende zwischen ungefähr 11 und 14 Jahren können zu Gewalt neigen und zu Hause wie in der Schule rebellieren. Schlaf- und Essstörungen, ein mangelndes Interesse an typischen Aktivitäten Gleichaltriger sowie viele verschiedene körperliche Beschwerden sind möglich. Gestresste Jugendliche ab 14 Jahren leiden oft an psychosomatischen Beschwerden und hypochondrischen Reaktionen. Das heisst, ihre Psyche löst Symptome aus oder lässt sie Beschwerden wahrnehmen, die nicht real sind. Für Teenager untypische Verhaltensweisen wie eine Abnahme von Durchsetzungskämpfen mit den Eltern oder sexuelles Desinteresse sind weitere mögliche Folgen von Stress. Im Allgemeinen reagieren Menschen sehr unterschiedlich auf Stress, eine abschliessende Liste von möglichen Auswirkungen gibt es nicht. Auch sind die Übergänge zwischen Kind und Erwachsenem fliessend.

Wie lässt sich Stress am besten abbauen?

Die beste Stressbewältigung ist Stressvermeidung. Lässt sich der Stress nicht vermeiden, dann ist Ausdauersport die mit Abstand beste Art, dem Stress zu begegnen. Meditation wirkt synergistisch. Beides zusammen ist ideal. Um herauszufinden, wie sehr man gestresst ist und ob man sich genügend vom Stress erholt, kann man den Erholungs- Belastungsfragebogen EBF nach Prof. Dr. Wolfang Kallus zurate ziehen. Generell gilt: Je länger und stärker eine Belastungsphase ist, umso länger dauert es auch, bis man sich erholt hat und wieder fit ist für eine neue Belastungsphase. Zudem addieren sich verschiedene Belastungen über den Tag, sodass man eine neue Belastungsphase unter Umständen unzureichend erholt antritt. Dann ist man schneller wieder überlastet und benötigt folglich eine noch längere Erholungsphase. So kann sich ein gefährlicher Kreislauf entwickeln.

Und wenn sich ein Kind bereits in einem solchen Teufelskreis befindet?

Dann sollten sich die Eltern professionelle Unterstützung suchen. Der ideale Ansprechpartner ist dabei der Kinderarzt: Er kann Rat geben und gegebenenfalls nichtmedikamentöse Lösungen aufzeigen. Nicht jeder gestresste Jugendliche benötigt Ritalin. Es gibt da noch viele weitere nützliche Hilfestellungen.