«Der kindliche Organismus ist sehr reaktionsfähig»

Eine wachsende Zahl von Menschen setzt bei Beschwerden und Erkrankungen auf Homöopathie. Aber ist sie auch ein Fall für Kinder? Die klassische Homöopathin Brigitte Burkhalter im Gespräch über Chancen und Grenzen von Homöopathie und darüber, was bei der Anwendung bei Kindern zu beachten ist.

Brigitte Burkhalter, wie lässt sich die Funktionsweise von Homöopathie kurz und einfach zusammenfassen?
Der Begriff «Homöopathie» geht auf die griechischen Worte homoios (= ähnlich) und pathos (= Krankheit, Leiden) zurück. So lautet denn auch das Grundgesetz der Homöopathie: «Similia similibus curentur», was so viel heisst wie: Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden. » Die Homöopathie ist ein eigenes, von Dr. C. F. Samuel Hahnemann (1755-1843) definiertes medizinisches System, das den ganzen Menschen in seiner Individualität berücksichtigt und nicht nur seine Krankheiten behandelt. Die Grundpfeiler der klassischen Homöopathie sind: Das Ähnlichkeitsgesetz, die individuelle Arzneimittelwahl, die spezielle Zubereitungsform (Potenzierung), die Arzneimittelprüfung am Gesunden und die Gabe einzelner Arzneimittel.

Sie haben erwähnt, dass das Ähnlichkeitsprinzip die Grundlage der Homöopathie bildet. Was steckt hinter diesem Prinzip?
Es besagt, dass eine Substanz, die bei Gesunden gewisse Symptome auslösen kann, ähnliche Symptome bei Kranken zu heilen vermag. Dazu ein kurzes Beispiel: Denken Sie an einen Bienenstich mit seinen stechenden Schmerzen, der Röte (blassrosa), Hitze, weichen Schwellung sowie der örtlichen Berührungsempfindlichkeit. Das homöopathische Arzneimittelbild von Apis mellifica (Honigbiene) beinhaltet eben diese Symptome und wird deshalb sofort regulierend auf den Organismus einwirken.

Was ist das Besondere an Homöopathie bei Kindern, und wo liegen die Unterschiede bei der Anwendung für Erwachsene?
Bei der Arzneimittelwahl macht es keinen Unterschied, ob Erwachsene oder Kinder behandelt werden. Wichtig ist, dass das homöopathische Arzneimittel möglichst genau dem Gesamtzustand des Kindes entspricht. Bei der Potenzwahl hat sich in akuten Situationen vor allem die C30 bewährt – eine Gabe von 5 Globuli im Mund zergehen lassen oder in Wasser auflösen, kurz umrühren und schluckweise alle paar Minuten einnehmen. In der Praxis können wir beobachten, dass die Selbstregulationsmechanismen bei Kindern häufig bereits nach einmaliger Gabe des angezeigten Arzneimittels einsetzen. Der kindliche Organismus verfügt meist noch über eine hohe Reaktionsfähigkeit und ist im Gegensatz zu dem des Erwachsenen weniger störenden Einflüssen wie zum Beispiel Kaffee- und Alkoholgenuss ausgesetzt.

Und welches sind typische Fälle, bei denen homöopathische Anwendungen bei Kindern angezeigt sind?
Bei Kindern treten viele altersspezifische Krankheiten auf, welche die Aufgabe haben, das kindliche Immunsystem zu trainieren. Es sind dies die klassischen Kinderkrankheiten sowie wiederkehrende Erkältungskrankheiten und weitere Infektionskrankheiten, die meist durch Viren ausgelöst werden. Auch Nervosität, Ängste und Beschwerden wie Schlafstörungen oder Hyperaktivität betreffen zunehmend mehr Kinder und Jugendliche. Dazu kommen Verletzungen, Reisebeschwerden, Erkältungen und Magen- Darm-Beschwerden.

Und wo liegen die Grenzen der Homöopathie bei Kindern?
In lebensbedrohlichen Situationen, dort, wo ein chirurgischer Eingriff nötig ist sowie bei schweren Krankheiten, wo die Reaktionsfähigkeit des Organismus stark reduziert ist.

Braucht es einen Besuch bei einem Homöopathen oder reicht der Besuch einer Drogerie oder Apotheke?
Bei akuten Beschwerden kann man sich gut von einer Fachperson in der Apotheke oder Drogerie beraten lassen. Diese Fachperson sollte jedoch über eine Zusatzausbildung in Homöopathie verfügen. Selbst behandelt werden dürfen leichte alltägliche oder akute Beschwerden wie zum Beispiel Erkältungen oder Verdauungsstörungen und Notfallsituationen, in denen es nicht möglich ist, sofort einen Arzt zu konsultieren. Wenn sich die Beschwerden nicht innerhalb kurzer Zeit merklich bessern, so sollte man auf jeden Fall seinen Arzt oder Homöopathen konsultieren. Nicht selbst behandeln darf man bei chronischen Erkrankungen, das heisst bei immer wiederkehrenden Beschwerden sowie bei einer unklaren Diagnose.

Oft ist die Rede von einer «homöopathischen Hausapotheke ». Was gehört mit Fokus auf Kinder dort rein?
Eine begrenzte Anzahl Mittel, die sich im Alltag mit  Kindern bewährt haben. Zu empfehlen ist zum Beispiel die homöopathische Kinderapotheke der Firma OMIDA mit 20 Einzelmitteln und dem dazugehörigen Ratgeber.

Beispiele für besonders wirksame Stoffe für Kinder:

Arnica montana:Notfallmittel bei Verletzungen aller Art (Prellungen, Blutergüssen)
Aconitum napellus:Schreck, Schock, Fieber im Erststadium
Belladonna: plötzlich einsetzendes Fieber, grosse Unruhe, Aggressivität 
Apis mellifica:Insektenstiche und lokale Entzündungen mit blassrosa Schwellungen
Cocculus:Reisekrankheit mit Übelkeit und Erbrechen
Gelsemium:leichte Grippe und Erkältung, Benommenheit, Zittrigkeit sowie
Konzentrationsschwäche und Prüfungsangst
Nux vomica:Allroundmittel bei Magenbeschwerden und Erkältungen

 

Häufig angezeigte homöopathische Arzneimittel  in der Kinderpraxis: Arnica, Apis, Belladonna, Chamomilla, Colocynthis, Ipecacuanha,  Nux vomica, Phosphorus, Pulsatilla, Sulfu.