Der erste Schultag: Was wirklich zählt, ist die Vorfreude

Nach den Sommerferien ist es wieder soweit: Unzählige Kinder tauschen die spielerische Welt des Kindergartens mit den harten Schulbänken. Es ist ein Moment, der bei den Kindern freudige Nervosität hervorruft – und bei vielen Eltern hektischen Übereifer. Und dieser sorgt nicht selten für einen unnötigen Aktionismus. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Nun beginnt der Ernst des Lebens. Wer seinem Kind den ersten Schultag so verkauft, der verkennt, dass die Kleinen ihr Leben eigentlich schon vorher ziemlich ernst genommen haben. Es ist die typische erwachsene Sicht der Dinge. Schule ist Struktur, ist Arbeit, ist Leistung, ist Beurteilung. Der Übergang vom Kindergarten wird von uns «Grossen» deshalb oft als Eintritt in eine Existenz genommen, die danach bis zur Pensionierung anhält – mindestens. Das ahnen Kinder aber in aller Regel noch nicht, und es gibt auch keinen Grund, es ihnen einzupauken.

Vorfreude geht vergessen

Natürlich spüren auch die angehenden Erstklässler, dass jetzt etwas Neues beginnt. Nur unterschätzen wir oft, dass sie diese Situation eigentlich schon oft erlebt haben. Der Eintritt in die Spielgruppe. Der Aufenthalt in der Kinderkrippe. Der Start im Kindergarten. Was uns als recht lapidar erscheinen mag, ist für ein Kind immer ein heftiger Einschnitt. Die Einschulung ist einfach einer mehr. Unsere Überhöhung dieses Schritts treibt manchmal seltsame Blüten. Und sie hilft vermutlich nicht, um das zu fördern, was am meisten gefragt wäre: Vorfreude. «Damals, als ich...» beginnen viele Erinnerungen von Vätern und Müttern. Aber Hand aufs Herz: Wer hat eine wirklich klare Erinnerung an den ersten Schultag? Natürlich ist man angespannt, weil da plötzlich eine bisher unbekannte Person als Lehrerin oder Lehrer vor einem steht, weil man andere Kinder kennenlernt, weil man plötzlich auch zuhause noch etwas tun soll. Aber zu dieser Nervosität muss man nicht noch sonderlich beitragen, indem man über die Tragweite des Schuleintritts philosophiert.

Zu früh? Zu spät?

Die wahren Hürden warten ja ohnehin vorher. Nur schon der Zeitpunkt der Einschulung gibt viel zu diskutieren. In der föderalistischen Schweiz ist der ohnehin von Kanton zu Kanton anders geregelt. Meist entscheidet das Geburtsdatum und ein bestimmter Stichtag darüber, ob es schon soweit ist oder erst ein Jahr später. Und prompt erscheinen Untersuchungen, die Eltern verunsichern. Die einen schwärmen davon, dass man doch so früh wie von Gesetzes wegen möglich einschulen soll, das spart immerhin Zeit auf dem ganzen Bildungsweg. Andere Studien sagen: Je älter ein Kind beim Schulstart ist, desto grösser die Chance auf eine erfolgreiche Karriere, weil die soziale Entwicklung schon weiter fortgeschritten ist. Und so wird fernab von den persönlichen Bedürfnissen eines Kindes eine Liste mit Vor- und Nachteilen entworfen.

Schultüte? Echt jetzt?

Und dann kommt der Moment, in dem einen bewusst wird, dass die eigenen Erinnerungen ohnehin überholt sind. Dann zum Beispiel, wenn das Kind sich nach der Schultüte erkundigt. Die was bitte? Dieses Ding, das die Kinder in Deutschland am ersten Schultag stolz mit sich tragen und das mit Süssigkeiten gefüllt ist? Was hat die Schweiz bitte mit diesem Brauch zu tun? Laut Wikipedia hat er sich von Deutschland aus nach Österreich ausgedehnt, aber dieser Eintrag sollte bitte schön dringend aktualisiert werden. Denn genau wie Halloween aus den USA zu uns herüber geschwappt ist, droht uns nun auch die «Schultütisierung». Irgendwelche Eltern, vermutlich Einwanderer, haben damit begonnen, und nun scheint es auch hier Standard zu werden. Man möchte sich instinktiv wehren dagegen – aber soll das eigene Kind vielleicht das einzige ohne Schultüte sein? Aber zurück zur übertriebenen Hektik vieler Eltern, wenn es um den ersten Schultag geht. Einige scheinen diesen Anlass vor allem als Aufforderung zum Wettbewerb zu verstehen. Zwar lernen Kinder in der Schule ohnehin lesen und schreiben, aber wenn das eigene das bereits kann, wenn es in der 1. Klasse ankommt, wäre das doch ziemlich beeindruckend. Also wird das zweite Kindergartenjahr bereits genutzt, um das einzupauken, auf das sich die Lehrkraft eigentlich vorbereitet hat. Nachhaltig ist das nicht, der Unterricht folgt auch dann seinem Tempo, wenn Chayenne und Moritz das ABC bereits verinnerlicht haben, aber es wirft natürlich ein gutes Licht auf die Eltern. Mit anderen Worten: Der angedrohte «Ernst des Lebens» beginnt bei so manchem Kind schon viel früher, weil es die Eltern fit für die Schule machen wollten, indem sie den Stoff der ersten Monate schon zuhause vermitteln.

Seltsame Checklisten

Wer sich abseits von pädagogischen Fragen auf den Schuleintritt des Kindes vorbereiten will, findet unzählige Checklisten im Internet. Allerdings werden die meisten Eltern relativ ernüchtert sein, wenn sie diese studieren. Dass man einen Thek, ein Etui und eine Znünibox kaufen muss, ist den meisten Leuten bekannt. Ebenfalls, dass sie mit Vorteil schon vor dem ersten Tag überlegen, wie der Weg von zuhause bis zur Schule bewältigen. Andere Tipps laufen in der Kategorie «Skurrilitäten ». So ist beispielsweise der Ratschlag zu finden, man sollte am ersten Schultag auf eine spezielle Kleidung wie einen kleinen Anzug mit Krawatte verzichten. Offenbar gibt es tatsächlich Eltern, die den Ehrgeiz empfinden, ihren Sohn herauszuputzen für diesen Anlass. Und das in einer Ausstattung, in der sich kaum ein Kind wohl fühlt und die es vermutlich zum Ziel von Spott und Hohn macht. Viel Platz wird der Frage eingeräumt, wie man den Schulbeginn nach erledigtem Tag feiern soll. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist ja in der Tat etwas Besonderes (auch wenn es für Eltern kein Grund ist, durchzudrehen), daher ist ein gemeinsames kleines Ritual nach geglücktem Start sicher nicht falsch. Dieses sollte allerdings den Bedürfnissen des Kindes entsprechen, denn um dieses geht es ja. Vermutlich ist daher die Lieblingspizzeria von Sohn oder Tochter die bessere Wahl als ein reservierter kleiner Saal in einem preisgekrönten Gourmet-Lokal mit der verhassten Tante oder dem lästigen Onkel als Gäste.

Gelassenheit

Alles in allem scheinen die unzähligen gutgemeinten Tipps, ob aus dem Web oder aus der Verwandtschaft, eher zu belasten als die Vorfreude zu steigern. Bereits im Kindergarten gab es einen strukturierten Tagesablauf, und bekanntlich sprechen Kinder auch miteinander, wissen also oft im Voraus, wie es in der Schule so läuft. Es gibt keinen Grund, aus einem an sich zauberhaften Tag einen beängstigen Mythos zu machen. Gelassenheit ist gefragt. Die Nervosität kommt ganz von allein. Kommt dazu, dass der erste Schultag nur der Beginn einer ganzen Reihe von «Premieren» ist. Das erste Elterngespräch, der erste Schulausflug, das erste Schullager, der Wechsel zu einer anderen Lehrkraft, die Entscheidung vor der Wahl der Oberstufe: Es warten noch sehr viele grosse Schritte auf Kinder. Es ist ein bisschen wie bei der Hochzeit: Nur weil am Tag X vielleicht nicht alles so läuft wie gewünscht, heisst das nicht, dass die nächsten Jahre furchtbar werden. Und übrigens: Viel von dem, was wir als Eltern mit dem Schuleintritt verbinden, hat mehr mit uns selbst zu tun als mit dem, was auf das Kind wartet. Wir sind es nämlich, die merken, dass jetzt eine neue Ära beginnt – für uns selbst. Mit der Schulzeit beginnt die nächste Phase der langsamen Loslösung. Die gehört zum Leben, aber sie nagt eben an uns.

erstellt von Stefan Millius