Den Spagat schaffen

Arbeiten und Kinderbetreuung – häufig eine schwierige Kombination, welche viele berufstätige Mütter und Väter tagtäglich aufs Neue herausfordert. Damit soll nun Schluss sein. Vier Frauen des Onlinemagazins tadah schaffen im Herbst den ersten Coworking Space mit einer professionellen Kinderbetreuung unter einem Dach. Diana Wick, eine der vier Gründerinnen, erklärt im Interview, in welchem Dilemma arbeitende Eltern häufig stecken, welche Erfahrungen sie dabei gemacht hat und wie das Modell künftig aus sehen wird.

Coworking Spaces gibt es mittlerweile einige in der Schweiz, das Angebot mit Kinderbetreuung ist jedoch einzigartig. Weshalb musste man so lange darauf warten?
Wahrscheinlich haben sich viele Coworking Spaces bis anhin nicht ans Thema Kinderbetreuung gewagt, weil es in der Schweiz mit vielen Auflagen verbunden ist. Und gerade, weil man auch im Ausland nicht viele Spaces sieht, die damit erfolgreich unterwegs sind, lässt man wohl lieber die Finger davon.

Ihr wagt den Schritt dennoch, habt eure Jobs gekündigt und seid nun mit den Vorbereitungen für die Eröffnung im Herbst beschäftigt. Daneben habt ihr jedoch alle Kinder. Wie schafft ihr diesen oftmals schwierigen Spagat?
Wir haben vor mehr als zwei Jahren das Onlinemagazintadah. ch gegründet. Dort haben wir ganz viele Mütter, die ihr eigenes Business haben, gefragt, wie sie das mit der Betreuung managen. Wie sie das alles unter einen Hut kriegen. Im Zuge dieser Arbeit haben wir uns oft gewünscht, es gäbe einen Ort, an dem wir uns treffen und arbeiten können – und zwar dann, wenn wir Arbeit haben und nicht dann, wenn wir Kita-Tage gebucht haben. Uns fehlte schlicht die Flexibilität – aufseiten der KiTas, aber auch aufseiten der Unternehmen. Und es ging nicht nur uns so, sondern vielen, vielen Eltern. Also dachten wir, wir schaffen so einen Ort. Einen Coworking Space mit Kinderbetreuung. Hier kann man in Zukunft arbeiten und nebenan (unter demselben Dach, aber nicht im selben Raum) werden die Kinder professionell betreut.

Wie handhabt ihr es selbst mit der Kinderbetreuung und dem Arbeiten?
Jede macht das anders. Unsere Julia wird mit ihrer Coco unsere erste Kundin sein. Ihre Familie lebt nicht in der Schweiz, also kann sie nicht eben mal auf Grossmama zurückgreifen, wenn sie arbeiten muss. Wir anderen, Klara, Sarah und ich, haben eine Kita-Lösung, kombiniert mit Grosseltern. Aber auch wir werden selbstverständlich von unserer Idee profitieren.

War es schon länger auf eurer Wunschliste, ein solches Projekt umzusetzen – oder war es eher eine spontane Idee?
Die Idee entstand aufgrund unserer eigenen Bedürfnisse. Aber wir haben eine Umfrage mit 400 Eltern gemacht und da kam deutlich heraus: So etwas braucht es in der Schweiz. Also haben wir losgelegt. Natürlich ist es auch ein Traum, der in Erfüllung geht, dass wir als Teilzeit arbeitende Mütter beruflich nicht zurückstecken müssen, wie viele andere, sondern unser eigenes Unternehmen aufbauen können. Zu viert.

Wart ihr überrascht, dass die Resonanz so gross ist?
Anfangs weiss man ja nie, ob das nur die eigenen Bedürfnisse oder auch diejenigen aller Eltern sind. Dass das Feedback so gross und so positiv war, hat uns natürlich gefreut und motiviert, das Ding auf den Boden zu bringen.

Wie schwierig war es, das nötige Budget zusammenzubekommen?
Wir haben unsere Investorenrunde mit privaten Investoren erfolgreich beendet und danach für die letzte Finanzierungsmeile ein Crowdfunding lanciert. Auch dieses war sehr erfolgreich – man merkt: Das Thema Vereinbarkeit brennt den Schweizerinnen und Schweizern unter den Nägeln. Das Feedback: Viele sind dankbar, dass wir versuchen, es den Eltern einfacher, statt schwieriger zu machen. Die Mütter und Väter können flexibel die Wochentage wählen – oder auch nur für ein paar Stunden einchecken.

Die Geldsuche war also erfolgreich. Gab es andere Herausforderungen, welche ihr meistern musstet?
Dass wir oft zu wenig Zeit haben, all unsere Ideen umzusetzen. Wir müssen vieles abends oder nachts erledigen. Aber das gehört zum Start-up Groove dazu. Eine weitere Herausforderung: Wir mussten alle aus unserer Komfortzone heraustreten. Das ist nicht immer einfach, aber man wächst und entwickelt sich weiter. Ein schönes Gefühl.

In der Schweiz sollen Eltern arbeiten, als hätten sie keine Kinder. Und ihre Kinder aufziehen, als würden sie nicht arbeiten. Das schreibt ihr auf der Homepage. Hand aufs Herz: Verhaltet ihr euch manchmal auch so? Gerade Frauen haben ja oftmals ein schlechtes Gewissen – egal, ob sie arbeiten oder zu Hause sind ...
Das schlechte Gewissen begleitet wohl jede arbeitende Mutter. Natürlich auch uns. Aber wir wollen arbeiten, weil wir gern arbeiten, jetzt, mit unserem eigenen Unternehmen, sowieso. Und trotzdem möchten wir auch zu Hause präsent sein und am Leben unserer Kinder teilhaben. Ein Spagat, der oft schmerzt. Da geht es uns wie allen anderen auch. Genau darum ist es ja wichtig, Eltern zu bestärken, statt ihnen das Leben mit veralteten Strukturen schwerer zu machen.

Wie ungestört wird das Arbeiten sein, wenn die Kinder nebenan toben können?
Die Kinder werden unter demselben Dach betreut. Aber nicht im selben Raum. Es hat dicke Mauern dazwischen und das ist auch gut so. Somit: Das Arbeiten wird ungestört sein.

Auf was freut ihr euch am meisten?
Auf viele Eltern, die bei uns einchecken. Auf einen wunderschönen und inspirierenden Raum. Auf all unsere Partnerschaften, die nun nicht nur online, sondern auch offline zum Tragen kommen. Auf die unendlich vielen Möglichkeiten – vom Flohmi bis zum Workshop, der so ein Space eröffnet. Kurz: Wir freuen uns auf die Eröffnung Anfang Oktober 2019.

erstellt von Manuela Bruhin