Dauerkontrolle oder Dauervertrauen

Unser Wiener Familien-Coach Gerhard Spitzer hat diesmal «streng vertrauliche» Nachrichten.

Schenken Sie eigentlich Ihrem Kind oft Ihr Vertrauen oder kontrollieren Sie Ihren Sonnenschein lieber hart, aber herzlich? Haben Sie Ihrem Liebling vielleicht schon öfters etwas «ganz Schwieriges» übertragen, oder schauen sie dem «unzuverlässigen» Nachwuchs lieber ganz genau auf die Finger? Oder wie wäre es mit totaler Kontrolle der Sicherheit wegen?

Sicherheits-Kontrolle

«Laura, du darfst auf keinen Fall alleine draussen bleiben! Wenn du kein anderes Kind findest, kommst du sofort zurück! » Gut so! Mama Gerda hat eben die lückenlose Sicherheit Ihrer Prinzessin gerne unter Kontrolle! Jedoch: Im Grunde genommen ist die neunjährige Graubündnerin, Laura, ja schon allein, sobald sie nur einen Fuss vor die Haustür in ihrer neuen – offensichtlich ziemlich gefährlichen – Wohnhausanlage in Chur setzt. Laura ist mit dieser Anordnung natürlich total überfordert und kommt lieber gleich zurück, ohne sich lange um «andere Kinder» zu bemühen. Super! Was für ein kontrolliert-hilfreicher Erziehungs- Plan zur Unfallverhütung, liebe Mom! Laura hat zwar noch immer keine Freundinnen, aber in Sicherheit ist sie wenigstens, die Kleine. Puhh, Glück gehabt!

Aufenthalts-Kontrolle

Der zwölfjährige Philipp aus Zürich hört ganz ähnliche Sätze auch andauernd: «Du meldest dich alle zwei Stunden übers Natel bei mir. Und dass du mir das ja nicht vergisst!» Philipps Vater duldet in seinem Kontrollsystem nicht viel Spielraum. und es ist schon «Feuer im Dach», wenn Philipps Anruf um Minuten zu spät ankommt! Zwei Folgen haben sich daraus schon ergeben: Erstens hat Philipp mittlerweile grosse Angst, dass er den Zeitpunkt versäumen könnte und es dann wieder heftigen Streit mit Paps gibt. Zweitens ist er mit seinen bald 13 Jahren inzwischen ein richtiger Profi beim Lügen geworden. Vater Jakob drückt es im Gespräch mit mir so aus: «Mein Junge hat mir wieder ‹em Tüüfel äs Ohr ab› was vorgelogen» Das habe sogar ich aus dem fernen Osten restlos verstanden: Meistens macht Jakob also etwas ganz Anderes, als er seinem Vater gerade am Telefon erzählt hat. Schon aus Prinzip. Na ja! Keine grosse Überraschung, liebe Freunde von FamilienSPICK, oder? Philipp wehrt sich einfach auf typisch kindliche Art gegen die andauernde Kontrolle – und gegen den ständigen Zeitdruck natürlich auch! Das so etwas auch nicht grade der prickelnd geniale Plan ist, leuchtet uns allen sicherlich ein. Hoffentlich auch bald Papa Jakob!

Plan «B»

Der Weg der totalen Kontrolle bringt in Wahrheit also überhaupt keine Erleichterung im Umgang mit den Kids. Im Gegenteil: Es erschwert und kompliziert ihn sogar! Möchten Sie denn durch Ihren Partner ständig kontrolliert werden? Auch wenn Sie ihn noch so lieb haben? Oder gerade dann? Ihre Partnerschaft würde vielleicht bald unter Druck geraten. Warum sollte es bei Ihrem Kind anders sein? Ein Plan «B» muss her! Hier ist mein erster Vorschlag …

Vertrauensvoller Auftrag

Kinder wollen und brauchen zu ihrer Entwicklung unbedingt Dinge, die man ihnen ehrlich und vollständig zutraut, also vertrauensvolle Aufträge, die sie «garantiert» ohne Dauerkontrolle durchführen können. Zum Dank dafür wird sich Ihr Sonneschein Ihnen gegenüber bald deutlich selbstständiger, umsichtiger und auf jeden Fall auch dankbarer verhalten. Genau das ist ja schliesslich unser Job als liebevoll Erziehende: Wir möchten Kinder fit für ein möglichst eigenständiges Leben machen. Soziologen nennen so etwas Lebenskompetenzförderung. Erziehen Sie Ihre Kinder also lieber zu Vernunft und klugem Umgang mit den Kleinigkeiten des Lebens. Schenken Sie ihnen lieber Ihr Dauervertrauen, als ihre Dauerkontrolle! So etwas soll sogar im wirklichen Leben funktionieren, wie man hört! Annas wunderschöne Geschichte spricht jedenfalls für sich …

Vertrauensfall

Der bald 14-jährige Teenager Anna aus Winterthur ist heute Abend von ihrer Teenie-Party ganz pünktlich nach Hause gekommen. Nicht besonders bemerkenswert. Klar! Aber: Ihre Mutter ist gar nicht zu Hause, und das weiss Anna sehr genau! Die Alleinerziehende hat wieder einmal Spätschicht und muss sich auf ihre Tochter und deren Pünktlichkeit vollkommen verlassen können. Und das kann sie auch! Schon seit ein paar Jahren wird die fixe Vereinbarung mit der Mutter ohne Diskussion eingehalten! Ganz selbstverständlich. Gerade, weil Mutter abends sehr oft nicht daheim ist. Anna hat das grosse Vertrauen ihrer Mutter schon immer «cool» gefunden. Und das will Anna keinesfalls zerstören. Das täte sicher nicht nur ihr selbst weh. Ausserdem scheint ihr Verhalten schon Früchte zu tragen: Annas Mutter bringt es in Gesprächen mit Familie und Nachbarn in letzter Zeit immer öfters klar zum Ausdruck: «Ich bin sehr stolz auf Anna und ihre Zuverlässigkeit! » Das hört die junge Dame natürlich sehr gerne …

Alles unter Kontrolle?

Während Lauras Mutter und Philipps Vater also ihren Kids jede Art von Unzuverlässigkeit gleich rigoros austreiben möchten, hat Annas Mutter mit zwei sehr mächtigen verhaltenspädagogischen «Werkzeugen» gearbeitet: Selbstmotivation und Eigenverantwortung. Wenn Sie sich also nach etwas Entspannung im erzieherischen Alltag sehnen, dann darf Ihnen meine heutige «vertrauliche Nachricht » als Motivationsschub dienen, dieses neue Verfahren doch mal von Herzen anzuwenden! Sie werden es mögen!

Tipp-Box

  • Wenn Ihr Kind augenscheinlich «unzuverlässig» ist, wird dieses Verhaltensmuster durch andauernde Kontrolle sicher nicht verbessert, nur versteckt.
  • Sobald Sie Ihr Kind in einer viel leicht schon stark angespannten Lage auch noch verärgert zutexten, führt das automatisch zu Abwehrver halten: «Ich habe doch gar nichts gemacht!»
  • Geben Sie Ihrem Kind ganz unkomplizierte Gelegenheiten, ehrlich und zuverlässig zu sein und nehmen Sie diese Dinge danach deutlich als «selbstständig und gut gelöst» wahr. Das stärkt Ihr Kind und macht ihm Freude auf das nächste Mal!
  • Erinnern Sie Ihr Kind gelegentlich freudig an Dinge, die es bereits früher bemerkenswert selbstständig gelöst hat. Damit zeigen Sie, dass Ihnen diese kleinen Erfolge auch langfristig wichtig sind.
  • Seien Sie selbst Vorbild! Ihr Kind muss spüren, dass man sich auch auf Ihre Versprechen genau verlassen kann. Ihrem Liebling wird es dann bald viel leichter fallen, das gleiche Verhaltensmuster selbst zu «liefern».
  • Kinder üben gern. Am Besten spielerisch. Das macht Ihre handlungsorientierte Welt eben aus! Üben Sie gemeinsam Zuverlässigkeit. Spielen Sie gegenseitiges Vertrauen öfters durch!