Clever essen macht fit für die Schule

Ist ein Kind in der Schule häufig unkonzentriert, kann das an der Ernährung liegen. Geeignete Nahrungsmittel kurbeln Aufmerksamkeit und Gedächtnis an.

Im Interview sagt Prof. Dr. med. Kurt Baerlocher, welche Nährstoffe gut fürs Gehirn sind und was Kinder essen sollten, um in der Schule fit zu bleiben.

Prof. Baerlocher, welche Rolle spielt die Ernährung in Bezug auf das Gehirn?
Die Ernährung ist einerseits für den Aufbau des Gehirns in den verschiedenen
Entwicklungsphasen und andererseits als Lieferant von Energiestoff für die Funktion des Gehirns sehr wichtig. Deshalb ist bereits die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft von grosser Bedeutung. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Ernährung in dieser Phase für die Programmierung mentaler, kognitiver und Verhaltensfunktionen in der späteren Kindheit und im Erwachsenenalter eine immense Rolle spielt.

Wie und warum entsteht ein Leistungsabfall bzw. ein Konzentrationsverlust?
Das Leistungsprofil des Kindes während des Tages ist unterschiedlich. Es ist hoch in den frühen Morgenstunden nach einem nahrhaften Frühstück und fällt dann nach 10 Uhr ab, wenn nicht eine kleine Zwischenmahlzeit eingenommen wird (Frucht, Snack). Nach dem Mittagessen ist die Leistungsfähigkeit wieder
besser und nimmt gegen Abend wieder ab. Ursachen für Leistungsabfall, wie beispielsweise Schlafmangel, können durch die Ernährung kaum ausgeglichen werden.

Brauchen Kinder eine spezielle Ernährung, um sich gut konzentrieren zu können?
Nein, eine ausgewogene Ernährung, wie sie von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) oder vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund vorgeschlagen wird: Lebensmittelpyramide und
Ernährungsdrehscheibe), ist durchaus genügend und sollte dem Kind alle nötigen Nährstoffe liefern. Entscheidend ist, dass der Tag mit einem Frühstück
beginnt, um so gute Voraussetzungen zu schaffen.

Welche Nährstoffe sind ganz besonders gut für das Gehirn und warum?
Für den Stoffwechsel des Gehirns und der Nervenzellen sind alle Nährstoffe
inklusive Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine wichtig, wobei einige eine Vorrangstellung haben, weil wir von ihnen wissen, dass ihr Mangel zu Leistungs
störungen führen kann. Für kurzfristige Leistungen ist vor allem die Energiezufuhr wichtig, die besonders durch Glucose aus dem Blut gewährleistet wird.

Welche Bedeutung haben die einzelnen Nährstoffe für die Gehirnentwicklung, z.B. Eisen, Jod, Zink, Folsäure, Vitamin B12, Omega-3-Fettsäuren und wo sind diese drin?
Die genannten Nährstoffe sind tatsächlich solche, von denen wir wissen, dass sie die Gehirnentwicklung beeinflussen. Dabei ist bereits die Ernährung der Mutter in der frühen Schwangerschaft, wenn die Gehirnentwicklung einsetzt, sehr wichtig. Der Ernährungszustand der Mutter bei Beginn der Schwangerschaft spielt also eine sehr wichtige Rolle. So kann ein Mangel an Folsäure, einem B-Vitamin, zu einer schweren Hirnmissbildung und zum Bild eines offenen Rückens mit Lähmungen der unteren Körperhälfte führen. Ein Jodmangel führt zu einer schweren Störung der Gehirnentwicklung mit geistiger Behinderung. Zum Glück spielt dies in der Schweiz dank einer guten Jodversorgung kaum eine Rolle. Omega-3-Fettsäuren sind v.a in der späteren Schwangerschaft wichtig, wenn das Gehirn stark wächst, da es ein wichtiger Bestandteil der Nervenzell-Membranen ist. All die genannten Nährstoffe spielen aber auch nach der Geburt eine sehr wichtige Rolle, da das Gehirn in den ersten Jahren noch stark wächst und sich entwickelt. Ein Eisenmangel in den ersten Lebensjahren kann die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten und des Verhaltens beeinflussen, was wir v.a. von unterernährten Kindern in den Entwicklungsländern wissen. Deshalb werden die genannten Nährstoffe immer wieder erwähnt, wenn Kinder im Kindergarten- oder Schulalter Leistungsschwächen und Verhaltensstörungen zeigen. Zeigt sich dann, dass diese Kinder einen Mangel des betreffenden Nährstoffs haben, so kann eine entsprechende Behandlung nützlich sein. Ein Mangel kann durch eine Blutuntersuchung auf Eisen, Zink, Folsäure, Vitamin B12 und auch Magnesium nachgewiesen werden. Für die Omega-3-Fettsäuren sind dazu aufwendige Untersuchungen nötig. Auch bei Nahrungsmittel-Allergien oder Überempfindlichkeit auf Konservierungsstoffe oder Farbstoffe, die der Nahrung zugesetzt werden, wurden seltenerweise Verhaltensstörungen beobachtet. Eine ausgewogene Ernährung mag alle diese Nährstoffe in genügender Menge liefern. Besonders wichtig sind Milch (Calcium, Zink und Vitamine), Fleisch für Eisen und Zink und Fische für die Omega-3-Fettsäuren. Daneben sind v.a. Früchte und Gemüse (Vitamine) wichtig.

Inwiefern ist Fett an der Denkleistung unseres Gehirns beteiligt?
Die Fettsäuren, zu denen auch Omega-3-Fettsäuren gehören, sind ein wichtiger Bestandteil des Fetts. Sie sind für den Aufbau der Nervenzellen und damit auch für die Funktion des Gehirns wichtig. Für den Transport der Fettsäuren in die Nervenzellen und in die andern Körperzellen ist auch Carnitin wichtig, das bei einzelnen Kindern ebenfalls eine Verbesserung des Verhaltens zeigte, wenn es bei einem Mangel ergänzt wurde. 

... und die Flüssigkeitszufuhr?
Eine genügende Flüssigkeitszufuhr ist enorm wichtig für die Funktion unseres Körpers und damit auch für das Gehirn. Flüssigkeitsmangel kann gerade bei den Kindern, je jünger das Kind desto ausgeprägter, zu Funktionsstörungen führen.

Kann man sich mit sogenanntem «Brainfood» - Futter fürs Hirn - gescheiter essen?
Das Gehirn und der übrige Körper (Peripherie) stehen in einem engen Zusammenhang. Informationen von der Peripherie gelangen zum Gehirn und das Gehirn kontrolliert und reguliert die Funktionen in der Peripherie. So werden auch Hunger und Durst gesteuert und auf diese Weise dem Körper diejenigen Nährstoffe zugeführt, die er braucht, falls diese zur Verfügung stehen.

Sogenanntes «Studentenfutter» - macht das wirklich klug?
Studentenfutter besteht aus verschiedenen Nüssen und Rosinen. Es ist damit reich an Mineralstoffen (Magnesium, Kalium), ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und Glukose. Also eine Mischung von Nährstoffen, die die Leistungsfähigkeit steigern kann, besonders in Situationen, wenn man lange arbeiten muss, wie das Studenten gelegentlich beim Lernen, z.B. vor Examen, tun müssen. Studentenfutter macht nicht klug, aber es kann die Leistungsfähigkeit steigern, weil es eine Unterzuckerung beim langen Arbeiten verhindert. Allgemein werden heute Nüsse als wertvoller Nahrungsbestandteil angesehen, besonders auch wegen der wichtigen ungesättigten Fettsäuren.

Wann kommt es zu Nährstoffmängeln und wie können sich diese auswirken? In unseren Breitengraden kommt eine Mangelernährung (Eiweiss-Energie-Mangel), wie er in den Entwicklungsländern üblich ist, nicht vor. Wir ernähren uns eher zu Eiweiss- und auch zu Energie (Kalorien)-reich. Viel eher sind es einseitige Ernährungsweisen, beispielsweise keine Gemüse, keine Früchte, keine Milch, kein Fleisch oder keine Fische, die zu Mangel an gewissen Nährstoffen führen können. Deshalb ist es so wichtig, eine ausgewogene Ernährung einzunehmen und auch regelmässig und langsam zu essen und gut zu kauen. Besondere Situationen sind Krankheiten, die zu einer ungenügenden Nahrungsaufnahme oder Nahrungsverwertung führen.

Was können Eltern ihrem Kind ernährungstechnisch mit auf den Weg geben?
Für Eltern ist es wichtig zu wissen, dass der Grundstein für die Essverhaltensweise - genauso wie bestimmte Vorlieben für oder Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel - im Kindesalter gelegt und diese meist auch im Erwachsenenalter beibehalten wird. Dasselbe gilt für bestimmte Verhaltensweisen im Umgang mit Essen wie beispielsweise Essen aus Frust oder als Trost. Zudem: Sieht Ihr Kind Sie immer nur stehend, in Eile oder beim Fernsehen essen, wird es solche Angewohnheiten übernehmen. Essen Sie nie Gemüse, werden Sie Ihr Kind auch nicht davon überzeugen können. Seien Sie also - einmal mehr - Vorbild! Seien Sie sich voll bewusst, was Sie Ihren Kindern in Bezug auf die Ernährung, die Nahrungsauswahl, die Essenszubereitung und das Essverhalten für Werte mit auf den Weg geben wollen!

erstellt von Christina Bösiger