Berufstätigen Eltern das Leben erleichtern

Worauf können Mütter und Väter bei der Wahl des Arbeitgebers achten? Wie können sie sich das Leben als berufstätige Eltern erleichtern? Wie familienfreundlich ist die Arbeitswelt? Antworten dazu gibt Barbara Gutzwiller. Sie ist Gründerin und Präsidentin von profawo Basel, einer Non-Profit-Organisation, die sich in der ganzen Schweiz für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt, sowie Direktorin des Arbeitgeberverbands Basel und kennt daher beide Seiten mit ihren Erwartungen und Ansprüchen.

Barbara Gutzwiller, sind Sie davon überzeugt, dass das unberechenbare Familienleben mit der durchorganisierten Arbeitswelt kompatibel ist?
Wichtig ist für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, dass das Betreuungssystem einer Familie auf mehreren Stützen aufgebaut ist. Es braucht ein umfassendes Netzwerk, das über die reine Kitabetreuung hinausgeht, wie beispielsweise dasjenige von profawo, um auch in schwierigen Fällen und bei ungeplanten Ereignissen eine gute Lösung zu finden. Die Betreuung in der Kita oder durch eine Nanny zu Hause gewährleistet, dass der «normale» Alltag von berufstätigen Eltern funktioniert. Und in Notfällen, wenn beispielsweise ein krankes Kind nicht in die Kita gebracht werden kann, hilft eine Notnanny. Während der Schulferien erleben die Kinder Abenteuer und Erholung im Ferienprogramm. Auch die Betreuung von betagten Angehörigen wird immer mehr ein Thema und muss organisiert werden.

Woran erkennen Berufstätige, ob ein potenzieller Arbeitgeber sie bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt?
Man darf nicht darauf warten, dass einem alle Informationen einfach serviert werden, sondern muss auch selber aktiv werden. Zwar kommen Arbeitgeber, die Personal suchen und halten möchten, in Zeiten des Fachkräftemangels oft von selber auf ihr diesbezügliches Angebot zu sprechen. Tun sie dies aber nicht, sollte man sie darauf ansprechen. Wer neu Betreuungsunterstützung benötigt, setzt sich am besten mit seiner HR-Abteilung in Verbindung. Viele grössere Firmen informieren zudem regelmässig über ihre Angebote, beispielsweise in ihrer Hauszeitung oder im Intranet.

Wie sollte Familienfreundlichkeit im Betrieb konkret umgesetzt werden? Was brauchen Mitarbeitende? Und was können sie erwarten?
Eine möglichst flexible Arbeitszeitgestaltung, die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten oder Teilzeitstellen mit und ohne Jopsharing sind Angebote, die von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschätzt werden. Dazu sollte die Grundhaltung kommen, dass jemand mit Betreuungsaufgaben nicht auf das Abstellgleis geschoben wird, nur weil er oder sie weniger gut spontan Überstundenarbeit leisten oder kurzfristig angesagte Auslandeinsätze erledigen kann als Angestellte ohne familiäre Verpflichtungen.

Wie sieht die Realität in den Unternehmen aus? Wie wichtig ist das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Führungsetagen und wird genug getan?
Wo Arbeitskräfte gesucht werden, wird das Vereinbarkeitsthema zur Sprache kommen. Vor allem grosse Unternehmen, die viele Leute aus dem Ausland rekrutieren, sind schon seit Jahren damit konfrontiert. So gehen Bewerber aus dem skandinavischen oder angelsächsischen Raum ganz einfach davon aus, dass ein Angebot bereitsteht. Grosskonzerne haben sich deshalb in der Schweiz als Erste für institutionelle Angebote, wie sie profawo anbietet, interessiert. KMU hingegen reagieren in erster Linie situativ, also dann, wenn sie direkt betroffen sind. Da sie flexibel handeln können, finden sie oft gute Lösungen für den Einzelfall. Aber auch immer mehr KMU stellen fest, dass es eine praktische und pragmatische Lösung sein könnte, die Betreuungsdienstleistungen bei einem Anbieter wie profawo einzukaufen und so ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern.

Bleibt es bei Lippenbekenntnissen und schönen Konzepten oder sind Manager tatsächlich bereit, beispielsweise Sitzungen so einzuplanen, dass Eltern ihre Kinder pünktlich von der Kita abholen können?
Meiner Erfahrung nach nimmt diese Bereitschaft laufend zu. Entscheidend ist häufig eine einzelne Führungsperson, die sich der speziellen Bedürfnisse der Eltern bewusst ist und sich entsprechend verhält. Sobald familienfreundliche Vorkehrungen eingeführt sind und über eine gewisse Zeit gut funktionieren, hat niemand mehr Vorbehalte dagegen und die Vorurteile verschwinden.

Nicht nur Kinder, sondern immer öfter auch betagte Eltern wollen betreut sein. Ist die Arbeitswelt darauf vorbereitet?
Die demografische Entwicklung ist bekannt. Eigentlich müsste deshalb auch bekannt sein, was in dieser Beziehung auf die Wirtschaft und die Gesellschaft zukommt. Trotzdem muss man immer wieder feststellen, dass die Thematik der Angehörigenbetreuung noch lange nicht denselben Stellenwert geniesst wie diejenige der Kinderbetreuung – obwohl die Probleme, die den Arbeitskräften dadurch entstehen, direkt vergleichbar sind: Wenn Beruf und familiäre Verpf lichtungen gegenüber Älteren kombiniert werden müssen, leidet die Flexibilität bei der Gestaltung des Arbeitspensums ebenso, wie wenn kleine Kinder zu betreuten sind. Viele doppelt Belastete leiden zudem unter physischen und/ oder psychischen Beschwerden oder können sich nicht mehr ausreichend erholen. Erst wenige grössere Unternehmen haben bereits Strategien entwickelt, um ihre Angestellten auch bei der Angehörigenbetreuung zu unterstützen. Die Erfahrung im Zusammenhang mit der Betreuung von Kindern stimmt mich aber zuversichtlich. Sobald die Unternehmen zur Kenntnis nehmen, dass sie mit einem entsprechenden Angebot Rekrutierungsvorteile gewinnen beziehungsweise ohne Angebot Nachteile erleiden, werden sie sich auch dieser Frage annehmen.

Können es sich gut ausgebildete Fachkräfte heute also leisten, familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu erwarten und einzufordern?
Das hängt sehr von den einzelnen Branchen ab. Je umkämpfter der Rekrutierungsmarkt ist, das heisst, je schwieriger es ist, die benötigten Arbeitskräfte zu gewinnen, desto mehr muss ein Unternehmen tun, um gegenüber der Konkurrenz zu bestehen. Hohe Löhne allein sind nicht entscheidend. Sich Familienfreundlichkeit einfach «auf die Fahne zu schreiben» allerdings auch nicht. Hier zählt nur der Tatbeweis, das heisst, die Bewerber oder bereits bestehende, Mitarbeitende, die Betreuungsunterstützung benötigen, müssen die Erfahrung machen, dass sie auch tatsächlich Unterstützung erhalten. Andernfalls werden sie – vor allem, wenn es sich dabei um gesuchte Fachkräfte handelt – rasch den Arbeitgeber wechseln.

Haben Mitarbeitende, die ihr Arbeitspensum reduzieren, gleiche Karrierechancen wie Vollzeitmitarbeitende?
Auch diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Es gibt bestimmt Unternehmen, die bereits gute Erfahrungen mit Teilzeitangestellten auch in leitenden Funktionen gemacht haben und deshalb Beförderungen nicht von einem Vollzeitpensum abhängig machen. In anderen Firmen gibt es diesbezüglich aber sicher noch grössere Vorbehalte.