«Attachment Parenting»

Ein neuer, natürlich englischer Begriff geistert durch die Elternwelt: «Attachment Parenting». Mit dieser «Bindungserziehung», die auf den Kinderarzt William Sears zurückgeht, soll die Beziehung zwischen Mutter und Kind methodisch gefördert werden. Verbunden ist das mit der Forderung nach möglichst viel körperlicher Nähe zum Kind. Ein Gespräch mit Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler, über diesen Ansatz der Erziehungslehre.

Dr. Herbert Renz-Polster, der Begriff «Attachment Parenting» – kurz AP – dürfte vielen Eltern eher neu sein. Können Sie seine Bedeutung kurz und verständlich zusammenfassen – was ist damit gemeint?
Am ehesten kann man den Begriff vielleicht mit «bedürfnisorientierter Elternschaft» übersetzen. Und da endet dann auch schon meine Weisheit, denn unter dem Begriff segeln heute sehr unterschiedliche Boote. Für die einen ist AP einfach eine Haltung: ich nehme die Bedürfnisse meines Kindes ernst und lasse mich darauf ein. Andere wiederum verstehen AP als eine Art Liste von Zutaten, wie wir mit kleinen Kindern umgehen sollen.

Und wie stehen Sie ganz persönlich zum Ausdruck?
Ich selbst mag den Begriff «Attachment Parenting» nicht. Attachment als Fachbegriff für «Bindung» ist vielen Eltern im deutschen Sprachraum nicht bekannt. Und auch das Wort «Bindung» ... das klingt doch irgendwie nach Festbinden, nach Vereinnahmung. Aber darum geht es ja nicht. Gelungene Bindung steht im Grunde für gelungene Beziehung. Und da ist Bindung und Freiheit nicht zu trennen: ein Kind, das sich sicher fühlt, kann mutig sein. Wer sich wertvoll fühlt, hat strahlende Augen, wer Vertrauen erfährt, kann in die Welt aufbrechen. Also nein, auch wenn ich die Haltung schätze, mit diesem Begriff kann ich mich noch immer nicht anfreunden.

Geprägt wurde der Begriff vom amerikanischen Kinderarzt William Sears, und das schon in den 80er-Jahren. Warum kommt das Thema jetzt gerade plötzlich so geballt auf?
Dass gerade jetzt erst die Welle hier aufschlägt – das sehe ich eigentlich nicht so. Die entsprechende Praxis und Haltung war auch vor zehn oder zwanzig Jahren ein Thema. Ja, wir verhandeln als Gesellschaft eigentlich schon immer, wie weit man sich als Eltern auf die Bedürfnisse seines Kindes einlässt, seinen Signalen und seinem Wesen sozusagen vertraut – oder aber dem Kind eher lenkend und «erziehend» begegnet, also ihm eher die eigenen Ziele setzt …

Sie sagen es, auf dieser Ebene ist das Thema wohl so alt wie das Thema Erziehung selbst. Aber auf ein bestimmtes Thema bezogen, wie sehen die Unterschiede in dieser Haltungsfrage aus?
Konkret wird das etwa beim Thema Schlaf: alle Eltern lernen ja schnell, wie Babys sich das Schlafen vorstellen: wenn es ans Schlafen geht, wollen die Kleinen in der Nähe ihrer Bezugsperson sein – da können sie sich am besten entspannen. Schon immer ging dann der Streit los: soll ich dem nachgeben? Die einen werden sagen: warum nicht, so hat es die Natur vorgesehen, was kann da falsch sein? Die anderen wollen dagegenhalten, sie befürchten, dass sich ihr Kind dann daran gewöhnt und nicht selbstständig wird. Und sie denken, wenn sie dem Baby nachgeben, lernt das vielleicht, sie zu manipulieren. Also zwei sehr unterschiedliche «Kinderbilder» – das eine eher mit dem Motiv Vertrauen, das andere mit dem Motiv Kontrolle und Lenkung. Kein Wunder, sprechen Eltern in so unterschiedlichen «Beziehungssprachen» mit ihren Kindern.

Was ist denn so wirklich neu an den Erkenntnissen und Empfehlungen von Sears, was steckt drin, was nicht in anderen Methoden, die in der Zwischenzeit diskutiert wurden, schon gefordert wurde?
Neu ist bei diesen Sachen gar nichts – schliesslich haben schon unsere jagenden und sammelnden Vor-Vorfahren AP betrieben. Nur mussten sie natürlich nicht vor Schlaftrainings warnen ... (lacht) Ich sehe eher, dass manchmal das AP noch alle möglichen anderen Vorstellungen huckepack nehmen soll, etwa Zeichensprache mit Babys oder «windelfrei» aufwachsen lassen, da kann dann jeder sozusagen sein eigenes Menü andocken, was den Begriff auch nicht leichter zu verstehen macht.

Die Rede ist von sieben Punkten, die das Attachment Parenting enthalte. Das klingt nach einem abzuspulenden Tagesprogramm. Ist das wirklich die Idee? Oder wie sind die sieben Punkte aus Ihrer Sicht zu verstehen?
Nein, das war von Dr. Sears einfach als eingängige Merkhilfe gedacht, der ist doch kein Sektenguru, der eine Bibel rausgibt oder so. Das zeigt ja schon sein 7. «B» – macht es so, dass es auch für euch als Familie passt.

Die laufende Debatte rund um den Begriff zeigt, dass es schnell um die Frage geht, was Eltern richtig oder falsch machen. Ist das die beabsichtigte Wirkung der Idee oder eher ein Fehlläufer?
Natürlich reiben sich an dem Begriff die Geister, und manche aus dem einen oder dem anderen Lager zeigen mit einem dicken Finger auf die anderen. Das war schon immer so. Aber die meisten sind doch ganz entspannt. Überhaupt kann man den Streit ja auch positiv sehen: gut, dass wir uns immer wieder neu Gedanken machen, wie wir mit unseren Kindern leben wollen! In Zeiten, in denen ein hoher Erziehungskonsens herrschte und alle Eltern angeblich wussten, wie man Kinder erzieht, hatten die Kinder meist wenig zu lachen – man denke nur an die Zeit des Kaiserreichs oder den Nationalsozialismus. Lasst uns ruhig streiten!

Kritik am Attachment Parenting lautet oft so: Mütter oder Väter haben kaum Zeit, das so umzusetzen, wie es angedacht ist. Sie selbst sprechen von «Helfern am Nest» oder einem «Rückenwind aus dem ‹Dorf›», die Unterstützung bieten können. Gerade diese Elemente aus alter Zeit gibt es aber immer weniger, beispielsweise das Mehr-Generationen-Haus. Wie kann das heute umgesetzt werden?
Ja, das ist dann natürlich ein sehr blasser Einwand: wir können das sowieso nicht, deshalb ist die Idee nicht gut … Also da wünsche ich mir doch, dass wir uns wenigstens als Familien nicht so mutlos unterwerfen. Gerade in der AP-Szene sehe ich viele gut vernetzte Eltern, viele Initiativen auch, einen «modernen Stamm» aufzubauen, auch das Arbeiten mit Baby möglich zu machen, und, und, und. Klagen hift nicht, nur im Tun liegt eine Chance, vernetzt euch!

Läuft nicht die ganze Entwicklung mit Doppelverdienern, Kindertagesstätte, Kinderhort am Arbeitsplatz und so weiter der Idee von William Sears entgegen? Oder kann sie auch in diesem Rahmen umgesetzt werden?
Bedürfnisorientierter Umgang mit einem Kind ist eine Haltung, und das ist auch in Einrichtungen möglich. Allerdings gehört da dann eben auch diese Haltung dazu – und auch dieses 7. «B», nachdem das alles nur klappt, wenn wir auf uns selber gut achten können. Und das ist in vielen Einrichtungen nicht so einfach.

Es gibt eine Flut von Erziehungsratgebern, von Büchern über neue Betreuungsmodelle, über den richtigen Umgang mit Kindern. Theoretisch könnte man sich täglich auf ein neues Modell einlassen. Ist das Attachment Parenting einfach einer dieser unzähligen Ansätze oder eine Art übergeordnete Philosophie?
Ja, es gibt eine Flut von Ratgebern, aber sie alle können das Grunddilemma unserer Zeit nicht auflösen: wir haben unser Leben immer straffer auf das Funktionieren ausgerichtet, auf Wertschöpfung, Höher, Weiter, Schneller. Das zwingt schon uns Erwachsene in einen kaum mehr auszuhaltenden Spagat. Aber Kinder passen in diese Welt nicht gut hinein – sie brauchen Zeit, Raum, ihr eigenes Tempo, und sie brauchen achtsame Begleiter. Wir haben damit begonnen, nun auch die Kinder durch ihre Kindheit zu hetzen, sie schon früh auf Erwachsenenziele vorzubereiten, wir tun so, als sei das gut für die Kinder, aber in Wirklichkeit glauben wir, keine andere Wahl zu haben. Vielleicht liegt im Attachment Parenting auch so ein Funke von Rebellion: ich will mit meinem Kind einen anderen Weg gehen. Wir brauchen solche Funken.

Zur Person

Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Seine Werke «Menschenkinder» sowie «Kinder verstehen» haben die Erziehungsdebatte in Deutschland nachhaltig beeinflusst. Er ist Vater von vier Kindern.

Weitere Informationen unter www.kinder-verstehen.de

Die 7 B des Attachment Parenting

Der amerikanische Kinderarzt William Sears war bei der Erarbeitung des Attachment Parenting überzeugt davon, dass es bestimmte Praktiken beim Umgang mit einem Säugling gibt, die dem sogenannten «Babyreading» entgegenkommen. Statt nur auf Signale des Säuglings zu reagieren, solle mit möglichst viel körperlicher Nähe eine stärkere Bindung aufgebaut werden, was die Mutter für Signale ihres Kindes stärker sensibilisiere. Dazu definierte er sieben Elemente, die im Original auf Englisch alle mit «B» beginnen, deshalb ist die Rede von den 7 B. Sie lauten wie folgt:

  • Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt
  • bedarfsorientiertes Stillen, statt Flaschenernährung
  • möglichst häufiges Tragen des Kindes
  • gemeinsames Schlafen
  • Beachtung der Signale des Kindes, um jedem Schreien zuvorzukommen
  • Verzicht auf Schlaftraining
  • Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter

Die Thesen von Sears werden im englischsprachigen Raum seit einigen Jahren kontrovers diskutiert, mit etwas Verzögerung findet die Debatte nun auch im deutschsprachigen Raum statt. Als Kritik wird oft der Begriff der «totalen Mutterschaft» vorgebracht: Es gehe nur noch darum, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu erfüllen, selbst gehe man als Mutter (oder natürlich Vater) mit den eigenen Bedürfnissen unter.