Arenadiskussion: Immer früher, immer besser?

Wenn Kinder schon im zartesten Alter speziell gefördert werden, erhöhen sich ihre Chancen, im Erwachsenenleben erfolgreich zu sein. Davon sind viele Pädagogen und Eltern überzeugt. Das Thema Frühförderung hat aber auch Kehrseiten.

Frühförderung von Kindern ist in der Öffentlichkeit umstritten. Befürworter verweisen hoffnungsvoll auf Forschungsergebnisse von Neurowissenschaftlern und Entwicklungspsychologen. «In der Tat liefert die Hirnforschung ein faszinierendes Szenario über die Grundlagen des kindlichen Lernens», erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen. Doch Gerald Hüther ist auch ein Kritiker der Frühförderung, der frühkindlichen Erziehung, wie diese auch genannt wird, denn er befürchtet, die Eltern-Kind-Beziehung könnte durch übertriebene Anforderungen an das Kind leiden. Er vermutet, Kinder würden «zur Erhöhung des eigenen Selbstwertes» instrumentalisiert. Das ist nur ein Blickwinkel. Heinz Altorfer von der Schweizer Unesco-Kommission hingegen ist von der Frühförderung überzeugt: «Die Bildungsfähigkeit benachteiligter Kinder und ihre Startchancen für einen späteren schulischen Erfolg werden damit verbessert.» Fest steht: Unsere Kinder werden schon früh mit dem Bildungsdruck, der nicht zuletzt durch den harten Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt bestimmt ist, konfrontiert. «Der ideale Kindergarten ist mehrsprachig und sorgt dafür, dass kein Spiel und keine Aktivität stattfindet, mit der nicht auch eine Kompetenz - zum Beispiel Wissenskompetenz, Gestaltungskompetenz oder soziale Kompetenz - gefördert wird», umreisst Mathias Binswanger, Professor und Autor des Buches «Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren», die Situation. Es stellt sich die Frage: Inwiefern profitieren Kinder von einer Frühförderung, und erhöhen sich ihre Chancen im (Arbeits-)Leben damit tatsächlich? Jedenfalls sollten wir das afrikanische Sprichwort nicht vergessen, -wonach das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Für Jerome Kagan, US-Pionier der Entwicklungspsychologie, ist das Versprechen, frühkindliche Erziehung helfe besonders Kindern aus sozial benachteiligten Schichten, ein Hohn. «Ob Kinder in der Schule bestehen, ob sie später einen Arbeitsplatz finden, dafür sind nach wie vor die gesellschaftlichen Bedingungen entscheidend.»

Von adäquater Frühförderung kann die Gesellschaft profitieren.
Ein normal begabtes Kind muss man nicht früh fördern, sofern es draussen in der Natur spielen und experimentieren kann, andere Kinder in seiner Nähe hat, sich in sicherer Umgebung drinnen und draussen bewegen kann. Diese idealen Bedingungen stehen aber längst nicht jedem Kind zur Verfügung. Deshalb braucht es hier politisches und gesellschaftliches Engagement. Das Kind soll sich seinen Begabungen  entsprechend entfalten können. Das heisst, es darf auch schon im Kindergarten mit Buchstaben und Zahlen experimentieren. Es hat ein Recht auf individuelle Förderung, wie das in der Basisstufe vorgesehen ist. Ganz zentral für die Entwicklung eines Kindes sind natürlich seine Eltern. Es ist wichtig, die Eltern so zu unterstützen, dass sie dieser anspruchsvollen Aufgabe gewachsen sind und ihrem Kind ein möglichst gutes Umfeld für seine Entwicklung schaffen können. Die Mütter- und Väterberatung hat hier eine zentrale Funktion. Gute Frühförderung wirkt sich positiv aus auf Gesundheitsförderung und Prävention, zwei wichtige Aufträge der Mütter- und Väterberatung. Eine frühe Intervention verhindert/vermindert teurere Interventionen im Jugendalter. In der Schweiz weisen 17,4 Prozent der 3 bis 6jährigen Kinder eine Verhaltensstörung auf, 62 Prozent der im Alter von 3 Jahren verhaltensauffälligen Kinder zeigen diese auch noch im Alter von 8 Jahren. 50 Prozent aller problembelasteten Vorschulkinder zeigen auch im Grundschulalter Verhaltensauffälligkeiten. Dissoziales Verhalten, Aufmerksamkeitsstörungen, mangelndes Selbstwertgefühl oder fehlende soziale Kompetenz stellen klassische Risikofaktoren für Drogenmissbrauch im Jugendalter dar. Gute Frühförderung kostet. Diese Einsicht ist noch nicht bei allen Politikern und Behörden in dem Mass vorhanden, dass sie sich gezielt dafür einsetzen und das nötige Geld sprechen. Die Kinder sind unsere Zukunft, geben wir ihnen das, was sie brauchen!

In einer anregenden Umgebung die Welt und sich selber entdecken
Frühkindliche Bildung meint, dass die Kräfte zur Selbstbildung im Kind gefördert werden. Es meint nicht, dass Kinder möglichst früh mit schulischen Inhalten gefüttert werden. Die Grundform des frühkindlichen Lernens ist das Spiel; es ermöglicht die Aneignung von Fähigkeiten, Wissen und der sozialen Beziehungsgestaltung. Entscheidend dabei ist, dass Kinder in dieser Form des Lernens durch Erwachsene unterstützt und angeregt werden. Dies geschieht vorerst in der Familie, aber auch in familienergänzenden Einrichtungen. Gerade Kinder, die nicht in einer anregenden und unterstützenden familiären Situation leben, profitieren von solchen Einrichtungen in besonderem Masse. Die Bildungsfähigkeit benachteiligter Kinder und ihre Startchancen für späteren schulischen Erfolg werden damit verbessert. Dies hat auch bedeutende positive Auswirkungen auf die spätere berufliche Integration, wie unter anderem die 2009 von der Schweizerischen UNESCO-Kommission präsentierte Grundlagenstudie von Prof. Margrit Stamm aufzeigt. Die Studie steht unter www.fruehkindliche-bildung.ch kostenlos zum Download zur Verfügung. In der Schweiz werden wenig finanzielle Mittel für Massnahmen frühkindlicher Bildung eingesetzt: Norwegen gibt fünfmal mehr und Deutschland doppelt so viel für ausserfamiliäre Kinderbetreuung und Investitionen in Familien aus. Gerade bei Kindern aus bildungsfernen Schichten ist dies jedoch oft nicht der Fall. Sie führen jedoch zu gravierenden Benachteiligungen beim Schuleintritt des Kindes mit den bekannten, auch finanziellen Spätfolgen. Der Schweizerischen UNESCO-Kommission geht es daher darum, die Kompetenzen von Eltern zur Förderung ihrer Kinder bereits ab Geburt zu stärken. Sie will aber auch die pädagogische Qualität von Kindertagesstätten und anderen Betreuungsformen von Kindern im Frühbereich verbessern. Damit alle Kinder gute Chancen für ihren Start ins Leben haben.

Familien sind heute grossen Belastungen ausgesetzt
Die Welt hat sich verändert. Heute wachsen in der Schweiz viele Kinder mit Migrationshintergrund auf. Für sie ist es ungleich schwieriger, in unserem Schulsystem zu bestehen. Heute wachsen auch viele Kinder in einem Elternhaus auf, in dem grosse Verunsicherung spürbar ist. Diese Verunsicherung kann verschiedenste Gründe haben. Die wichtigsten sind sicher die Arbeitsplatzunsicherheit und der Wertepluralismus. Verunsicherung wiederum wirkt sich negativ auf die Entwicklungsbedingungen des Kindes aus. So beginnt die Chancenungerechtigkeit bereits in der frühen Kindheit. Frühkindliche Bildung tut not, um dieser Chancenungerechtigkeit entgegenzuwirken. Dies bedeutet nicht, dass die organisierte (Schul-)Bildung in den Frühbereich vorverlegt werden soll. Bildung meint ganz allgemein den sozialen Prozess, durch den ein Kind von Anfang an lernt zu lernen. Dabei bildet Beziehung das Fundament jeglicher Entwicklung. Beziehung als Grundlage von Erziehung und Förderung ermöglicht es, ein positives Selbstkonzept und Bewältigungsstrategien zu erwerben - d.h. das Lernen zu lernen - sowie soziale Zugehörigkeit zu erleben. Dies ermöglicht es dem Kind, sich später im Leben und in der Gesellschaft gut bewegen und bewähren zu können.

Die frühe Förderung im Sinne einer breiten Bildungsunterstützung ist wichtig für die Entwicklung aller Kinder, insbesondere jedoch für Kinder mit Entwicklungserschwernissen. Gerade ihre Familien sind oft auch grossen Belastungen ausgesetzt. Frühförderung - in der Schweiz spricht man von heilpädagogischer Früherziehung - ist der sonder-pädagogische Bereich der frühen Förderung und setzt sich speziell für diese Familien ein.

Die Eltern werden dabei intensiv an Bildung und Betreuungsprozessen beteiligt und in ihrer Erziehungsarbeit unterstützt. So kann die Lebensqualität und das Wohlbefinden von betroffenen Familien gesteigert und die Chancenungerechtigkeit gemindert werden.

 Kinder, die in einer anregenden Umgebung aufwachsen, können sich besser entwickeln. Wissenschaftliche Untersuchungen haben das immer wieder belegt. Und die Hirnforschung weist darauf hin, dass Kinder phänomenal leicht lernen. Das ist nicht neu. Neu ist hingegen, dass diese Erkenntnisse heute mit der Forderung verknüpft werden, dass Kinder schneller lernen und möglichst früh schulische Leistungen erbringen sollen. Das passt in den Zeitgeist. Aber es dauert überall auf der Welt sechs bis sieben Jahre, bis ein Kind für eine zielgerich-tete Schulbildung reif ist. Warum soll das in einer immer komplexer werdenden Welt schneller gehen? Damit Kinder von klein auf optimal gefördert werden, braucht es warme menschliche Zuwendung. Aber Kindergärtner sollen auf keinen Fall schon kognitive Leistungen erbringen müssen, sondern vielmehr ganzheitlich gefördert werden. Das betonen alle vernünftigen Pädagogen. Doch die Realität sieht anders aus. Hinter vielen Frühförderkonzepten steht der Anspruch, die Kinder auf gewisse Fächer - Sprachen, Rechnen z.B. - einzustimmen. Das ist ein Missbrauch. Kinder sind keine Maschinen, die man zurichten kann, auch wenn es scheinbar spielend leicht geht. Denn auch ihre Aufnahmefähigkeit ist beschränkt. Und Kinder brauchen Zeit, um sich sozial und emotional zu entwickeln. Wird dieser Zeitanteil verkürzt, versäumen sie unter Umständen das Wichtigste, das sie später als Erwachsene dringend brauchen: Sozial integriert zu sein, um geachtet zu werden.

Es heisst immer, dass es auch um Chancengleichheit gehe, vor allem für jene Kinder, die sozial benachteiligt sind. Falsch verstandene Frühförderung führt keineswegs zu Chancengleichheit, sondern sie verführt dazu, die einen zu privilegieren und die andern zu Bedürftigen zu machen, die auf Nachhilfe angewiesen sind.

Ein Kind kann sich gut selbst regulieren

In der Montessori-Schule nehmen wir Kinder ab 3 Jahren auf. Das Umfeld ist für dessen Erforschung und für die Entwicklung der Selbständigkeit dank der 4 Pole (praktisches Leben, Empfindungsleben, Sprache und Mathematik), die im Schulzimmer verteilt sind, sehr günstig. Das Kind hat das Recht, sich zu bewegen, auf einem Teppich zu arbeiten, aufzustehen oder sich zu setzen, all dies jedoch leise mit Rücksicht auf die anderen Kinder, die arbeiten. Das Ziel ist, ihm die Gelegenheit zu geben, sich der Welt, welche das Kind umgibt, anzunähern und sie zu verstehen, genau wie ein Baby, das lernt, indem es schaukelt, auf allen Vieren kriecht oder auf seinem Hintern oder indem es sich auf etwas abstützt, um voran zukommen. Das Kind entwickelt sich nach seinem Rhythmus und seinen Fähigkeiten. Wenn es bereit ist, wird es etwas tun. Das Ziel ist nicht zu lernen, um zu lernen, sondern um etwas zu versuchen, um nachzudenken, um seinen kritischen Sinn zu entwickeln und um es in sich selbst zu verankern. Die Methode von Montessori entwickelt unseren natürlichen Willen zu lernen und respektiert die Individualität jedes Kindes.

Die Wahl einer Montessori-Schule oder irgend einer anderen alternativen Schule darf nicht aus einem Wunsch nach einer gewissen Exotik oder basierend auf einer Reaktion gegen das sogenannte traditionelle Schulsystem oder um sein Kind zu fordern erfolgen, sondern deshalb, weil wir sehr stark an die Freude und die natürlichen Neigungen des Kindes, etwas zu erlernen, glauben. Man soll ihm die Zeit einräumen, um ein erfüllter Mensch zu werden, der fortfahren wird, das Wissen zu respektieren und begreifen wird, dass es unendlich viel Zeit braucht, um auch nur einen Funken zu verstehen.

Nicht der frühe Unterricht soll in Frage gestellt werden, sondern die stereotypen Vorstellungen, welche die Eltern haben. Ein Kind kann sich sehr oft selbst regulieren und wird nur nach dem fragen, was es benötigt. Wenn man es in eine Richtung zwingt, wird es sich nur widersetzen. Dies ist die Grenze eines Früh-Unterrichts: Das Ende der Freude!

Bildung wird heute generell als etwas Grossartiges betrachtet. Aber natürlich nur die Bildung, die sich in Schuljahren und Abschlüssen messen lässt. Kein Wunder deshalb, dass Tonnenideologien im Bildungswesen besonders populär sind. Je früher Kinder eingeschult werden, umso besser, je mehr Jugendliche Matura machen, umso besser,je mehr junge Menschen studieren, umso besser.

Der Nachwuchs muss auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden und da darf man keine Zeit verlieren. Damit man auch weiss, wie erfolgreich die schulische Bildung in den einzelnen Ländern abläuft, hat man seit etwa zehn Jahren die sogenannten PISA-Tests eingeführt, die es erlauben, das «Bildungsniveau» von Schülern in verschiedenen Ländern, Regionen und Schulen miteinander zu vergleichen. Folgerichtig hat sich sofort auch ein Wettbewerb um ein möglichst gutes Abschneiden bei diesen Vergleichen etabliert und das PISA-Ranking dominiert inzwischen die Bildungspolitik in den meisten europäischen Ländern. Doch gerade die PISA-Rankings sollten uns stutzig machen. In Finnland, wo die Schüler regelmässig Top-Resultate erzielen und 95 Prozent Matura machen, ist die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch und etwa die Hälfte der Maturanden macht nie einen akademischen Abschluss. Und was besonders auffällt: Nirgendwo sonst ist die Schule mehr verhasst als in Finnland, denn dort gehen die Kinder weniger gern zur Schule als in allen andern Ländern.

Lassen wir uns also nichts vormachen. Statt unsere Kinder schon im Kindergarten auf angeblich wichtige Kompetenzen abzurichten, sollten wir sie vor allem Kinder sein lassen. Nur wer sein Kindsein ausleben konnte, wird später als Erwachsener die Kompetenzen aufweisen, auf die es tatsächlich ankommt. Zu diesem Kindsein gehört aber zwingend auch eine entsprechende Autorität in der Erziehung.

Die Rubrik "Arena" ist eine Kooperation mit Pro Familia Schweiz. Infos zum Familien - Portal: www.profamilia.ch

Kidy swissfamily: Juni/2011

erstellt von Barbara Heuberger

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