An der frischen Luft lernt man mehr

Hat das gute alte Klassenzimmer ausgedient? Vermutlich nicht von heute auf morgen. Aber sicher ist: In der freien Natur lernt es sich besser. Das zeigen diverse Studien. Und weil Schule wohl weiterhin vorwiegend drinnen stattfindet, können Eltern diesen Teil übernehmen. Mit ganz einfachen Methoden.

In Skandinavien weiss man es schon lange. Und allmählich schwappt die Erkenntnis auch in unsere Richtung. Ob Mathematik, Sprachen oder andere Fächer: Wer draussen lernt, lernt besser. Eine Stiftung namens «Silviva» hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Lernen in der freien Natur auch in der Schweiz salonfähig zu machen und die Vorteile zu zeigen. Unter anderem ist zu diesem Thema ein Handbuch erschienen, das Lehrpersonen mit konkreten Vorschlägen für den Unterricht an der frischen Luft ausstatten will.

Wissenschaftlich begleitet
Wobei der Ehrlichkeit halber gesagt sein soll: Es geht nicht darum, den Schulalltag komplett in die freie Natur zu  «zügeln», es soll eine Ergänzung zum Schulalltag im Klassenzimmer sein. Die Dänen machen es vor: Dort wird diese Kombination seit mehr als 20 Jahren aktiv umgesetzt. Und dank wissenschaftlicher Begleitung dieses «Experiments » können wir an den Ergebnissen teilhaben. Doch wie sehen diese aus? Ganz zentral ist die Sprachkompetenz, also Lesen, Schreiben, Sprachverständnis und Vokabular. Laut Studien verbessert sie sich in dieser anderen Unterrichtsform markant. Und das gilt vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund. Wie das funktioniert? Gewissermassen ganz von allein: Die Kinder reden im Freien deutlich mehr als im Klassenzimmer, die Lehrpersonen hingegen nehmen sich zurück. Auch der akademische Schulerfolg wird demnach gesteigert. In der Mathematik beispielsweise gelingt es den Kindern beim Unterricht im Freien signifikant besser, komplexe Probleme zu bewältigen. Vielleicht, weil sie diese anhand von konkreten Beispielen in der Natur vorgezeigt bekommen.

Keine Schulmüdigkeit
Eine sehr spannende Schlussfolgerung aus der wissenschaftlichen Begleitung betrifft die Motivation. Es ist hinlänglich bekannt, dass diese bei unseren Kindern zwischen Schuleintritt und Schulaustritt laufend abnimmt. Wer nicht motiviert ist, lernt nicht gut, das ist keine Frage. Beim Unterricht im Freien aber gelingt es offenbar, die Motivation zu erhalten. In einem Raum mit vier Wänden und auf einem Stuhl ist der Bewegungsradius überaus eingeschränkt. Draussen bewegen sich die Kinder deutlich mehr. Laut diversen Studien betrifft das vor allem Knaben. Sie profitieren von einer signifikant höheren physischen Aktivität, parallel dazu nehmen psychische Probleme ab.

Verlässlicher und vertrauter
Auch die sozialen Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern, aber auch gegenüber aussenstehenden Erwachsenen werden auf diese Weise verbessert. Man hat festgestellt, dass Unterricht im Freien bei Kindern dazu führt, dass ihr Umgang mit anderen verlässlicher und vertrauter wird. Dieser Effekt hält auch dann noch an, wenn die Klasse den Weg zurück ins Klassenzimmer antritt. Selbstbewusstsein und Selbstverantwortung, das ist eine weitere Erkenntnis, nehmen zu. Auch hier scheint das ein nachhaltiger Prozess zu sein, auch mehrere Jahre später wurde noch festgestellt, dass die Kinder im Klassenzimmer selbstständiger und fokussierter auftraten. Die Natur hilft den Schülerinnen und Schülern offenbar auch, das Gelernte in andere Situationen zu übertragen. Das könnte daran liegen, dass das Lernen im Freien in Bezug auf einen bestimmten Kontext und reale Situationen erfolgt.

Schule als Vorbereitung
Die Stiftung «Silviva» kommt aufgrund dieser Erkenntnisse zum Schluss, dass die Schweiz neue Bildungsmethoden braucht. «Unsere Wirtschaft und Arbeitswelt befinden sich in einem Umbruch, die digitale Transformation schreitet rasant voran», heisst es dazu. Die Aufgaben, bei denen der Mensch auch in Zukunft den Maschinen überlegen ist, werden komplexer, und die Anforderungen an die Kompetenzen der Menschen steigen. Das bedeutet: Fähigkeiten wie Kreativität, kritisches Denken, Problemlösungskompetenz, Eigenverantwortung und Empathiefähigkeit werden zu Schlüsselkompetenzen. Auf die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt müsse man sich vorbereiten und eine effektive Methode dazu sei, schon in der Schulzeit draussen zu lernen. Doch wie kann dieses Lernen in der freien Natur aussehen, ob im Rahmen der Schule oder spielerisch auch in der Freizeit? «Silviva» hat dazu ein Handbuch für Lehrpersonen erstellt, das den Lehrplan 21 berücksichtigt und praxisnah zeigt, wie der Unterricht in allen Fächern draussen gestaltet werden kann. Dazu kommen Weiterbildungen an verschiedenen Pädagogischen Hochschulen, die Zusammenarbeit mit Pilotschulen und ein Forschungsprojekt, das spezifisch für die Schweiz ausgearbeitet wurde.
Einige konkrete Beispiele – mit der Empfehlung zum Nachahmen – zeigen, wie mit ganz einfachen Mitteln draussen gelernt werden kann:

Zum Beispiel: I wie Baumstamm
Diese Übung eignet sich für den 1. Schulzyklus. Die Lehrperson sagt: «Hier in der Umgebung haben sich überall Buchstaben versteckt. Wer sieht etwas, was wie ein Buchstabe aussieht?» – Die Kinder schauen ringsherum. Wenn ein Kind etwas gefunden hat, was einem Buchstaben gleicht, meldet es sich, nennt den Buchstaben und zeigt, wo es ihn sieht. Falls niemand etwas entdeckt, hilft die Lehrperson nach. Eine erste Lösung liegt auf der Hand: Nach welchem Buchstaben sieht wohl ein Baumstamm aus? Im 1. bis 2. Zyklus versucht die Klasse (oder die Familie) gemeinsam, so viele Naturelemente wie möglich in der Umgebung zu entdecken, die mit einem bestimmten Buchstaben oder Laut beginnen. Die Lehrperson gibt den ersten Buchstaben oder Laut vor. Die Kinder schauen ringsumher. Wenn ein Kind etwas entdeckt hat, meldet es sich, nennt das Naturelement und zeigt den anderen, wo es ist. Die Lehrperson korrigiert, wenn nötig. Findet niemand mehr etwas, darf das Kind, das zuletzt einen Gegenstand entdeckt hat, einen neuen Buchstaben oder Laut nennen. Im 2. Zyklus kann diese Aktivität auch in einer Fremdsprache durchgeführt werden.

Zum Beispiel: Das Abc-Buch
Die Lehrperson legt eine Auswahl an Buchstaben auf den Boden. Jedes Kind geht nun alleine auf die Suche nach diesen Buchstaben in der Umgebung. Wer ein Objekt gefunden hat, das einem der Buchstaben gleicht, schreibt diesen zehnmal in der Luft nach. Danach fotografiert er das Objekt oder skizziert es ins Natur-Lernjournal. Falls ein Buchstabe nicht gefunden wird, darf er auch mit Naturmaterial auf den Boden gelegt oder dreidimensional geformt werden – zum Beispiel mit Waldrebe, Efeu oder Gräsern. Eine Variante dazu: Jedes Kind markiert alle Buchstaben, die es gefunden hat, mit rotem Faden. Nachdem alle mindestens einen Buchstaben entdeckt haben, geht die Klasse alle Buchstaben besichtigen. Die Lehrperson fotografiert. Dann bildet sie Zweiergruppen und teilt jeder Gruppe einen Buchstaben zu, der noch nicht gefunden wurde. Die Kinder gehen ihn suchen und markieren ihn. Zurück in der Schule werden dann einige Fotos ausgewählt und ausgedruckt oder die Skizzen ins Reine gezeichnet. Die Kinder kleben die Fotos oder Skizzen in ihr Schreibheft und üben darunter den Buchstaben – mithilfe von Wörtern, die sie in der Umgebung draussen entdeckt haben. Hat die Klasse das gesamte Alphabet draussen gefunden, erstellt sie ein gemeinsames Buch. Das Abc-Buch entsteht, indem jedes Kind ein bis zwei Seiten gestaltet.

Zum Beispiel: Buchstaben- und Lautjagd
Zu zweit gehen die Kinder auf Buchstaben- und Lautjagd, in Deutsch oder einer Fremdsprache. Die Lehrperson gibt jedem Team ein bis zwei Buchstaben oder Laute. Die Teams suchen nun nach Objekten in der Umgebung, die diesen Buchstaben beziehungsweise Laut enthalten (einfache Version) oder damit beginnen (schwierige Version). Bei der Teambildung sollte man darauf achten, dass mindestens eines der Kinder einen ausreichenden Wortschatz in der verlangten Sprache besitzt. Die Teams legen die gefundenen Naturelemente auf ein kleines Tuch zum entsprechenden Laut oder Buchstaben. Die Klasse besichtigt die Ausstellung, jedes Team präsentiert seine Beute. In Klassen, die bereits alle Buchstaben beherrschen, verfasst jedes Team eine Liste mit den Namen der gefundenen Elemente. Jedes Team kontrolliert, ob es alle notierten Gegenstände in der Umgebung findet. Danach werden die Listen zwischen zwei Gruppen getauscht. Die Partnerteams korrigieren einander gegenseitig die Rechtschreibung und den Inhalt der Listen.

erstellt von Stefan Millius