Alles beginnt beim Vorlesen

Die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen ist ein Dauerbrenner. Diverse Studien zeigen: Der Grundstein wird in frühen Jahren gelegt – und das unter Einbezug der Eltern. Wer es als Kind erlebt, dass man ihm vorliest, der findet in späteren Jahren viel leichter den Zugang zum Lesen. Der Schweizer Vorlesetag nimmt diesen Ansatz auf und fördert den Grundgedanken gezielt.

Wirkliche Analphabeten: Sie sind dünn gesät in der Schweiz, und meist hat das Problem nichts mit der Schulbildung zu tun. Und dennoch: Die Lesekompetenz ist selbst in der Schweiz mit ihrem hohen Bildungsstandard ein Thema. Das haben die PISA-Studien der letzten Jahre gezeigt. Sie haben ergeben: Bei jedem fünften bis siebten Jugendlichen in der Schweiz ist am Ende der Schulzeit eine ungenügende Lesekompetenz zu bescheinigen. Eine beunruhigende Bilanz, ist doch das Lesen eine Kernkompetenz, die für die weitere Laufbahn meist unabdingbar ist.

Logischer Effekt

Dabei hätten es die meisten Familien in der Hand, dieser Entwicklung selbst vorzubeugen. Und zwar durch blosses Vorlesen. Kinder, denen täglich vorgelesen wird, verfügen später über einen grösseren Wortschatz, es fällt ihnen leichter zu lesen als Gleichaltrigen, denen das fehlt – und auch zu schreiben. Der Effekt ist eigentlich logisch und nachvollziehbar: Wer durch das Vorlesen früh einen Bezug zu Büchern entwickelt, greift später auch lieber selbst zu diesen als andere. Diese Erkenntnisse nimmt der Schweizer Vorlesetag auf, der in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Federführend ist das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM. «Das SIKJM führt schon lange verschiedene Projekte zur Leseförderung durch, unter anderem die ‹Schweizer Erzählnacht›», erinnert sich Daniel Fehr, Projektleiter des Vorlesetags. Bei diesem habe man sich von einer ähnlichen Kampagne in Deutschland inspirieren lassen, die dort von der Partnerorganisation «Stiftung Lesen» seit Jahren mit Erfolg durchgeführt wird. Im Jahr 2018 fand nun der erste Schweizer Vorlesetag statt. Fehr: «Wir starteten sehr erfolgreich: Rund 5000 Vorleserinnen und Vorleser haben bei der ersten Durchführung Kindern und Jugendlichen eine Geschichte vorgelesen, darunter auch viele prominente Persönlichkeiten.»

Lustvoll fördern

Das Ziel ist so einfach wie anspruchsvoll: Darauf aufmerksam machen, wie wichtig – und schön – das Vorlesen ist. «Vorlesen ist ein einfaches, wirksames und lustvolles Mittel zur Leseförderung», sagt Daniel Fehr, «es gibt auch bei uns noch immer viele Kinder, denen nur selten vorgelesen wird.» Mit der Kampagne sollen breite Bevölkerungskreise angesprochen werden, auch solche, die das bisher zu wenig pflegen. Die Frage stellt sich aber: Ist reines Vorlesen für Kinder und Jugendliche attraktiv genug angesichts des breiten Angebots, das es heute gibt? Daniel Fehr ist davon überzeugt: «Vorlesen – oder wie es auf Schweizerdeutsch auch heisst: ‹Büechli verzelle› – scheint immer noch für viele Kinder ein attraktives Erlebnis zu sein. Probieren Sie es aus: Nehmen Sie sich Zeit, wählen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind ein Buch aus und lassen Sie sich darauf ein. Sie werden merken: Vorlesen kann sehr viel.» Denn Vorlesen heisse auch Beisammensein und gemeinsam Geschichten erleben, es biete Kindern Nähe und Aufmerksamkeit. «Dass Mama, Papa, Grossmutter, Grossvater oder eine andere Person sich Zeit zum Vorlesen nehmen, gehört ganz wesentlich zu dieser wunderbaren Tätigkeit.»

Positive Auswirkungen

Der Vorlesetag ist eine Art positiver Prävention. Und das auch in digitalen Zeiten. Nach der Erfahrung von Daniel Fehr sorgt das Vorlesen für einen positiven Bezug zum Lesen, Kinder greifen so später mit mehr Freude zu Büchern, Zeitungen oder E-Books und haben somit auch bessere Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsweg. Das Vorlesen habe selbst bei älteren Schülern, wie eine Studie aus Deutschland zeigt, positive Auswirkungen auf deren Lernerfolg. «Für das SIKJM ist der Schweizer Vorlesetag aber nur eine Massnahme unter vielen», so Fehr. «Zum Beispiel kommen über unser preisgekröntes, interkulturelles Projekt ‹Schenk mir eine Geschichte› viele Kinder regelmässig in den Genuss von Geschichtenstunden in ihrer eigenen Sprache und ihre Eltern erhalten von uns ausgebildeten Leseanimator(inn)en wertvolle Inputs.» Ganz gezielt werden nicht nur institutionelle Anbieter, die vorab organisiert werden, eingesetzt, sondern auch Privatpersonen, Schulen und andere mehr, die sich am Vorlesetag engagieren können. Am ersten Schweizer Vorlesetag gab es laut Fehr insgesamt rund 1300 Vorleseaktionen. Über 400 davon waren öffentliche Vorlese-Events. Rund 500 fanden in schulischen Organisationen – also in Kindergärten, Horts, Spielgruppen, Schulen etc. – statt. «Die restlichen waren rein private Vorleseaktionen», erklärt Fehr, «Papa, Mama, Opa, Oma lasen zu Hause vor. Wir hoffen, dass auch im zweiten Jahr wieder viele mitmachen.» Mitmachen ist einfach: Man sucht sich einen Vorleseort. Das könne ein Kindergarten, eine Schule, die eigene Familie oder ein ganz anderer Ort sein. Und man meldet seine Vorleseaktion auf der Webseite an (siehe Box). Fehr: «Damit setzt man gemeinsam mit uns ein Zeichen für das Vorlesen.»

Erkennbarer Effekt

Was aber bleibt vom Schweizer Vorlesetag? Lässt sich feststellen, ob der Erfolg nachhaltig ist? Laut Daniel Fehr gibt es solche Instrumente durchaus: «Indem sich alle, die eine Vorleseaktion machen, auf unserer Website anmelden, können wir sehr gut zeigen, wie viele mitmachen.» Alle öffentlichen Vorlese-Events sind zudem auf einer Karte auf der Website dargestellt und Besucher können sich so schnell einen guten Überblick verschaffen. «Beim ersten Vorlesetag haben wir zudem im Anschluss eine Umfrage bei allen Veranstaltern gemacht und nochmals viel über die zahlreichen und fantasievollen Aktionen gelernt», sagt Fehr. Insgesamt haben rund 45 000 Kinder und Jugendliche im ersten Jahr Geschichten gelauscht. Beim ganzen Projekt geht es um die Leseförderung generell. Ob diese analog oder digital erworben werde, sei zweitrangig, sagt Daniel Fehr. «Das SIKJM hat die Vision, dass alle Kinder mit guten Geschichten aufwachsen können.» Wer nicht gut lesen und schreiben könne, habe es heute schwer, sowohl im Beruf als auch beim Teilhaben am gesellschaftlichen Leben. Deshalb gehe es beim Vorlesetag primär darum, darauf hinzuweisen, dass regelmässiges Vorlesen Kindern und Jugendlichen beim Lesen- und Schreibenlernen hilft. Ganz egal, ob als Vorlage ein gedrucktes Buch oder ein Tablet dient.

erstellt von Stefan Millius