Ablenkung oder wichtige Lernquelle?

Was früher mühselig aus Büchern und Unterlagen zusammengetragen werden musste, ist heute nur einen Klick entfernt: Digitale Medien stehen nicht nur für private Zwecke zur Verfügung, sondern kommen immer mehr auch im Unterricht zum Einsatz. Nur: Lernen die Kinder und Jugendlichen dadurch wirklich einfacher oder gar schneller? Sharmila Egger, Psychologin und Lerncoach von zischtig.ch, erklärt, wann digitale Medien hilfreich sind – sie manchmal aber auch zum Hindernis werden können.

Mit dem Tablet die Hausaufgaben erledigen, im Internet noch einige Informationen zusammensuchen: Im Unterricht kommen digitale Medien immer mehr zum Einsatz. Wie sinnvoll sind diese Utensilien für den Lernerfolg?
Das hängt massgeblich davon ab, wie sie im Unterricht eingesetzt werden und wie die Lernenden diese nutzen. Zu meiner Zeit war es ein Highlight, wenn der Lehrer mit dem TV-Wagen ins Klassenzimmer rollte. Wir wussten, dass jetzt im verdunkelten Schulzimmer Entspannung angesagt war. Es war nicht so, dass wir glaubten, durch den Film  besser zu lernen, sondern wir genossen das Ambiente und das etwas «Wegträumen-dürfen». Man darf nicht davon ausgehen, dass die Leistung und Motivation fürs Lernen per se gesteigert wird. Digitale Medien sind Werkzeuge fürs Lernen und Lehren – aber kein Garant für schnelleren und besseren Lernerfolg.

Auf was kommt es also an?
Entscheidend ist der Aktivierungsgrad der Schüler und die Lehrerimpulse, um den Stoff gründlicher zu durchdringen. Hier sehe ich das Potenzial der Digitalisierung: Genau dann, wenn interaktive Lernvideos den Unterricht ergänzen. Zudem können bei besonderem Förderbedarf digitale Medien als hilfreich angesehen werden. Allgemein wird das Üben und Anwenden für Schüler individueller werden. Es gibt einfache technische Möglichkeiten für Feedback und Kollaborationen – die nicht zwingend an die Räumlichkeiten der Schule gebunden sind. Dennoch: Die  pädagogische Beziehung bleibt zentral und hat eine starke  Wirkung auf die Lernleistung der Schüler.

Inwiefern?
Es ist falsch zu denken, dass ein Kind sich möglichst früh alles selbstständig erarbeiten können sollte. Eine gute  Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler ist ein entscheidender Faktor für den Lernerfolg. Nur ist diese gute Beziehung nicht zu jedem Lehrer für jeden Schüler immer möglich. Nehmen wir beispielsweise diesen einen Mathelehrer aus der eigenen Schulzeit. Der lebte zwar für sein Fach, nur verstanden wir einfach nicht, was er uns beibringen wollte. Vielleicht geben wir sogar ihm die Schuld, dass wir heute nicht gut in Mathe sind? Natürlich ist es einfach, zu sagen «Den Stoff brauche ich nach der Schule nie wieder» und zu akzeptieren, dass man in dem Fach schlecht ist. Aber es geht auch anders: In meinem Lerncoaching  zeige ich den Schülern, wie man trotz eines vermeintlich schlechten Lehrers Lernerfolg haben kann. Dafür braucht es eine Motivationssteigerung und ein paar Lerntricks – nicht zuletzt ist heute auch dank Social Media das Lernen in der Gruppe vereinfacht.

Wie wäre denn die bessere Vorgehensweise? Schliesslich braucht es Mut, dies offen und direkt mit der Lehrperson zu besprechen – man will ja niemanden verärgern.
Manchmal hilft es, den gleichen Stoff von einer anderen Person erklärt zu bekommen. Hier sehe ich das Potenzial vom Internet. Es gibt so viele gute Quellen, um den Stoff, den man aktuell in der Schule durchnimmt, nochmals anzuschauen, zu hören oder zu lesen. Ein guter Lehrer zeigt den Kindern und Jugendlichen sogar, wo sie das Passende finden und zweifelt nicht an seinen eigenen Lehrfähig keiten. Konkret: Je nach Lerntyp beziehungsweise Stärken und Schwächen in einem Fach und der Lehrperson ist es extrem hilfreich, andere Medien beizuziehen.

Dennoch ist es schwierig, die Gratwanderung zu meistern: Ein Verzicht ist nicht sinnvoll, aber auch der übermässige Konsum ist schädlich. Wie finden die Eltern ein gesundes Mittelmass mit den modernen Medien – gerade auch im Hinblick auf das Lernen?
Gerade diese Gratwanderung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Elternabende von zischtig.ch. Wir zeigen den Eltern während 90 Minuten auf eine ansprechende und unterhaltsame Art und Weise, wie sie die Kinder befähigen, ein massvolles oder gar gewinnbringendes Mediennutzungsverhalten zu entwickeln. Dabei geht es darum, dass die Eltern aktiv begleiten. Während bei jüngeren Kindern noch die Medienzeit eingeschränkt werden kann, gilt es bei Kindern ab der fünften Primarschule zum einen, auf medienfreie Zeiten zu setzen und zum anderen, zu unterscheiden, ob die Medien für den Konsum oder für Lerninhalte zum Einsatz kommen. Reine Medienzeitbeschränkung macht keinen Sinn mehr, weil die Geräte eben auch für den schulischen Gebrauch zum Einsatz kommen – Stichwort Lehrplan 21. Kinder und Jugendliche brauchen die Unterstützung, sowohl bei der Zeitbeschränkung als auch bei der Unterscheidung von guten und weniger seriösen Quellen. Es wirkt vielleicht frustrierend, wenn die Jugendlichen den Youtubern mehr Glauben schenken als den eigenen Eltern. Aber genau da fangen die spannenden Diskussionen im Elternhaus an – und dies bedeutet Lernen für die ganze Familie.

Wie sollten diese Diskussionen geführt werden?
Eltern hören von ihren Kindern oft, dass sie Handy/Tablet/Computer, ja generell das Internet, einfach für die Hausaufgaben und das Lernen brauchen. Oft sind sich Eltern unsicher, ob sie damit wirklich lernen oder einfach gamen oder auf Social media abhängen. Gewissen Schulstoff muss man einfach reinpauken. Da ist das Handy nur eine Ablenkung. Hier berichten uns Kinder und Jugendliche immer wieder, dass sie froh sind, dass  ihnen die Eltern die Geräte entziehen, also klare Grenzen setzen. Einfach, weil sie es selber nicht hinkriegen würden.

Ein offenes Gespräch ist also hilfreich.
Ja, das offene Gespräch ist zentral. Und auch ein Verständnis für die aktuelle Jugendkultur. Man darf dabei den Druck nicht unterschätzen, den Jugendliche erleben, ständig erreichbar sein zu müssen. Da hilft es, wenn man seinen Freunden schreiben kann «Meine nervige Mutter hat mir das Handy weggenommen, deshalb erst jetzt die Antwort.» – Statt: «Ich wollte konzentriert lernen, deshalb kriegst du erst jetzt eine Antwort.» Und wichtig bleibt: Geräte sollten über Nacht nicht in den Kinderzimmern zu finden sein. Die Versuchung ist einfach zu gross, noch zu chatten, zu gamen oder Videos zu schauen.

Bleiben wir bei der Ablenkung. Wie schwierig fällt es den Kindern und Jugendlichen, sich in der heutigen Zeit noch auf eine Sache zu konzentrieren?
Es ist hart. Nicht nur für Kinder und Jugendliche. Wer kennt das nicht: Kurz den Wetterbericht auf dem Handy fürs Wochenende checken wollen und beim Weglegen des Geräts merkt man, dass man zwar ein paar Nachrichten gelesen, aber vergessen hat, weswegen man das Handy  eigentlich in die Hand nahm. Mittlerweile gibt es aber  viele Möglichkeiten, sich vor Ablenkung zu schützen. Jugend liche nutzen diese Strategien auch immer mehr: Flugmodus aktivieren, Anrufe nur von ausgewählten Personen ermöglichen, Whatsapp-Gruppen stummschalten, ein Post in die Snapstory, dass man mal kurz offline ist – als Texthintergrund die Lernziele für eine anstehende Prüfung. Aber mal ganz ehrlich: Wer sich ablenken lassen will, schafft das auch ohne die digitalen Geräte und wer lernen muss, weiss, wann die Störquellen ausgeschaltet werden müssen. Eine gute Konzentrationsübung ist immer noch das Lesen eines Buchs mit Papier zum Umblättern – ohne Push-Nachrichten, Popup-Fenster, Werbung, Links, Kostenfallen und Wlan- oder Akkuprobleme.

Sharmila Egger, Psychologin und Lerncoach von zischtig.ch

erstellt von Manuela Bruhin