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Wenn Kinder nicht trocken werden

Dr. med. Jean-Claude Wetzel, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sagt, weshalb Eltern nicht einfach warten sollen, bis «es von alleine verschwindet.»

Bild: © Shutterstock

«Mein Kind ist bereits in der vierten Klasse und macht nachts immer noch ins Bett. Was sollen wir nur tun?» Mit solchen Fragen stehen viele Eltern nicht alleine: 20 Prozent der Fünfjährigen und einer von zehn Schulanfängern nässen nachts ein. «Dahinter steckt meist eine Reifungsverzögerung, denn die Spontanheilungsrate ist mit 15 Prozent pro Jahr hoch», sagt Dr. med. Jean-Claude Wetzel, Kinderarzt aus Wetzikon. Warum also nicht einfach warten, bis das Bettnässen von alleine verschwindet? Die Antwort geben am besten betroffene Menschen selbst. Sie können berichten, was es heisst, nicht ins Klassenlager fahren zu können oder bei Freunden zu übernachten. Es gibt Betroffene, die jahrelang beispielsweise bis ins 15. Lebensjahr nachts alle zwei Stunden den Wecker stellen, um dann Wasser zu lösen. Häufig erwachen sie morgens trotzdem im nassen Bett. Sie können erklären, was es heisst, seinem besten Freund nicht anvertrauen zu können, was die Blase und ihre unwillkürliche Entleerung nachts für böse Streiche spielt. Aus Scham und Angst, entdeckt zu werden, nehmen viele Betroffene an sozialen Aktivitäten wie Sportclub-, Pfadi- oder Klassenlager nicht teil und wollen immer im Kreise der engsten Familie übernachten. «Gerade deshalb, weil es heute Möglichkeiten gibt zu helfen, soll man nicht Schweigen und zuwarten, bis es von alleine verschwindet», erklärt Dr. med. Jean-Claude Wetzel.

Was sind die Ursachen?

In etwa 80 Prozent der Fälle leiden Bettnässer unter einem Symptom, das vererbt werden kann, der primären, monosymptomatischen Enuresis nocturna. Diese Kinder waren nachts nie länger als sechs Monate trocken, haben am Tag aber keine Probleme. Häufig sind sie nur schwer aufweckbar. Es wird vermutet, dass die Blasenfunktion erst mit Verspätung ausreift. Eine weitere mögliche Störung ist ein Mangel des antidiuretischen Hormons Vasopressin (angekürzt ADH). Normalerweise wird bereits beim Kleinkind die Harnproduktion im Schlaf infolge einer Zunahme des nächtlichen ADH-Spiegels gesenkt. Das heisst: je mehr ADH, desto weniger Urin in der Blase. Bei bettnässenden Kindern ist die nächtliche ADH-Konzentration zu niedrig, so dass mehr Urin produziert wird, als die Blase fassen kann. Sobald die Blase voll ist, wird sie unkontrolliert entleert. Die restlichen 20 Prozent leiden unter der sekundären Enuresis, das heisst dem plötzlichen Wiederauftreten des Bettnässens nach einer langen «Trockenphase». Hier spielen psychische Ursachen eine wichtige Rolle.

Welche Therapieformen gibt es?

Heute gibt es die medikamentöse Behandlung, die in 60 bis 70 % der Fälle innert 4 bis 6 Monaten zur ersehnten nächtlichen Trockenheit führen kann. Das Medikament ersetzt das körpereigene Hormon ADH, das in ungenügender Menge ausgeschüttet wird.

Mit sogenannten «Weckapparaten» versucht man die Blasenkontrolle zu «trainieren». Der Weckapparat wird nachts angewendet. Er löst beim ersten Tropfen in der Hose einen Alarm aus, der das Kind aufweckt. Der Weckapparat übernimmt damit eine Funktion, die bei den meisten natürlich geschieht.

Die Komplementär-Medizin stellt auch Behandlungsformen wie Homöopathie und Akupunktur zur Verfügung. Leider sind hier keine genaueren statistischen Zahlen bekannt.

Wie kann Betroffenen und deren Familien geholfen werden?

Es braucht in der Bevölkerung mehr Verständnis für diese unglückliche Programmverzögerung der Natur im Körper der betroffenen Mitmenschen. Dies verlangt eine breite Aufklärung, das heisst, eine offene Diskussion. Nur so erhalten alle betroffenen Menschen Zugang zu den verschiedenen Therapieformen. Und nur so kann es einmal soweit kommen, dass Betroffene sich für ihr kleines Problem so wenig schämen müssen, wie beispielsweise Kinder, die eine Brille tragen müssen. Die meisten Therapieformen führen früher zu Trockenheit als ohne Behandlung und verkürzen so einen unnötigen Leidensweg. Sie beugen belastenden psychischen Verhaltensänderungen vor. Der Frust, seine Blase nicht kontrollieren zu können, ist unnötig! Die Therapieformen sollten jedem betroffenen Menschen über sechs Jahren zugänglich sein.

Was kann man gegen Bettnässen tun?

Genauso wie es verschiedene Formen von Bettnässen gibt, gibt es auch verschiedene Behandlungsmethoden. Welche Methode bei wem am sinnvollsten eingesetzt wird, kann nur ein Arzt entscheiden, nachdem er eine detaillierte Diagnose erstellt hat. Der erste Schritt zur Besserung ist deshalb ein Arztbesuch. Auf gar keinen Fall sollte man mit betroffenen Kindern schimpfen. Man sollte jedoch offen mit ihnen über das Problem reden, um zu verhindern, dass sich psychische Folgeschäden, wie zum Beispiel Versagensangst, einstellen.

Mehr Infos zum Thema: bettnaessen.ch