Der Tango des Lebens

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass in Ihrer Ehe oder Partnerschaft nicht alles rund läuft? Fühlen Sie sich missverstanden oder fallen laute Worte? «STOPP! Reissleine am Giraffenfallschirm ziehen und Giraffenkraft wachrufen!», sagt Serena Rust, Trainerin für gewaltfreie Kommunikation. Im Interview verrät sie, wie selbstbewusste Kommunikation in der Partnerschaft gelingen kann.
Jeder und jede von uns hat das schon mal erlebt: Die Luft ist dick - und wir müssen uns echt beherrschen, um nicht gleich loszuschreien oder mit Vorwürfen um uns zu werfen. Wie verhalten wir uns in so einer Situation am besten?
   In Anlehnung an den amerikanischen Psychologen und Begründer der «Gewaltfreien Kommunikation» Marshall B. Rosenberg bediene ich mich ebenfalls der Tierwelt - im Vordergrund stehen dabei der Wolf, das Schaf und die Giraffe. Wenn nun also eine emotionale Tretmine in die Luft gegangen ist und die Wölfe zu heulen und die Schafe zu jammern beginnen, dann ist es ideal, wenn in den Beteiligten möglichst schnell die Giraffen aufwachen. Dann kann nach einer inneren Klärungsphase der äussere Giraffentango beschwingt beginnen.  

Das tönt poetisch! Können Sie uns das erklären?
   Den Giraffentango tanzen bedeutet, die eigenen Impulse und die des Partners aufzunehmen, geschmeidig darauf einzugehen, sie umzusetzen oder sich inspirieren zu lassen, die eigenen Figuren zu tanzen - und bei alledem immer in seiner Mitte zu bleiben. Ganz ähnlich, wie es im argen-tinischen Tango einige grundlegende Figuren gibt, deren Ausformung jedoch in der Gestaltungsfreiheit der einzelnen Tänzer liegt, gibt es auch beim verbalen Giraffentango jede Menge Spielraum für Kreativität, um die fünf grundlegenden Schritte je nach Situation, Temperament und Geschmack zu variieren.  

Und wie funktioniert das im Alltag?

   Im Alltag orientiere ich mich nach folgenden fünf Grundschritten und sprachlichen «Formeln: 1. Beobachtung: Ich merke, autsch, etwas hat mich getroffen, die Luft wird dick. 2. Wohlwollendes Denken: Ich sage beispielsweise: STOPP! Und ziehe quasi innerlich die Reissleine am Giraffen-fallschirm und entschleunige damit die Situation. Ich halte inne und fange an, mir des ablaufenden Prozesses bewusst zu werden. 3. Gefühle: Ich spüre nach, wie ich mich fühle und wie es meinem Partner geht. 4. Bedürfnisse: Ich führe mit mir einen inneren Dialog, wo ich mich frage, was ich brauche. 5. Bitte: Anschliessend trete ich mit meinem Partner in einen äusseren Dialog, d.h. beispielsweise, ich entscheide mich, wohlwollend und unvoreingenommen zuzuhören. Ich übersetze Vorwürfe, Bewertungen und Selbstan- klagen in Gefühle und Bedürfnisse. Und schliesslich gehe ich freundlich mit mir und meinem Partner um, auch wenn mir diese Übersetzung nicht vollständig gelingt. Diese Art der Kommunikation führt zu einem hin und her schwingenden Tanz von Sprechen, Hören, Übersetzen und Gehörtwerden.  

Marshall Rosenberg sagt ja: «Werde gut darin, zwei Dinge auszudrücken: Was in dir los ist und was dein Leben schöner machen würde. Lerne nur, dies zu sagen, ohne Kritik und ohne Forderungen.» Das hört sich einfach an, doch warum ist dies für uns so schwierig?
   Partnerschaften sind turbulente Schauplätze des Lebens! Sie führen durch Hochs und Tiefs. Jeder von uns hat seine eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse. Einmal reagieren wir mit Wolfs-, Schafs- oder Giraffenohren (siehe nächste Seite)! Die Kunst ist nun herauszufinden, wie wir in einer Partnerschaft miteinander sprechen und auch, wie wir einander zuhören. «Wirklich zuhören» heisst, das innere Geschehen des anderen nachzuvollziehen, das in Worten, Gesten, Stimme, Tonlage und Mimik zum Ausdruck kommt. Denn Worte haben für jeden von uns unterschiedliche Bedeutung, inhaltlich und emotional. Nur aus der «wirklichen» Zuwendung zum Partner erwächst der Tanzboden für eine tief greifende Intimität der Begegnung - seelisch wie körperlich. Wer sich also eine gut funktionierende, langfristige Partnerschaft wünscht, sollte lernen, sich klar auszudrücken, wie er sich fühlt und was das Leben schön machen würde und zu hören, wie es der anderen Person geht und was das Leben für sie schön machen würde. Wenn es einen Konflikt gibt, suchen wir nach Möglichkeiten, die Bedürfnisse eines jeden zu erfüllen. So können die Menschen auf ihre Partner oder ihre Kinder eingehen, ohne Bestrafung, ohne Bewertung und ohne Belohnung, sondern alleine dadurch, dass sie eine Verbindung - einen Dialog - herstellen.  

Gibt es Erlebnisse in Ihrem Leben, die zu Ihren jetzigen Einsichten führten?
   Ich habe eine ganze Reihe von Partnerbeziehungen durchlebt, dabei auch Hochzeit gefeiert, mich scheiden lassen und meine beiden Söhne ins Leben begleitet. In diesem Sinne bin ich zu einer «Beziehungsexpertin» geworden. Meinem heutigen Partner bin ich vor zwei Jahren auf Bali begegnet. Wir haben uns verliebt mit der Kraft eines Tropensturms! Und diese stürmischen Vorzeichen unseres Kennenlernens haben sich bis heute bestätigt. Wir können sehr innig und genussvoll in gemächlichem Tempo in unserem Beziehungsboot dahingleiten, doch der ruhige Strom kann sich auch jäh in ein tosendes Wildwasser verwandeln, mit Untiefen, Stromschnellen, Strudeln und Wasser- fällen, in denen unser Beziehungsboot auch mal kentert. Doch wie sagt der schwedische Friedensnobelpreisträger Dag Hammarskjöld so schön: «Schiffe liegen am ruhigsten im Hafen - aber dafür sind sie nicht gebaut.» Genauso verstehe ich auch eine Partnerschaft: Wir sind Weggefährten bei jedem Wind und Wetter, nicht nur bei Sonnenschein.

Lesen Sie hier weitere Artikel zum Thema Erziehung

Quelle/Text: Christina Bösinger


Zur Person:

 

Serena Rust ist Beraterin, international zertifizierte Trainerin für gewaltfreie Kommunikation, Moderatorin, Coach und Autorin. Ihre Vision ist eine herzliche und effektive Verständigung, die individuelle Einzigartigkeit und Teamgeist zum Blühen bringt. Ihr Motto: «Help yourself to help others.» - Hilf dir selbst, um anderen zu helfen. Mehr über Serena Rust auf www.serena-rust.de

«Giraffentango: Selbstbewusste Kommunikation in der Partnerschaft»

von Serena Rust, Fr. 22.90

ISBN 978-3-86728-155-3

www.koha-verlag.de
Audio CD Fr. 23.90.


Buchtipp - shop/buch-shop.htmldirekt bestellen


Die Giraffe - mitfühlend und selbstbewusst  

Die Giraffe ist an einem Dialog auf gleicher Augenhöhe interessiert. Sie hat von den Landtieren das grösste Herz und mit ihrem langen Hals einen guten Weitblick. Deshalb ist sie ein Symbol für unser ursprüngliches, einfühlsames, herzliches Wesen. Als Giraffe ist man primär an einer authentischen Verbindung interessiert, die in der Balance von aufrichtiger Selbstvertretung und wohlwollendem Verständnis für den Partner wurzelt. Als Giraffe bin ich mir bewusst, dass hinter all meinem Tun und Lassen Bedürfnisse stehen. Es ist mir ein Anliegen, bewusst und achtsam zu sein. Ich übe mich immer wieder darin, differenziert wahrzunehmen, was in mir vorgeht. Aus dieser inneren Verbindung kann ich ohne Umschweife davon sprechen, wie es mir geht und was ich brauche. Wenn mir ein Wolf über den Weg läuft, lasse ich mich von seinen grimmigen Äusserungen nicht gleich aufbringen oder abschrecken. Statt Vorwürfe, Beschuldigungen und Unterstellungen automatisch mit gleicher Münze zurückzuzahlen, bleibe ich souverän in mir zentriert. Wohlwollend interessiert, bemühe ich mich, herauszufinden, was er wirklich fühlt und was er braucht. Und wenn das von Schuldgefühlen, Selbstwertnöten und Schmerz gelähmte Schaf auftaucht, beruhige und ermutige ich es.    

Das Schaf - treuherzig und schuldbereit  
Das Schaf glaubt nicht an sich selbst. Es repräsentiert Schuldbewusstheit und Unterlegenheit. Es glaubt immer, wenn es dem anderen schlecht geht oder etwas schiefläuft, dass es seine Schuld ist, und fühlt sich deswegen oftmals ausgeschlossen, ängstlich und wertlos. Es schämt sich leicht, fühlt sich oft -verlassen und hilflos. Es ist überzeugt, in vielerlei Hinsicht nicht gut genug, unterlegen, unwichtig, unbeachtet und unerwünscht zu sein: es glaubt, zu stören und anderen zur Last zu fallen. «Mit Schafsohren hören», heisst, dass ich mich selbst schuldig fühle oder schäme und mich für unwichtig und schlecht halte. Die Grundhaltung ist: «Ich bin nicht okay!» begleitet von den entsprechenden Gefühlen wie Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit. Als Schaf stimme ich den äusseren (und den inneren!) Wölfen mit ihren entwertenden Unterstellungen blind zu und schneide mich dadurch vom Strom der Lebenskraft ab. Meistens wechseln wir in einer Auseinandersetzung blitzschnell die Perspektiven. In einem Satz sind wir bissiger Wolf und im nächsten werden wir im Handumdrehen zum kleinlauten Schaf. Oft ist es sogar noch verzwickter: Unsere innere Reaktion ist schafig - doch nach aussen beissen wir als Wolf.  

Der Wolf - kampflustig und selbstgerecht 
Der Wolf in uns möchte immer der Gewinner sein. Er steht für verurteilendes Denken und Dominanz. Er geht davon aus, dass jeder siegen möchte. Deswegen ist für ihn «recht zu haben» wichtig. Dann fühlt er sich unabhängig und sicher. Die Wolfssprache beherrschen wir automatisch. Genau genommen beherrscht sie uns! Sie ist die kulturelle Mutter- und Vatersprache, mit der wir aufgewachsen sind. Sie hat unser Denken von klein auf geprägt und wir haben sie nach und nach übernommen. Wölfische Ausdrucksweisen sollen in Wortwahl, Tonfall, Mimik und Körperhaltung einschüchtern und bedrohlich wirken. Darauf reagiert der andere häufig, indem er mit gleicher Münze zurückzahlt, nach dem Motto «Angriff ist die beste Verteidigung» und schon geraten wir in den Strudel von Angriff und Gegenangriff, von Rechtfertigung, Vorwürfen, Beschuldigungen, Unterstellungen und Drohungen. Der Wolf denkt und spricht aber nicht nur, er hört auch, das heisst, was er hört, deutet er in seinem Sinn. Wenn wir im Wolfsdenken sind, sehen wir unseren Partner als Feind und deuten seine Äusserungen als Angriff. Ein wesentliches Merkmal der Wolfsohren ist die automatisierte, blitzschnelle Reaktion. Energie und Aufmerksamkeit sind gegen den anderen gerichtet. Es fehlt sowohl die Offenheit, ihn verstehen zu wollen, als auch die Souveränität, das eigene Anliegen in Ruhe zu vertreten.

Quelle: Giraffentango