Arenadiskussion: Kinder an die Macht?

In der Öffentlichkeit weiss man wenig über die UNO-Konvention für die Rechte des Kindes. Kindern mehr Rechte und Mitsprachemöglichkeiten einzuräumen, macht vielen Angst.
(Bild: zvg/ Kidy Swissfamily.ch)
«Kinder an die Macht!», heisst ein Song von Herbert Grönemeyer. «Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun - die Welt gehört in Kinderhände», singt der populäre Musiker. Ein solcher Ruf kann erschrecken. Oft erscheint es uns einfacher, den Wunsch eines Kindes fraglos auszuschlagen, wenn er uns nicht ganz durchdacht scheint. Erwachsene denken an die Konsequenzen, Kinder an den Moment. Wenn wir Kindern jedoch zuhören, können wir viel lernen. Sie stellen andere Fragen, kommen auf ganz andere Ideen.

Die Menschenrechte gelten für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Da wir Kinder in ihren Rechten besonders schützen müssen, hat die UNO 1989 Kinderrechte in eine Konvention gefasst. Die Schweiz hat sie 1997 ratifiziert. Dieses internationale Übereinkommen richtet sich nach den drei Grundprinzipien: Recht auf Schutz, Recht auf Förderung und Recht auf Beteiligung. «Die UNO-Konvention hat sehr kluge Lösun-gen gefunden, um Kinder in ihre Entwicklungs- und Lernprozesse und auch in Problemlösungen aktiv einzubeziehen», sagt Prof. Dr. Lothar Krappmann. Der deutsche Soziologe und Pädagoge sitzt in der UNO-Kommission, die über die Einhaltung der Konvention wacht. Der UNO-Vertrag wolle Kinder nicht an die Macht bringen, aber mit Nachdruck sicher-stellen, dass sie gehört werden, meint Krappmann. Es lohnt sich, die Konvention genau zu lesen. Sie enthält unter anderem das Recht auf Selbstbestimmung, Information, Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit - unter Achtung der elterlichen Führungsrolle und der innerstaatlichen Gesetze. Kinder dürfen auch Vereinigungen bilden, vorausgesetzt, die Rechte anderer bleiben unangetastet. Kinder verstehen sehr gut, dass nicht alles so geschieht, wie sie es sich vorstellen. Aber sie wollen wissen, warum etwas anders gemacht wird. Erklärungen und Diskussionen brauchen zwar Zeit, aber man lernt viel dabei und oft gibt es Lösungen, manchmal Kompromisse - hin und wieder verschwindet das Problem gar.




Petra Greykowski, Geschäftsleiterin Kinderlobby Schweiz



Partizipation ist ein Muss!
Kinder sollen und müssen in allen sie betreffenden Lebensbereichen partizipieren können. Dies ist eine der wichtigsten Erziehungsaufgaben, die wir Eltern haben. Damit meine ich nicht, dass wir abdanken sollen, das Feld räumen und Kinder an die Macht lassen müssen, wie so oft gedroht wird.

Partizipation ist ein Prozess und verläuft in mehreren Schritten. Zuerst benötigt das Kind wie auch wir Erwach-senen Information, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Dann braucht es Gelegenheit, von den Erwachsenen angehört zu werden, so lernt das Kind, sich an einem Diskurs zu beteiligen, mit zu entscheiden, bis es zuletzt allein entscheiden lernt. Das ist eigentlich das, was viele Eltern ganz unbewusst schon lange richtig machen. Doch in der Schule, Gemeinde, im Scheidungsfall vor Gericht oder bei Fremdplatzierungen von Kindern usw. ist das noch lange nicht selbstverständlich. Hier herrscht noch grosse Angst vor der Entmachtung!   

Doch gilt es, aus Kindern mündige Bürger zu machen und erst recht in einem basisdemokratischen Land wie der Schweiz. Denn, wenn sie 18 Jahre alt sind, sollen sie dieses Land mitbestimmen und das muss erst einmal gelernt sein. Das heisst, man muss lernen, was es bedeutet, eine Meinung zu haben und wie man diese bildet. Chancen und Risiken gilt es abzuwägen, was es bedeutet, pro oder kontra zu stimmen oder etwa gar nicht zu stimmen und sich bestimmen zu lassen. An unseren Kinderkonferenzen werden die Kinder durch diesen Prozesse begleitet. Von der selbst gewählten Bettzeit, dem Lösen von Konflikten, bis hin zur Findung von Ergebnissen und Forderungen stehen wir Erwachsenen nur assistierend zur Seite und immer wieder muss ich feststellen: Es funktioniertt wirklich!               

Partizipation ist ein Gewinn für beide Seiten. Kinder werden zu mündigen Mitbürgern, sie lernen Vor- und Nachteile der Demokratie kennen und die Entscheidungen sind nachhaltiger, da sie nachvollziehbar sind, gemeinsam getroffen wurden und praxistauglich sind.




Zeno Steuri, Geschäftsführer
Kinderbüro Basel
Kinder haben durchaus Ideen zur Verbesserung der Lebensqualität.
Für das Kinderbüro Basel ist die UNO-Konvention für die Rechte des Kindes die Grundlage seiner Arbeit. Wir vertreten die Interessen und Rechte der Kinder in der Öffentlichkeit und beteiligen Kinder direkt an der Gestaltung ihrer Lebenswelt. Das Kinderbüro Basel bietet interessierten Kindern die Mitarbeit in verschiedenen Projekten an. Die Projektthemen werden entweder von Kindern selbst eingebracht (z.B. in der KinderMitWirkung) oder sie werden vom Kinderbüro Basel aus vorgeschlagen. (Beteiligung bei der Umgestaltung von Spielplätzen und Schulhof- arealen). Die Kinder sind sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung der Projekte mit einbezogen.    

Die Beteiligung von Kindern ist überall dort sinnvoll, wo sie mittelbar und unmittelbar in ihrer Lebenswelt betroffen sind, zum Beispiel in der Schule, im öffentlichen Raum oder im Verkehr. Kinder können mit ihren Ideen und Vorschlägen vor allem in Gestaltungs- und Planungsprozesse einbezogen werden, wenn es um den Umbau einer Schule oder eines Spielplatzes geht; sie können aber auch sehr gut ihre Meinung zur Beurteilung von bestehenden Situationen einbringen, etwa bei gefährlichen Situationen im Verkehr. Indem sie mitdenken, mitreden, mitentscheiden und mitverändern, erleben sie ein Stück Demokratie und Selbstwirksamkeit. Die Grenzen der Kinderpartizipation sind da erreicht, wo eine Mitsprache oder Mitarbeit grund-legende Fachkenntnisse voraussetzt. Durch altersgerechte Informationen und anschauliche Erklärungen kann diese Grenze aber auch herabgesetzt werden.                

Im Prozess «KinderMitWirkung», www.kindermitwirkung.ch, den das Kinderbüro Basel 2007 initiiert hat, konnten bisher über 200 Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren ihre Ideen für Basel und die Verbesserungen der Lebensqualität für Kinder einbringen. So entstanden bis heute 17 Projekte in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten.



Alice, 16 Jahre alt,
Gymnasialschülerin,
Zürich

Es gibt Sachen, die möchte ich selber entscheiden.
Bis zu einem gewissen Grad finde ich es richtig, wenn Eltern bestimmen, was Kinder tun müssen. Kinder sind meist noch nicht vernünftig genug, es kommt natürlich auf die Person an, aber ein fünfjähriges Kind ist kaum reif genug, um gewichtige Entscheide über sich zu fällen. Auch mit 16 weiss man noch nicht alles, so gibt es immer wieder Momente, in denen die Eltern entscheiden müssen.    

Ob Sekundarschule oder Gymnasium oder Lehre möchte ich aber selber entscheiden können, denn ich bin motiviert, lerne und bin fleissig; so habe ich mich fürs Gymnasium entschieden. Auch bei der Profilwahl habe ich mich durchgesetzt, meine Eltern zogen Spanisch/Englisch vor, ich entschied mich für Englisch/Russisch. Natürlich gibt es Kinder, die keine Aufgaben machen oder schwänzen. In diesem Falle müssen die Eltern dafür sorgen, dass das Kind einen Abschluss macht. Wenn sich die Eltern nicht dafür einsetzen, wird es das Kind später bereuen.   

Ich kenne ein Schulmodell, da kann man sehr viel mitentscheiden, das würde mir gefallen. Ich würde auch gerne an einem Experiment teilnehmen, bei dem es keine Noten gibt, es nähme mich sehr wunder, was dabei rauskäme. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Kinder motivierter wären.               

Hätte ich die Wahl, würde ich mehr 24-Stunden- Läden einrichten, so müsste ich am Abend nicht mehr in der Kälte stehen, wenn ich auf das Tram warte. Auch wünschte ich mir mehr Pärke, mehr öffentliche Plätze. An der Schweiz ärgert mich manchmal, dass die politischen Mühlen so langsam mahlen, zum Beispiel finde ich es unglaublich, dass die Abschaffung der AKWs so lange dauert. In solchen Fällen wäre ich -gerne Diktatorin, obwohl ich ja die direkte Demokratie gut finde. Doch die Mühlen müssten schneller mahlen. Ich bin hier zwiespältig, denn ich finde es ja gut, dass man bei uns so viel mitentscheiden kann. Aber im -Falle der AKWs reden zu viele Menschen mit und -heute weiss man ja schon sehr genau, dass sie gefährlich sind.




Prof. Dr. Lothar Krappmann, Soziologe

und Pädagoge, Berlin, Mitglied des
UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes

Kinder haben ein Recht, gehört zu werden.      
Die UNO-Konvention über die Rechte des Kindes ist ein Vertrag, der die Menschenrechte der Kinder zu respektieren, zu schützen und zu verwirklichen sucht, nicht die Vorherrschaft der Kinder verlangt, sondern fordert, sie als junge Menschen mit eigener Sichtweise, mit eigenen Interessen und mit eigenen Zielen anzuerkennen.    

Die erste Konsequenz aus dieser Einsicht ist, ihnen, den Kindern, zuzuhören, so wie Menschen grundsätzlich einander zuhören sollten. Daher haben die Staaten sich auf einen Artikel 12 der Konvention geeinigt, in dem steht, Kinder haben ein Recht darauf, gehört zu werden, wenn sie sich eine Meinung gebildet haben. Der Artikel fügt hinzu, dass der Meinung der Kinder im Fortgang von Beratung und Entscheidung Gewicht zu geben ist.   

In der Konvention steht nichts davon, dass Kinder allein entscheiden sollen, was für sie gut sei. Vielmehr steht da, dass die Stimme der Kinder berücksichtigt werden muss, so wie die Stimme eines jeden Menschen berücksichtigt werden muss, wenn Fragen verhandelt werden, die diese Menschen berühren, vor Gericht, in der Schule und im Familienleben. Das muss auch für Kinder gelten. Dafür hat sich der Ausdruck Partizipation eingebürgert. Partizipation ist kein einmaliges Ereignis. Etwa am Dienstagnachmittag hört die Schulkonferenz, der Gemeindeausschuss, der Sozialarbeiter die Kinder an, und damit ist dem Recht Genüge getan. Nein, das reicht nicht. Denn alle, auch Kinder wollen wissen, wie es weitergeht. Anders ausgedrückt: Partizipation ist ein zweiseitiger und ein fortdauernder Prozess.                

Wenn Kinder eine Antwort bekommen, dann können sie auch sagen, ob sie richtig verstanden wurden. Dann können sie zusätzliche Erläuterungen geben. Sie können lernen, dass sie an einen wichtigen Punkt nicht gedacht haben, und dass es ratsam ist, den ursprünglichen Vorschlag zu verändern. Aus dem ersten Anhören entsteht wechselseitiger Austausch und ein gemeinsamer Prozess, in dem sich eine von allen geteilte Auffassung herausbildet.



Katrin Piazza, Pressesprecherin,
UNICEF Schweiz
Auch Gemeinden müssen sich um die Bedürfnisse von Kindern kümmern.
Kinderfreundlichkeit misst sich nicht so sehr an der Anzahl Turnhallen, Ludotheken, Streichelzoos oder Schwimmbäder, die Kindern in einer Gemeinde zur Verfügung stehen. Kinderfreundlichkeit misst sich vielmehr daran, in welcher Weise eine Gemeinde die Kinder am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen lässt. Welche Wichtigkeit räumt sie Kindern in ihrer Strategie ein? Ermittelt sie die Bedürfnisse der Kinder regelmässig und systematisch und wie flexibel oder pragmatisch vermag sie darauf zu reagieren? Wie und aufgrund welcher Überlegungen setzt sie ihre Ressourcen ein und prüft sie, ob dieser Einsatz sein Ziel auch erfüllt? Kurz: Eine Gemeinde ist dann auf gutem Weg, kinderfreundlich zu werden, wenn sie die Frage verbindlich beantworten kann: Was tun wir eigentlich für unsere Kinder im Bereich von Schutz, Förderung und Partizipation - und was ist die Wirkung unseres Tuns?   

Gemäss UNO-Kinderrechtskonvention haben die Kinder - gemeint sind hier die jungen Menschen bis zum 18. Lebensjahr - ein Recht darauf, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Sie haben ein Recht darauf, mitzureden, mitzuplanen und mitzuentscheiden. Es ist grundsätzlich und in allen Bereichen einer Gemeinde die Frage zu stellen, ob und in welcher Weise Kinder einbezogen, angehört und beteiligt werden können. Grundsätzlich gilt: Wer mitreden und entscheiden darf, ist eher bereit, Verantwortung zu übernehmen.               

Der Zertifizierungsprozess, der zur Auszeichnung «Kinderfreundliche Gemeinde» führt, regt in einer Gemeinde erfahrungsgemäss Denk- und Veränderungsprozesse an. In der Regel beginnen - vom Dorfpolizisten über die Sozialarbeiter bis zum Gemeindepräsidenten - alle Beteiligten sich die Frage nach der eigenen Kinderfreundlichkeit zu stellen. Oft werden im Zusammenhang mit diesem Prozess themenübergreifende Netzwerke eingerichtet, was meist zu einer Verbesserung der Koordination aller Politbereiche und zu einer Reduktion von Doppelspurigkeiten führt. So dient der Zertifizierungsprozess letztlich nicht nur den Kindern, sondern auch der Gemeinde selbst.



Aurelio, 11 Jahre alt, Primarschüler, Zürich
Ich würde Geld sammeln, damit sich alle Afrikaner ein Haus bauen können.        
Wir hatten das Thema Kinderrechte auch in der Schule, aber ich weiss nicht mehr so genau, worum es dabei gegangen ist. Was würde ich tun, wenn ich König wäre? Als Erstes würde ich an mich denken, ich würde mir einen Palast bauen und ich würde den Kühlschrank mit Süssigkeiten füllen (lacht). Diener gäbe es aber keine mehr, das ist vorbei. Ich würde aber auch Geld an die Armen schicken. An den Grenzen würde ich einen Topf aufstellen, in den alle Menschen einen Franken für Afrika spenden müssten, denn so könnten sich auch die Afrikaner ein kleines Haus leisten. Eigentlich gehe ich gerne in die Schule, aber ich wünschte mir mehr Sport und viele Turnstunden. Und damit ich nicht so viel lernen müsste, würde ich eine Maschine bauen, mit der ich schneller auswendig lerne. Ich stelle mir vor, es gäbe einen farbigen Raum, darin würde es leuchten, man könnte hineingehen und danach würde einem der ganze Schulstoff bleiben. So wären auch Prüfungen kein Problem mehr, klar, ich würde schon zu Hause noch etwas aufschreiben, aber es ginge dann alles viel leichter. Ich würde auch ein paar Wissenschaftler engagieren, damit sie ein neues Set zum Gamen entwickeln würden. Die Wissenschaftler müssten auch dafür sorgen, dass die Autos weniger Abgase entwickelten, dann würde die Welt weniger stinken und unsere Luft wäre besser. Sie müssten einen Laser bauen, der verhindert, dass die Erde explodiert.                

Am liebsten hätte ich Flügel, dann wären die Strassen nicht so verstopft. Und fliegen wäre einfach wunderbar, man könnte im Himmel herumfliegen und das Leben geniessen. Ich könnte dann ganz einfach in andere Länder fliegen und schauen, wie es da aussieht, ich könnte Japan besuchen und kurz darauf wieder nach Hause kommen, ohne Aufwand, das wäre lustig

Die Rubrik "Arena" ist eine Kooperation mit Pro Familia Schweiz. Infos zum Familien - Portal: www.profamilia.ch

Kidy swissfamily: Juni/2011

Quelle/Text: Barbara Heuberger