Benimmkurse: Guter Stil öffnet Türen
Lydia Thommen bringt Kindern und Jugendlichen das kleine ABC des guten Benehmens bei. In ihren Kursen geht es nicht nur um die feine Etikette, sondern auch um Wertschätzung und gegenseitigen Respekt.
Fauxpas mit Folgen
So ein kleiner Fauxpas kann grosse Folgen haben, gerade wenn es um den Einstieg ins Berufsleben geht. Unter Personalchefs kursiert der Tipp: Gehen Sie mit einem Kandidaten essen, dann wissen Sie, ob und wie er sich zu benehmen weiss. Betriebe wollen Menschen mit guten Umgangsformen, schliesslich repräsentieren sie die Firma. Benimmkurse stehen deshalb hoch im Kurs. Jung-Manager trainieren, sich auf dem glatten Parkett der Etikette zurechtzufinden. Und auch Kinder und Jugendliche üben in Kursen gutes Benehmen. So wie Daniel und Matthias (beide 14), Lukas und Noemi (beide 13) sowie Lea und Florence (beide 9) auf dem Anwesen «Dolce Vita» im Ried zwischen den sanften Hügeln der Basler Landschaft. Die Kursteilnehmer sind gekommen, weil sie fürs spätere Berufsleben lernen oder sich, wie Matthias, peinliche Momente in der Öffentlichkeit ersparen wollen. «Ich möchte wissen, wie ich mich in einem Restaurant benehmen soll.» Marianne Wolfensberger, die Mutter von Lea, hofft, dass es auf die Neunjährige besonders wirkt, wenn eine andere Person als sie selbst das Kind zum «schönen» Essen anleitet. Der spielerische Rahmen des Kurses werde den Mädchen vielleicht gefallen, hofft die Mutter.
Mehr als Fassadenpflege
Trainerin Lydia Thommen will den Kindern und Jugendlichen keine Formalismen beibringen, sondern zeigen, wie gutes Benehmen Ausdruck der gegenseitigen Wertschätzung und des freundlichen Umgangs miteinander sein kann. Damit steht sie im besten Sinne in der Tradition von Adolph Freiherr von Knigge (1752 - 1796), des Mannes also, der als Grossmeister der Anstandslehre gilt. Sein bekanntestes Werk «Über den Umgang mit Menschen» wurde als Lehrfibel für Etikette angesehen. Dabei dürfte dem Aufklärer und politischen Literaten gerade die starre Fassadenpflege zuwider gewesen sein. Er wollte Wege zeigen, wie Menschen ihr Leben gemeinsam angenehmer gestalten können.
Essen mit allen Sinnen
Neben dem Respekt vor dem anderen gehört für die Lydia Thommen auch die Achtung vor dem, was auf den Tisch kommt, zum guten Benehmen. Ein Märchen soll dies verdeutlichen. Judith Gysin-Schaffner vom Tagungshaus «Dolce Vita» liest die Geschichte über die Kinder Eleonora und Fridolin, die beim Essen zunächst nur Masslosigkeit kennen: Sie grapschen zu, um zu verschlingen. Nach und nach lernen die beiden, wie sie mit ein bisschen Zurückhaltung den Gaumen Genuss steigern können. Sie lassen die Sinne mitessen, sie riechen, wie gut der Speck duftet, sie sehen, wie grün die Bohnen leuchten, und erst danach lassen sie sich die Speisen langsam auf der Zunge zergehen. Mit ein wenig Aufmerksamkeit werde fast jedes Essen zum Festmahl, sagt Judith Gysin-Schaffner. Gutes Benehmen dient auch dem eigenen Wohlbefinden, so die Bot-schaft an die Kursteilnehmer.
Ein Trampel
Doch gutes Benehmen ist nicht nur selbstbezogen. Manchmal geht es darum, die Bedürfnisse des anderen zu erkennen und zu achten. Auch das ist Thema im Benimmseminar. Die Kinder und Jugendlichen spielen verschiedene Verhaltensweisen durch. «Wer will das schlechte Beispiel machen?», fragt Lydia Thommen. Die Hände aller Kursteilnehmer fliegen in die Höhe. Und dann spielen sie den Trampel, der mit schmutzigen Schuhen ins frisch gewischte Treppenhaus stapft: Den Rücksichtslosen, der einen Verletzten verspottet, statt ihm Hilfe anzubieten. Den Unhöflichen, der zu spät in den Unterricht kommt, aber kein Wort zur Entschuldigung verliert. Den Nerver, der im vollen Kinosaal lauthals ins Handy und mit seinen Nachbarn plaudert. Nein, mit solchen Menschen wollten sie nichts zu tun haben, da sind sich die Kinder und Jugendlichen einig. «Es ist blöd, wenn man dem anderen nicht vertrauen kann», kommentiert Matthias die Szene, in der ein Verletzter sich selbst überlassen bleibt. Und Noemi, die die Lehrerin des verspätet eintreffenden Schülers spielte, sagt: «Ich bin enttäuscht, dass er nicht kommt und sich entschuldigt.»
Der Ton macht die Musik
Dabei genügen oft schon wenige Worte, um bei anderen um Verständnis zu werben. «Der Ton macht die Musik», betont Lydia Thommen. Sie erinnert an die «Zauberworte», die Türen öffnen: «Danke», «Bitte» und «Entschuldigung». Und wer etwas nicht verstanden hat, frage nicht etwa: «Hä?», sondern «Wie bitte?» Doch nicht nur der Mund, der gesamte Körper spricht. Der erste Eindruck entsteht in den ersten Sekunden einer Begegnung. Hier werden die Weichen auf sympathisch oder unsympathisch gestellt. «Wenn man sich das erste Mal sieht, schaut man zu 70 Prozent auf die Kleidung und zu 20 Prozent auf die Körpersprache.» Ein Jugendlicher, der mit sauberer Hose, glattem Hemd, offenem Blick, freundlichem Lächeln und fester Stimme einem Arbeitgeber gegenübertritt, dürfte schon ganz gute Karten haben. Gesten wie verschränkte Arme dagegen signalisieren Verschlossenheit, mahnt Lydia Thommen. Sie zeigt den Kindern und Jugendlichen eine weitere Abwehrgeste: Sie faltet die Hände wie zum Gebet, dann spreizt sie die Finger zum stacheligen «Gartenzaun». Die Botschaft an das Gegenüber ist klar: Komm mir nur nicht zu nahe. Wie stark ein Mensch durch sein Aussehen wirkt, zeigt eine kleine Übung mit zwei Fotos. Alle Kinder und Jugendlichen erkennen auf den ersten Blick, in welcher Lage sich ein Mann in verschlissenem Mantel befinden dürfte: Er sieht aus, als hätte er kein Dach über dem Kopf. Bei einem kräftigen Mann in Bauarbeiterhose dagegen sind sich alle einig: Dieser lebt aller Voraussicht nach in geordneteren Verhältnissen.
Blazer und Bluse
Kleider machen Leute, das dürfen die Kinder und Jugendlichen selbst ausprobieren. Mit Hüten, Blusen und Blazer verkleiden sie sich zu feinen Damen und Herren. Gemeinsam decken sie den Tisch: Tischtuch, Blumendekor, Federn, Schwimmkerzen in einer Schale mit Wasser, Gläser, Teller, Besteck für drei Gänge und der Brotteller. Immer wieder wandern die Blicke zum Nachbarn. Auf welcher Seite liegt das Messer, auf welcher die Gabel? Und wo kommt das Messer für den Brotteller hin? Das korrekte Tischdecken ist die einzige wirklich harte Nuss für die jungen Teilnehmer im Benimmkurs. Lydia Thommen muss immer wieder korrigierend eingreifen. Dann stellt sie fest: Alle haben die Serviette vergessen. Bevor das Essen aufgetragen wird, wiederholt Lydia Thommen die Grundregeln der Tischmanieren: Besteck, das benutzt wurde, darf das Tischtuch nicht mehr berühren. Messer und Gabel bleiben auf dem Teller, gekreuzt mit Gabelrücken nach oben, wenn der Esser nur eine Pause einlegt, parallel mit Gabelrücken nach unten, wenn der Esser das Mahl beendet hat. Wer einen Gang nicht mag, brüllt nicht: «Wäh, das mag ich nicht!», sondern probiert ein wenig oder wartet, bis der Teller wieder abgeräumt wird. Die Ellenbogen gehören nicht auf den Tisch, nur die Unterarme. Und natürlich wird weder geschmatzt noch geschlürft. «Die meisten Kinder wissen, um was es geht. Es ist nur die Frage, ob sie es umsetzen», sagt Lydia Thommen.
Rot oder Weiss?
«Rot oder Weiss?» Judith Gysin-Schaffner fragt jedes Mädchen und jeden Jungen an der Tafel formvollendet wie ein Kellner, der Wein ausschenkt, nach dem bevorzugten Getränk. Die Kursteilnehmer dürfen wählen zwischen rotem oder weissem Traubensaft. Dann kommt die Vorspeise, Kartoffelsuppe mit Safran. Die Kinder und Jugendlichen sitzen gerade, mit eleganter Drehung führen sie den Löffel mit der Spitze nach vorne zum Mund. Keiner schlürft, keiner lümmelt am Tisch. Noemi rückt den Hut zurecht, lupft das Glas am Stil, so, wie Lydia Thommen es erklärt hat. «Können Sie mir bitte noch ein Glas Rotwein offerieren?», flötet Matthias zur «Kellnerin» Judith Gysin-Schaffner. Beim Hauptgang lernt die Benimmgemeinschaft, dass sie manchmal auch mit den Fingern essen darf. Wenn es mit Messer und Gabel kaum mehr möglich ist, ein Stückchen Fleisch vom Hähnchenschlegel zu lösen, ist es erlaubt, ihn abzunagen. «Aber bitte nicht wie die Kannibalen», mahnt Lydia Thommen. Um die Finger zu säubern, steht eine Schüssel Wasser mit Zitrone bereit. Zwei andere Speisen dürfen nicht geschnitten werden: Salat und Nudeln.
Gar nicht die feine Art
Zum Abschluss des Kurses sagt Lydia Thommen zu den Kindern und Jugendlichen: «Ihr seht jetzt, was die Erwachsenen alles falsch machen.» Und das kann einiges sein: «Oft sind Eltern kein leuchtendes Vorbild.» Sie lesen zum Beispiel während des Essens und bauen dabei eine Wand zu den anderen am Tisch auf. Dabei könne gerade das Fa-milienessen ein Gemeinschaftserlebnis sein, bedauert die Stilberaterin. Manche Eltern haben die Angewohnheit, das gemeinsame Essen durch schwierige Gespräche zu belasten und dadurch den Kindern den Appetit zu verderben. «Der Tisch soll keine Kampfarena sein», mahnt Lydia Thommen. Sie würde sich wünschen, dass Eltern ihren Kindern mit gutem Beispiel vorangehen. Dann müssten sich die Erwachsenen vermutlich auch weniger über rüpelhaftes Benehmen der Kleinen aufregen: «Die Jugend ist doch nur der Spiegel der heutigen Gesellschaft», ist Lydia Thommen überzeugt. In ei-nem ihrer früheren Kurse habe ein Mädchen berichtet, wie der Vater die Kinder immer ermahnte, beim Abräumen des Tischs zu helfen, selbst allerdings nie einen Finger rührte. Auch das ist nicht gerade die feine Art.
Mehrere Institute bieten Kindern und Jugendlichen Kurse für gutes Benehmen an. Eine kleine Auswahl:
Bei der Künzle-Organisation stehen im Benimmkurs für Kinder nicht nur Tischmanieren auf dem Programm. Es geht auch um Möglichkeiten, sich höflich zur Wehr zu setzen, und die Kunst, ein guter Gastgeber sowie Gast zu sein.
Tel.: 079 609 80 33, kuenzle-organisation.ch
An 6- bis 12-Jährige sowie Jugendliche ab 13 Jahren richten sich Benimmkurse der Imageberaterin Lucia Bleuler.
Tel.: 044 910 68 65, lucia-bleuler.ch
Spielerisch vermittelt die Stil- und Imageberaterin Lydia Thommen von Image Points gutes Benehmen.
Tel.: 061 981 61 46, image-points.ch
Verwandte Adressen
- Spielgruppe Rote Zora
- Ecole maternelle La maison des Petits1696 Vuisternens-Ogoz
- Ecole maternelle1678 Siviriez
- Krompholz & Co. AG3001 Bern
- Musikkollegium Romanshorn8590 Romanshorn
3014 Bern
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