Benimm ist in!
Eigennütziges Verhalten und Missachtung der Gefühle anderer prägen auch heute vielerorts den Alltag. Von rüpelhaften Kindern, unsensiblen Jugendlichen und unmotivierten Eltern ist die Rede, obwohl feststeht, dass eine gute Kinderstube nicht unterschätzt werden sollte.
Eine gute Kinderstube ist Gold wert! Denn wer sich anständig und rücksichtsvoll zu benehmen weiss, ist für das Leben besser gerüstet und hat privat und beruflich mehr Chancen. Dabei ist das Erlernen von Anstand und guten Umgangsformen keine hohe Kunst: Einfache Regeln können schon kleine Kinder lernen.
Quelle Bild: Karin Negele
Eltern in der Pflicht
«Im Allgemeinen sind Eltern heute nicht weniger gute Mütter oder Väter als früher», sagt Peter Angst, Familientherapeut und Autor des Buches «Wenn Eltern nicht erziehen, sind Kinder chancenlos» (Zytglogge-Verlag). «Im Therapiealltag erschüttern mich immer wieder Begegnungen mit jungen Menschen, die jahrelang keine oder eine mangelhafte Erziehung mitbekommen haben und so später im Leben nur geringe Chancen erhalten. Eine schlimme Sache, denn: Verpasste Erziehung kann man nicht einfach nachholen.» In früheren Zeiten hat man Kindern gutes Benehmen regelrecht andressiert. Heute sind sich die Experten einig: Gute Manieren lassen sich nicht erzwingen. Wichtig ist vor allem, bereits kleinen Kindern den Sinn von Regeln deutlich zu machen. Grundsätzlich muss klar werden, dass es darum geht, andere Menschen und deren Gefühle zu achten. Eltern sollten ihren Kindern erklären: «Wenn wir nur an uns denken und es uns egal ist, wie der andere sich fühlt, gibt es Unzufriedenheit, Missverständnisse und Streit. Das tut niemandem gut. Daher gibt es Regeln für das Zusammenleben, und es ist wichtig, diese zu kennen und einzuhalten.»
«Die Angst der Eltern, in der Erziehung etwas falsch zu machen, ist gross», stellt Peter Angst fest. «Bedrohlich finde ich, wie viele Eltern ihre Autorität verlieren und Angst vor dem eigenen Nachwuchs haben. Folglich können sie gar nicht mehr das fordern, was sie möchten und was eigentlich richtig wäre. Kein Wunder, dass ihre grenzüberschreitenden Kinder zuerst in den Familien und später auch anderswo Grenzen und Regeln nicht oder wenig beachten.» Der beherzte Kämpfer gegen den schweizerischen Erziehungsnotstand wünscht sich deshalb: «Eltern und Kinder müssen einander wieder trauen und vertrauen können. Diese fundamentale Lebenserfahrung in der Familie ist entscheidend für alle weiteren Beziehungen im Leben.»
Erzogene Kinder fallen nicht vom Himmel!
Zwar gibt es unzählige Erziehungsratgeber auf dem Markt. Trotzdem fällt es Eltern oftmals schwer, ihrer Familie einen verbindlichen Rahmen zu geben. Warum? Die Bedeutung von Familie und Elternschaft hat sich verändert», beobachtet Peter Angst. Hohe Scheidungsraten, brüchige traditionelle und religiöse Werte, fehlende Perspektiven, aber auch die Errungenschaften des modernen Lebens wie Mobilität und Wohlstand weichen die familiären Strukturen zunehmend auf. Das langfristige Projekt Familie wird oft ersetzt mit kurzfristigen Spass- und Wohlfühlbeziehungen. Dabei steht die sofortige Befriedigung der eigenen Bedürfnisse im Vordergrund - keine solide Basis für die Kinder als Vorbereitung auf Schule und Leben.
Verbindliche Regeln vorgeben
Was sollen Eltern also konkret tun, wenn der Nachwuchs «ungehobelt» ist? Oder noch besser: Was können sie vorbeugend unternehmen, damit es gar nicht so weit kommt? Peter Angst setzt in der Erziehung einerseits auf Zuwendung, andererseits auf klare Forderungen und Regeln. «Natürlich braucht es viel, viel Liebe, Zeit und Verständnis in einer gesunden Familie. Aber genauso braucht es auch genügend Biss und Konsequenz, verbindliche Regeln für den Umgang miteinander aufzustellen. Dabei gilt: Wiederholte Verstösse dagegen dürfen nicht folgenlos bleiben. Es geht um sofortige, einsehbare Konsequenzen. Erziehung ist mehr als Kuscheln. Es braucht auch Konfrontation und Widerstand!»
Auch Annette Cina Jossen, tätig am Institut für Familienforschung an der Uni Fribourg, hält fest: «Heute wird der autoritative Erziehungsstil (siehe Kasten) von den meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als der für die Entwicklung und Entfaltung von Kindern förderlichste Erziehungsstil angesehen.» Dem Kind soll also eine hohe Wertschätzung entgegengebracht werden. Gleichzeitig müssen die Eltern auf klare und faire Regeln und nötigenfalls Konsequenzen achten. «Allerdings: Zur normalen Entwicklung gehört eine Portion Aufmüpfigkeit genauso wie Aggressionen, die ausgetobt werden müssen», betont Peter Angst. Wichtig sei, dass Eltern verlässlich und präsent sind. Dass sie das empathische Empfinden stärken, Normen, Verhaltensregeln und Gewohnheiten durchsetzen- und an den Schul- und Freizeitaktivitäten der Kinder Anteil nehmen. Das alles sei zwar noch keine Garantie für eine erfolgreiche Erziehung, erleichtere aber das Zusammenleben. Die Schriftstellerin Pearl S. Buck bringt es so auf den Punkt: «Wenn Sie Ihren Kindern unbedingt etwas geben wollen, dann geben Sie ihnen ein gutes Beispiel.»
Benimmtipps von Peter -Isler, Leiter der «Schule für Stil und moderne Umgangsformen», Basel. Diese Grundregeln sollte ein Kind beherrschen: Grüssen, Begrüssen
- Als Kind grüsst du Erwachsene zuerst.
- Blicke deinem Gegenüber beim Grüssen in die Augen.
- Erwidere jeden Gruss.
- Beim Gähnen oder Husten hältst du dir immer die linke Hand vor den Mund.
- Aufstossen (Rülpsen) nach dem Essen ist abstossend; das findet niemand toll.
- Falle niemandem ins Wort. Lass dein Gegenüber ausreden.
- Sprich laut und deutlich!
- Ein guter Gesprächspartner ist auch ein guter Zuhörer. Damit signalisierst du Respekt und Anstand.
- Wenn zu Hause das Telefon klingelt, melde dich mit Vor- und Nachname. Ein Hallo genügt nicht!
- Vor dem Essen wäschst du dir die Hände (immer mit Seife).
- Schöpf immer nur so viel, wie du auch essen magst.
- Beginne erst mit dem Essen, wenn alle am Tisch sitzen, geschöpft haben oder im Restaurant ihr Essen bekommen haben.
- Halte Messer und Löffel mit der rechten, die Gabel mit der linken Hand. Brauchst du für das Essen nur die Gabel, so kommt sie in die rechte Hand.
- Vermeide Schlürfen und Schmatzen.
- Wenn du während des Essens auf die Toilette musst, so lege die Serviette links neben deinen Teller; nicht auf den Stuhl!
- Achte stets darauf, dass du die Dinge, die nach dir noch andere Menschen benutzen, sauber hinterlässt.
- Auch die Jungen pinkeln im Sitzen!
- Zeige nicht mit Fingern auf andere Menschen.
- Drängle dich nicht vor.
- Mache Platz für ältere, schwache und kranke Menschen!
- Hänsle niemanden wegen seines Aussehens, seiner Nationalität, seiner Kenntnisse und Fähigkeiten.
- Bedenken Sie als Vater und Mutter: Bitte und danke zu sagen lernt ihr Kind, indem auch Sie diese Höflichkeit im täglichen Umgang praktizieren.
Benimmkurse
Quelle/Text: Christina Bösinger
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