Medienkompetenz - So nutzen Ihre Kinder die Medien sinnvoll

Fernsehen, Handy, Spielkonsole, Computer, Zeitung, Radio: kein Haushalt ohne moderne Medien, ganz besonders wenn Kinder darin leben. Aber nutzen wir Medien immer sinnvoll? Kidy swissfamily sprach darüber mit Prof. Dr. Thomas Merz, Medienpädagoge an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
Medien sollten nicht Ersatz für eigene Erfahrungen werden, sondern eine Ergänzung.
Nie zuvor haben Kinder so viel Zeit vor Bildschirmen verbracht wie heute. Ob Computer, Fernsehen, Internet oder Handy - Kinder sind in der Welt der Medien zu Hause und kennen sich damit oft bestens aus. Die Möglichkeiten sind beinahe grenzenlos: mit dem Handy rund um die Uhr erreichbar sein, das Internet für Schule und Hobbys nutzen, Freundschaften rund um die Welt pflegen, digitale Musik herunterladen, selbstgemachte Filme einem grossen Publikum zeigen. Allerdings: Wer Medien bedienen kann und technisch versiert ist, kann sie noch lange nicht sinnvoll nutzen. Was also braucht es, damit sich Kinder in der Mediengesellschaft zurecht finden?
 
Erster Ansatzpunkt: Das Kind und seine gesunde Entwicklung fördern!
«Von zentraler Bedeutung ist grundsätzlich, Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung zu fördern», betont Medienpädagoge Thomas Merz. «Wer sich an sich und seinem Leben freut, wer mit den Anforderungen an sich umgehen kann, wer weiss was er will und wer leicht Kontakt zu anderen Kindern findet, konsumiert Medien anders (und in der Regel auch weniger häufig). Medien sind für ihn dann Ergänzung und Bereicherung und nicht Ersatz für das reale Leben. Dieser Unterschied ist ganz entscheidend. Wichtig ist nicht, dass wir Fernsehen, Video oder PC verbieten, sondern, dass Kinder neben dem Medienkonsum eine Vielfalt an Alternativen haben!» Dazu gehört gemäss Merz die kreative Nutzung der Freizeit von Sport über Musik oder Tanz bis zu Spielen und Handarbeiten oder ganz grundsätzlich Kontakte mit Gleichaltrigen. Für Eltern kann dies bedeuten, schon früh bei Kindern ihre sozialen Fähigkeiten zu fördern. Dazu gehört vor allem, Beziehungen aufbauen und pflegen zu lernen, Konflikte austragen, erzählen, zuhören und sich für andere Menschen zu interessieren usw. Sehr bedeutend ist schliesslich auch mit Enttäuschungen oder Langeweile umgehen zu lernen, ohne sich einfach durch Medien abzulenken.
 
Zweiter Ansatzpunkt: Vom passiven zum aktiven Umgang mit Medien
Kinder sollen und müssen bei der Nutzung von neuen elektronischen Medien begleitet werden. Sonst können sie auf der Datenautobahn so schnell unter die Räder kommen wie auf der Strasse. Kinder lernen durch Hinschauen und Nachahmen, Versuchen und sich Irren - anfangs von ihren Eltern. Später von Spiel- und Klassenkameraden, Lehrpersonen, Vorbildern. Deshalb sollten zuerst die Eltern darauf achten, wie sie selbst die Medien nutzen: Läuft bei Ihnen das Fernsehgerät stundenlang? Surfen Sie häufig planlos im Internet? Übersteigt Ihre Telefonrechnung vernünftige Beträge? Finden Sie Ihr eigenes Leben spannender als Fernsehserien? Konsumieren Sie gezielt und kritisch? Überdenken Sie Ihre eigene Mediennutzung! Ein aktiver, kreativer und bewusster Umgang mit Medien der Eltern fördert dies auch bei den Kindern. Lernen Sie - gemeinsam mit Ihren Kindern - das richtige Medium gezielt auszuwählen. Sprechen Sie mit ihnen über TV-Sendungen, Computer- oder Playstationspiele! Spielen Sie auch einmal mit. Lassen Sie sich von Ihren Kindern ins Chatten einführen oder tauschen Sie spannende Internetseiten aus. So können Sie anders mitreden und mitdenken, als wenn Sie die Faszination der Kinder nicht miterleben. Auch der spielerische Umgang mit Fotos, Ton- oder Videoaufnahmen kann Eltern wie Kindern Spass machen.

Besprechen Sie aber auch eiserne Regeln bezüglich Handy- und Internetnutzung: z.B. keinerlei persönliche Angaben an Unbekannte mitteilen und keine Treffen, ohne dass Sie es wissen, keine Bestellungen und kein Herunterladen von Programmen ohne Ihr Einverständnis, keine E-Mail-Anhänge öffnen von Fremden, nicht auf jeden Link klicken, kein Internet ohne Virenschutzprogramm und allgemein: Fragen, wenn einem etwas seltsam vorkommt!
 
Dritter Ansatzpunkt: Medien kritisch und kompetent nutzen lernen
Jedes Medium hat seine Vorteile - ein Buch genauso wie ein Film, ein SMS per Handy ebenso wie ein persönliches Gespräch, spielen am PC genauso wie «Eile mit Weile» wichtig dabei ist, das Medium gezielt zu nutzen. Dabei helfen folgende Hinweise von Thomas Merz:
  • Bewusste Planung des Medienkonsums, z.B. mit Programmzeitschrift
  • Qualitative und quantitative Grenzen
  • Medien oder Medienbeiträge im Hinblick auf das eigene Ziel auswählen
  • Sich über den Hintergrund von Medien informieren (z.B. Zwang der elektronischen Medien, Emotionen anzusprechen)
  • Mit Kindern zusammen Medienbeiträge konsumieren und besprechen (Ist dieses Verhalten sinnvoll? Würden wir uns ähnlich verhalten? Was gäbe es sonst für Möglichkeiten? Hast du schon einmal etwas Ähnliches erlebt? Oder bei Informationsbeiträgen: Welche Frage hätte ich zu diesem Thema noch gestellt? Welche wurde nicht beantwortet? usw.)
  • Darüber sprechen, wo Medien keine Realität zeigen (Darstellung von Gewalt, erfundene Dialoge in Talkshows usw.)
  • Möglichkeiten von Video, bzw. DVD-Rekorder nutzen (gezielt
    Filme und Sendungen anschauen, sie unterbrechen, einzelne Sequenzen noch einmal anschauen oder auch auf später verschieben)
  • Medien kreativ gestalten (Powerpoint-Präsentation der Ferien attraktiv gestalten, Familienvideos schneiden und vertonen usw.)

Faustregeln für den Medien-Konsum
  1. Spannende Alternativen zum Medienkonsum suchen und gezielt fördern, regelmässig medienfreie Tage einschalten 
  2. Unterscheiden zwischen kurz- und langfristigem Nutzen (Medienkonsum ist oft kurzfristig angenehm, führt aber zu keinem langfristigen Ziel - umgekehrt setzen viele langfristige Ziele Konsequenz, Engagement und Geduld voraus) 
  3. Feste Regeln für TV-Konsum/Computerspiele vereinbaren 
  4. Altersgerechte Filme/Spiele auswählen
  5. Keine Computer und Fernseher im Kinderzimmer 
  6. Medien kreativ nutzen, Film und Fotos gestalten, gemeinsam spielen/gamen usw.
Als Faustregeln für den täglichen Medienkonsum können die folgenden Angaben dienen. Die Zahlen beziehen sich auf den reinen Konsum von Bildschirmmedien, also nicht auf kreative Betätigungen. Auf allen Altersstufen sind auch medienfreie Tage wichtig.
 
bis ca. 4 Jahre:
Möglichst lange gar kein TV oder nur in höchst unbedeutender Dauer: Hier sind direkte Erfahrungen, insbesondere auch im spielerischen Entdecken der Welt, von zentraler Bedeutung. Eine Ausnahme können selbstgedrehte Familienvideos sein.
 
Kindergartenalter:
Höchstens eine halbe Stunde täglich und am Anfang unbedingt mit den Eltern zusammen.
 
bis ca. 9 Jahre:
max. 1 Stunde altersgerechte Angebote.
 
bis ca. 12 Jahre:
max. 1 1/2 Stunden, in der Sekundarstufe bis zu 2 Stunden. Wichtig ist auch in dieser Stufe, dass Eltern sich für den Konsum der Kinder interessieren, mit ihnen über Auswahl und Inhalte sprechen.


6 Tipps von Thomas Merz:
  1. Unterscheiden zwischen kurz- und langfristigem Nutzen (Medienkonsum ist oft kurzfristig angenehm, führt aber zu keinem langfristigen Ziel - umgekehrt setzen viele langfristige Ziele Konsequenz, Engagement und Geduld voraus)
  2. Feste Regeln für TV-Konsum/Computerspiele vereinbaren
  3. Altersgerechte Filme/Spiele auswählen
  4. Keine Computer und Fernseher im Kinderzimmer
  5. Medien kreativ nutzen, Film und Fotos gestalten, gemeinsam spielen/gamen usw.
  6. Spannende Alternativen zum Medienkonsum suchen und gezielt fördern, regelmässig medienfreie Tage einschalten


Quelle/Text: Christina Bösiger


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