Ferienzeit - Lizenz zur Langeweile?!

Bald beginnen die grossen Ferien. Doch wie umgehen mit der vielen Zeit? Früher waren wir als Kinder gezwungen, selbst aktiv zu werden. Heute gibt es Eltern, die mit gut gemeinten Absichten die Ferienzeit ihres Nachwuchses verplanen.
Dr. Leo Gehrig arbeitet als Psychologe in Neftenbach (ZH). (Bild: zvg)
Vor fünfzig Jahren gab es für uns Kinder und Jugendliche auf dem Lande während der langen Sommerferien keine Erlebnis- und Aktivitätsangebote. Familienferien im In- oder Ausland konnten sich nur wenige leisten. Trotzdem war uns mehr oder weniger klar, wie die langen Sommerferien ungefähr verlaufen würden. Die Bauernkinder hatten in Stall und Hof mitzuarbeiten, die Kinder der Arbeiter halfen im Garten mit, pflückten Beeren im Wald oder suchten nach Holz für den Winter. Manche von ihnen mussten gar mit einer -auswärtigen Arbeit zum Einkommen der Familien beitragen.Wenn es die finanziellen Mittel -erlaubten, gab es zur Belohnung mit den Eltern zusammen vielleicht einmal -einen Tagesausflug, eine Schifffahrt auf dem Bodensee oder eine Wallfahrt ins Kloster Einsiedeln. In der wirklich freien Zeit waren wir Kinder und Jugendlichen gezwungen, selbst aktiv zu werden. Wir gingen in den Wald, bauten Hütten, machten Velotouren, lasen Bücher, spielten Fussball und organisierten selbständig für den Sonntagnachmittag ein Turnier auf einer frisch gemähten Wiese. Diese Selbsttätigkeit hat ohne Zweifel unser Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl gestärkt und uns gelehrt, wie man Gefühle der Langeweile und der Leere konstruktiv und kreativ besei-tigen kann.

Heute gibt es viele Eltern, die mit gut gemeinten Absichten die Ferienzeit ihrer Kinder zu sehr verplanen. Sie schicken ihre Sprösslinge in Tenniskurse, Musiklager, Sprachkurse, halten sie an, Bücher zu lesen, den Schulstoff zu repetieren, gehen mit ihnen auswärts essen. Diese Eltern ertragen es nicht, wenn ihre Kinder auch einmal nichts tun, faul herumliegen, vor sich hin träumen, sich langweilen. Doch Langeweile, die mit Gefühlen der Lustlosigkeit, der Leere, einem diffusen Unbehagen, einem ausgedehnten Zeitempfinden, bisweilen sogar einem Gefühl der Sinnlosigkeit einhergeht, gehört zum Leben. Wer solche Zustände um jeden Preis vermeiden will, beraubt sich auch der Erfahrung der Kurzweil, des inneren Erfülltseins, der Zufriedenheit, des Nachdenkens über die Lebensgestaltung. Bei Jugendlichen, die in ihrer Kindheit von ihren Eltern mit zu vielen Aktivitäten ausstaffiert worden sind, lässt sich häufig beobachten, dass sie Mühe bekunden, aus sich heraus tätig zu werden. Sie wirken übersättigt, kaum etwas scheint ihnen noch Freude zubereiten - sie fühlen sich, was ihre Eltern um jeden Preis vermeiden wollten, rasch gelangtweilt.

Natürlich gibt es auch jene Kinder und Jugendlichen, die zu sehr sich selbst überlassen und von ihren Eltern und andern Bezugspersonen zu wenig angeregt und aufgemuntert werden. Diese flüchten sich dann gerne in Aktivitäten, die rasche Ablenkung versprechen. Sie chatten stundenlang im Internet, hängen ständig am Handy oder spielen bis tief in die Nacht Games auf einer Spielkonsole. Fast alles ist in der Lebensgestaltung erlaubt, wenn man auch das Gegenteil pflegt. Ausgiebig geniessen darf und soll, wer auch verzichten kann; sich austoben darf und soll, wer auch still sein und sich alleine beschäftigen kann; aus dem Augenblick heraus handeln darf und soll, wer auch reflektiert an eine Aufgabe herangehen kann. Wir brauchen uns um Kinder und Jugendliche nicht wirklich Sorgen zu machen, wenn sie hin und wieder herumhängen, sofern sie sich auch überwinden können; wenn sie träumen, nichts tun, aber auch zielgerichtet arbeiten können; wenn sie sich langweilen, aber auch Wege finden, um diese Stimmungslage zu beseitigen. Wenn sie aber zu sehr in die eine oder andere Richtung ab-driften, dann allerdings brauchen sie die Unterstützung und Anleitung von uns Erwachsenen für eine rhythmisch ausgewogenere Gestaltung ihres Lebens, die eine Voraussetzung ist für ein sinnerfülltes Dasein. Nur: Wie sollen die Kinder und Jugendlichen dieses so wichtige Lebensprinzip lernen und üben, wenn so viele ihrer erwachsenen Bezugspersonen -selber Getriebene sind? Es ist die Stille in uns selbst, deren wir Erwachsenen in den Ferien innewerden sollen. Nicht nur wir, auch unsere Kinder werden davon profitieren.

Quelle/Text: Dr. Leo Gehrig arbeitet als Psychologe in Neftenbach (ZH). Quelle: Diese Kolumne ist erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 20. Juli 2010 und wird hier publiziert mit freundlicher Genehmigung der "Neuen Zürcher Zeitung".


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