Neues Unterrichtsfach: Glück
Der Direktor einer Heidelberger Schule hat ein neues Fach eingeführt. Neben Mathematik und Englisch wird jetzt auch Glück gelehrt.
Schulleiter Ernst Fritz-Schubert: "Die Schüler sollen lernen, was ihnen guttut." (Bild: Kathrin Harms)
Theoretisch ja. Aber die Schüler machen mit so viel Begeisterung mit, dass die Noten meistens gut sind.
Sind Schüler unglücklicher als früher?
Oder wieso ist Unterricht in Glück nötig? Das Gegenteil von Glück sind Angst und Depression. Diese nehmen in der Gesellschaft zu, das zeigen viele Studien. Der Erwartungsdruck ist gewachsen.
Was hat die Menschen früher glücklich gemacht?
Einfache Dinge. Beispielsweise sich im Heu zu wälzen, sich den schönsten Apfel zu pflücken oder mit den Freunden Fussball zu spielen. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, man muss sagen: Schein-Möglichkeiten. Man kann via Facebook hunderte Freunde haben und trotzdem einsam sein.
Woraus besteht Glück denn ganz genau?
Drei Komponenten sind grundlegend: ein Gefühl von Freiheit, Sicherheit ? auch existenzielle Sicherheit ? und die Sinnfrage.
Haben Sie einen Tipp, wie man diesen Sinn in seinem Leben schaffen kann?
Man muss sich wirksam fühlen, gedanklich oder körperlich oder beides. Ausserdem gehört dazu die Fähigkeit, in eine Handlung ganz einzutauchen, in ihr aufzugehen. Drittens dürfen wir Krisen nicht als Katastrophen begreifen, sondern müssen sie als Herausforderung wahr nehmen. Das alles ist eigentlich gar nicht so schwer.
Kann man Glück also lernen?
Man kann Einstellungen und Haltungen lernen, wie man Situationen bewertet und damit umgeht. Ich kann beispielsweise abends den Tag abschliessen, indem ich über meine Misserfolge grüble. Ich kann aber auch überlegen, was gut gelaufen ist oder was ich noch besser machen kann, also den Blick auf die Lösung richten.
Kann jeder Mensch glücklich sein?
Natürlich haben es manche leichter, weil sie mit einem sonnigeren Gemüt geboren sind. Wer schlechtere Voraussetzungen hat, muss vielleicht etwas mehr an sich arbeiten.
Wie vermitteln Sie Ihren Schülern die Kompetenz zum Glück?
Es geht darum, prägende Erlebnisse zu schaffen und Erfahrungen mit positiven Emotionen zu verknüpfen. Zum Beispiel die Erfahrung, einem Menschen zu begegnen. Wer aufrecht geht und lächelt, bekommt in der Regel ein Lächeln zurück. Das setzt positive Emotionen frei. Solche auf der Bewegungs- und Theaterpädagogik beruhende Dinge probieren wir im Unterricht aus. Schüler entdecken ihre Stärken also in praktischen Übungen und durch Rückmeldung der Mitschüler. Solche Übungen steigern auch das Selbstbewusstsein. Es fühlt sich einfach besser an, aufrecht zu gehen, als den Kopf hängen zu lassen. Probieren Sie es aus, es ist ganz einfach. "Wie man geht, so geht es einem."
Kann man denn jedes Erlebnis positiv bewerten, auch einen Misserfolg?
Wenn man sich die Frage stellt, was das Gute daran ist und wie man es zukünftig besser machen kann ? dann schon.
Was kann denn gut an einem Misserfolg sein?
Er könnte die Motivation steigern, sich noch mehr anzustrengen. Oder ein Anlass sein, das Ziel zu korrigieren. Vielleicht ist es zu hoch gesteckt. Oder eine Chance, nach anderen Stärken zu suchen.
Wieso sind Gefühle in Ihrem Unterricht so wichtig?
Das gesprochene Wort hat nicht einmal zehn Prozent Nachhaltigkeit. Lernen läuft am wenigsten über das Bewusstsein ab, sondern insbesondere über Emotionen und körperliche Eindrücke. Deshalb fragen wir nach jeder Übung: Wie hast du gedacht, wie hast du dich gefühlt und wie ist es für deinen Alltag tauglich? Das ist eine Form des impliziten Lernens.
Wenn das gesprochene Wort allein so wenig Bedeutung hat, wieso nimmt es dann im Schulunterricht so einen beherrschenden Raum ein?
Das ist auch meine Kritik. Schule muss verstärkt darauf achten, dass sie nicht zu kopflastig wird, sondern Bauch und Herz berücksichtigt. Wir müssen die Lernziele mit Erfahrungen verknüpfen. Ein Beispiel: Wenn es darum geht, Minderheiten zu verstehen, bildet man eine Gruppe von Schülern, die alle im gleichen Tempo vorauslaufen. Ein einzelner Schüler bekommt die Aufgabe langsam hinterherzulaufen. Er wird das Alleinsein spüren: Diese Erfahrung bleibt hängen, ohne viele Worte.
Die Schüler haben ein Jahr lang Glücksunterricht. Genügt das für nachhaltiges Lebensglück?
Die Schüler lernen, dass positive Gefühle bei der Zielfindung benötigt werden und wie sie diese schaffen können. Sie lernen, was ihnen guttut. Das ist nachhaltig.
Ein Baustein Ihres Unterrichts heisst "Freude an der Leistung".
Ja, Leistung macht dann glücklich, wenn sie nicht auf fremder Erwartung basiert, sondern ein selbst gewähltes Ziel erreicht. Lust an der Leistung bedeutet, seinen Erfolg zu messen und sich darüber zu freuen. Das Erreichen eines selbst gewählten Ziels macht viel mehr Freude, als das Erreichen eines vorgegebenen.
Wird im Glücksunterricht viel gelacht?
Schon, die Erkenntnisse sind ja auch mit Freude verbunden. Freude ist der tägliche Abglanz des Glücks.
Und auch mal geweint?
Auch das kommt vor. Wir hätten die Freude nicht, wenn wir nicht auch die Trauer hätten.
Wie haben Ihre Kollegen eigentlich reagiert, als Sie vorschlugen, Glück als Schulfach einzuführen?
Die meisten haben es gutgeheissen. Obwohl die Deutschen generell ein skeptisches Verhältnis zum Glück haben.
Wieso?
Wir sind von der Religion her geprägt, das Glück zu "erwarten". Manche warten auf die Ewigkeit. Dabei lohnt es sich, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.
Quelle/Text: Interview: Eva Wolfangel, Bilfinger Berger Magazin 1/2011
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