Arenadiskussion: Integrative Schulung - ein Schreckgespenst?
Schulreformen verunsichern Lehrpersonen wie Eltern. Das Projekt Integrative Schulung will Kinder mit besonderen Bedürfnissen, Lernschwächen und Behinderungen in die Regelschule eingliedern. Arena hat Fachleute zu den Möglichkeiten und Grenzen dieser schulischen Integration befragt.
Seit 2004 ist auf Bundesebene das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) in Kraft. Es soll Benachteiligungen verhindern, verringern oder beseitigen, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind. Bestrebungen, die weltweit im Gange sind und von der UNO-Behinderten-Konvention ausgehen. Für den Schulbereich schreibt das BehiG fest, dass «die Kantone, soweit dies möglich ist und dem Wohl des behinderten Kindes oder Jugendlichen dient, mit entsprechenden Schulungsformen die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in die Regelschule» fördern müssen. Das bedeutet aber nicht, dass Klein- oder Sonderklassen automatisch abgeschafft werden. «Integriert wird dort, wo es dem Wohl des Kindes dient und im Rahmen einer bestehenden Schulorganisation sinnvoll geleistet werden kann», präzisiert Susanne Hardmeier vom Generalsekreta- riat der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Viele Eltern befürchten, das Projekt Integrative Schulung wirke sich negativ auf die Qualität der Schule aus. Und ein grosser Teil der Lehrkräfte, denen man neben ihren bereits ansehnlichen Lehrpensen und Klassengrössen auch noch diese anspruchsvolle Aufgabe aufgebürdet hat, fühlt sich allein gelassen. Einige Politiker sehen das Projekt gar zum Scheitern verurteilt. Doch: Erstens wird es weiterhin einige Sonderschulen geben, denn nicht jedes Kind mit Behinderung eignet sich für die integrative Schulung. Zweitens widerlegen interna-tionale Studien klar, dass das schulische Niveau in integrativen Schulen sinke. Drittens erhalten die Lehrkräfte der Regelklassen im Rahmen des Projekts tatkräftigen Support von heilpädagogisch ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern.
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Katrin Meier, Präsidentin VPOD-Lehrberufe |
Die integrative Schule ist eine grosse Chance
Es braucht eine familienfreundliche Zukunft Ich unterrichte in der Stadt Zürich an einer altersdurchmischten Mittelstufe. Die Integration aller Kinder ist in Mehrjahrgangsklassen sicher einfacher als in Jahrgangsklassen, denn in Mehrjahrgangsklassen ist die Heterogenität offensichtlich und diese gilt es, als Chance zu nutzen. Der VPOD setzt sich schon lange für eine Schule ein, in der alle Kinder unabhängig von Voraussetzung und Herkunft und nach ihren Möglichkeiten gefördert werden. Die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in die Regelschule ist eine grosse Herausforderung, gleichzeitig eine grosse Chance für alle Beteiligten. Aber wir sind nicht blauäugig. Die derzeitige Praxis zeigt, dass sich viele Lehrerinnen und Lehrer allein gelassen und mit den neuen Aufgaben zum Teil überfordert fühlen. Die Schwierigkeiten sind vielfältig. Echte Integration in der obligatorischen Schule ist nur möglich, wenn es - wie beispielsweise in Finnland - keine Selektion gibt. Die heutige Praxis der Unterteilung in verschiedene Leistungsniveaus auf der Sekundarstufe muss deshalb aufgehoben werden.
Wird Integration wirklich ernst genommen, handelt es sich um einen grundsätzlichen Schulentwicklungsprozess, mit dem die obligatorische Schule umgebaut und der Beruf der Lehrerin, des Lehrers grundlegend verändert wird. Es braucht neue pädagogische Konzepte, Unterstützungsmassnahmen für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen, kleinere Klassen, individualisierende Lehrmittel und sinnvolle Rahmenbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer. Das heisst, alle Lehrpersonen müssen gut aus- und weitergebildet werden. Es müssen ihnen aber auch mehr Vorbereitungszeit und vor allem mehr Lektionen, in denen im Team- teaching unterrichtet werden kann, ermöglicht werden. Dafür müssen die Kantone und Gemeinden die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen bereitstellen. Nur dann kann die Integration aller zu einer der wichtigsten Reformen der Schule überhaupt werden.
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Die Diskussion um die Integration von Kindern mit Behinderungen geht zurück auf ein «Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen», das 2006 von der UNO-Generalversammlung in New York verabschiedet und 2008 in Kraft getreten ist. Und bislang sind 97 Staaten der Konvention beigetreten, die Konsequenzen für das Bildungswesen hat. Die bisherige Politik der Sonderverschulung ist damit auf den Prüfstand gestellt. Es gibt aus dem Ausland positive Beispiele für eine integrative Verschulung. Die weitestgehenden Regelungen im deutschen Sprachraum liegen für das Bundesland Bremen vor, hier gibt es auch die positivsten Erfahrungen.
Von einem «Projekt» in der Schweiz kann so noch keine Rede sein, wenngleich verschiedene Kantone Anstrengungen in Richtung integrative Schule unternommen haben. Grundsätzlich ist ein solches Projekt möglich, Auslagerungen von Schülerinnen und Schülern sind nicht zwingend notwendig. Es kommt sehr auf die Art der Behinderung an, heilpädagogische Massnahmen sind auch innerhalb einer normalen Schule möglich, wie sich etwa an skandinavischen Gesamtschulen zeigen lässt. Schwierigkeiten ergeben sich vor allem dann, wenn nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen und wenn sich keine professionelle Kooperation zwischen den Lehrkräften und den Heilpädagoginnen und Heilpädagogen ergibt. Von dieser Kooperation hängt das Gelingen vor allem ab. Nicht unterschätzt werden sollten auch bauliche Massnahmen, etwa für die Integration von rollstuhlfahrenden Kindern und Jugendlichen.
Die Akzeptanz des Projekts «integrative Schule» bei den Eltern von behinderten Kindern und Jugendlichen ist gross. Das gilt auch für die Kinder und Jugendlichen selbst, die sich nicht länger ausgeschlossen fühlen müssen. Bestimmte Behinderungen verlangen besondere Anstrengungen ausserhalb des normalen Unterrichts. In Bremen kann man in Augenschein nehmen, wie eine weitgehende Integration realisiert werden kann. Hier kann man auch abschätzen, wie hoch der Aufwand ist und wo die Grenzen liegen.
Prof. Dr. Peter Lienhard, Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, Zürich |
Eine Schule, die differenzierte Lernangebote macht und mehr Personal einsetzen kann, ist eine bessere Schule. Sie kommt sowohl besonders begabten als auch lernschwachen oder von einer Behinderung betroffenen Kindern und Jugendlichen entgegen. In Neuseeland ist diese Art von Schule Realität. Es gibt dort nur wenige Sonderschulen. Auch Kinder mit Beeinträchtigungen werden in der Volksschule an ihrem Wohnort gefördert. Je nach Klassenzusammensetzung wird neben der Klassenlehrperson eine zweite Lehrperson, eine Fachperson in Schulischer Heilpädagogik oder eine Assistenzperson eingesetzt. Kompetente Fachstellen unterstützen die Schulen, wenn es um behinderungsspezifische Fragen geht.
Ganz klar: Eine gut unterstützte integrative Regelschule und ein breit ausgebautes Sonderschulsystem sind parallel nicht finanzierbar. Es geht nicht ohne die Umlagerung eines Teils der Ressourcen aus dem Sonderschul- in den Regelschulbereich. Eine solche Entwicklung ist herausfordernd und braucht Zeit. Ohne einen klaren politischen und gesellschaftlichen Willen geht es nicht. Beides spüre ich derzeit kaum. Deshalb erwarte ich mittelfristig eher eine Politik der kleinen Schritte hin zu einer «etwas integrativeren» Schule. In Sorge bin ich um diejenigen Schulen, die trotz allem mit Engagement und Kreativität eine beeindruckende Integrationsfähigkeit erreicht haben. Sie haben diesen Gegenwind nicht verdient. Ihnen gebührt Anerkennung und Respekt.
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Ich bin ursprünglich Primarlehrer, zusätzlich habe ich eine Sonderschullehrerausbildung absolviert. Anfang der 80er Jahre war ich Sonderschullehrer. Zu dieser Zeit kam der Begriff Integration auf. Ich unterrichtete ein paar Jahre und ging in der Folge zurück an die Uni. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass Kinder mit Behinderungen in die Regelschule integriert werden können. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Heute weiss ich, dass die integrative Schule gelingt, wenn man das will. Zwar sind die politischen Entscheidungen für eine integrative Schule gefallen, leider wird das Projekt aber in der Umsetzung immer wieder boykottiert. Wenn man sich fragt, ob integrative Schulung erfolgreich sein kann, muss man auch die Frage beantworten, ob die separative Schule dies war. Diese Frage will jedoch niemand beantworten. Was will die integrative Schule? Sie ist eine pädagogische Massnahme, um den betroffenen Kindern die bessere Teilnahme an unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Durch den sozialen Austausch will man mehr Anreize für die Entwicklung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen schaffen.
Im Jahre 2009 wurden 44 000 Kinder in Kleinklassen und Sonderschulen ausgesondert, das sind 5,6 Prozent. Mehr als die Hälfte davon, also etwa 26000 Kinder haben leichtere Behinderungen wie zum Beispiel Lernbehinderungen. Letztlich handelt es sich aber um eine kleine Zahl von Kindern, deren Integration sehr schwer zu realisieren ist. Diese werden jedoch als Argument angeführt, um die Separation zahlreicher anderer Kinder zu begründen.
Internationale Untersuchungen liefern keine Anhaltspunkte, wonach die guten Schüler in einer integrativen Schule gebremst werden. Beide, Regelschüler wie Sonderschüler, lernen in einer integrativen Klasse den respektvollen, fairen Umgang miteinander. Doch es braucht entsprechende Rahmenbedingungen, erfahrene Lehrer und Lehrerinnen und eine positive Einstellung, auch von den Eltern. Und bezüglich Finanzen bin ich mir sicher, dass unter dem Strich die integrative Schule nicht teurer ist, aber man muss sich ganz dafür entscheiden.
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prozess einbezogen werden
Eltern verbinden die Idee Integrative Schule mit vielen Hoffnungen: sie wünschen sich, dass ihr Kind nicht ständig separate Wege (zur Schule) gehen muss, nicht aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird, anerkannte Abschlüsse erzielen kann, bessere Berufs- aussichten hat. Andere Eltern wiederum befürchten, dass ihr Kind in einer integrativen Schule zu kurz kommt, zu wenig lernt, das Niveau der Schule insgesamt sinken könnte. Eine Mutter sagte mir kürzlich, sie fände es gut, dass sowohl Kinder mit besonderen Begabungen als auch Kinder mit Auffälligkeiten oder Behinderungen gefördert würden. «Doch gehen Kinder, die mit ihrem Verhalten nicht auffallen, Noten zwischen einer Vier und Fünf haben, nicht vergessen?», fragte sie bange.
Diese Sorge müssen wir ernst nehmen.
Damit die integrative Schulung gelingt, braucht es strukturelle Voraussetzungen in personeller wie auch räumlicher Hinsicht. Diese Voraussetzungen sind je nach Kanton verschieden. In vielen guten Projekten sind die finanziellen Mittel knapp bemessen und damit auch die personellen Ressourcen. Dies ist ein Grund, weshalb wir die Forderung der Lehrpersonen nach einer Pensenreduktion unterstützen. Wenn eine Lehrperson auf 100 Prozent zwei Stunden weniger unterrichten müsste, gäbe es aus Elternsicht mehr Ressourcen für Gespräche mit Eltern und Kindern. Es darf nicht sein, dass Lehrpersonen zeitlich so stark belastet werden und ihnen in der Folge die Zeit für die unauffälligen Kinder fehlt. Wichtig ist, dass die zur Verfügung gestellten Mittel mit der Realität übereinstimmen. Sonst ist die gute Idee der integrativen Schule zum Scheitern verurteilt.
Nicht jedes Kind kann in eine Regelklasse inte- griert werden. Wichtig ist eine sorgfältige Abklärung, dabei müssen die Bedürfnisse des betroffenen Kindes erfasst, aber ebenso die Klasse als Ganzes einbezogen werden. Selbstverständlich: Eltern müssen im Entscheidungsprozess immer mitbestimmen können.
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Wer integrativen Unterricht, also die Eingliederung aller schwächer Begabten und aller Verhaltensschwierigen in Regelklassen um jeden Preis durchsetzen will, schadet der Volksschule.
Als langjähriges Mitglied und Präsident mehrerer Schulbehörden auf verschiedenen Stufen - unter anderem für eine heilpädagogische Schule für Schwerstbehinderte - habe ich reiche Erfahrung zum Funktionieren von integrativem Unterricht gesammelt.
Klar ist: Körperlich behinderte, selbst schwer behinderte Kinder sollen, wenn sie dem Unterricht zu folgen in der Lage sind, durchaus in Regelklassen unterrichtet werden. Schwächer Begabte, die dem Unterricht in der Regelklasse ganz einfach nicht zu folgen vermögen, sind hingegen in Sonderklassen besser aufgehoben - damit auch sie dank dem ihren Fähigkeiten angepassten Unterrichtstempo schulischen Erfolg erleben können. Wer darin eine «Ausgrenzung» zu erkennen glaubt, übersieht, dass dauernde Assistenz durch eine Heilpädagogin in der Regelklasse für schwache Schüler weit ausgrenzender wirkt: Das Kind ist als «assistenzbedürftig» immer ausgestellt.
Wird ideologisch motiviert auch die Integration der verhaltensgestörten - nicht selten jeder Erziehung ermangelnden - Schüler in Regelklassen verlangt, dann ist Scheitern vorgezeichnet. Solche Schüler können den Unterricht nicht nur schwer stören, sie können geordneten Unterricht sogar völlig blockieren und zum Erliegen bringen. Das ist für jene Schülerinnen und Schüler, die leistungsbereit sind und vorwärts kommen möchten, nicht hinnehmbar. Verständlich, dass deren Eltern massiven Widerstand gegen die «Integrations-Ideologie» entwickeln. Verhaltensgestörte Kinder gehören in Kleinklassen.
Die Rubrik "Arena" ist eine Kooperation mit Pro Familia Schweiz. Infos zum Familien - Portal: www.profamilia.ch
Kidy swissfamily: Juni/2011Quelle/Text: Barbara Heuberger
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