Grenzen bedeuten Sicherheit

Kinder brauchen Grenzen. Das wissen alle Eltern, nur, wie man sie richtig setzt, das wissen die wenigsten. Aus Angst, ihrem Kind zu schaden, sagen viele Eltern kaum mehr Nein. Aber Kinder brauchen Grenzen, um sich zu reifen Persönlichkeiten zu entwickeln.
Es ist Mittwochmorgen, Daniela Rieder muss zur Arbeit. Vorher will sie ihren Sohn Lukas, drei Jahre alt, zu seiner Oma bringen. Daniela Rieder ist in Eile. Lukas sitzt in seinem Zimmer und spielt. «Lukas, bitte komm. Schuhe anziehen», ruft die Mutter aus der Garderobe. «Gleich», antwortet Lukas, ohne aufzusehen. «Lukas, bitte, ich komme zu spät zur Arbeit.» «Ja, gleich», Lukas Stimme klingt verärgert. Er bleibt sitzen. Daniela Rieder geht ins Zimmer, versucht ihren Sohn an der Hand zu nehmen. Lukas wirft sich auf den Boden, beginnt zu toben. «Lukas, wenn Du nicht sofort kommst, gehe ich alleine, und du bleibst hier», droht Daniela Rieder. Lukas schreit weiter. Bis die beiden schliesslich das Haus verlassen, ist eine halbe Stunde vergangen. Daniela Rieder hat ihrem Sohn versprochen, dass er abends fernsehen darf, wenn er jetzt mitkommt. Sie trägt ihn bis zum Auto, weil sie sich vor dem Kampf beim Anziehen der Schuhe fürchtet. «Solche Szenen erlebe ich oft», sagt Lotti Suter, Kindergärtnerin und Leiterin der Winterthurer Kindertagesstätte «Lotos». Gewisse Eltern würden ihre Kinder regelmässig zu spät bringen, weil diese beim Anziehen trödelten. Der Zeitdruck und das schlechte Gewissen der Eltern, die Kinder zur Eile anzutreiben, würden viele dazu verleiten, nachgiebig zu sein. «Mit der Folge, dass sich das morgendliche "Theater" zu einem regelrechten Machtkampf ausweitet.»

Auch Susanne Weber brachte ihre Tochter Luisa regelmässig zu spät in die Krippe. Bis zu jenem Tag, als sie die Vierjährige mitten im Winter barfuss und im Schlafanzug ablieferte. In ihrem Ärger über die trödelnde Tochter hatte Susanne Weber Luisa gedroht, sie im Pyjama zu bringen, wenn sie sich jetzt nicht anziehe. «Und plötzlich wurde mir klar, dass es kein Zurück mehr gab, wenn ich mein Wort halten wollte», erinnert sich Susanne Weber. Sie habe sich mit dem frierenden Kind an der Hand nicht wohl gefühlt, aber im Innersten gespürt, dass es richtig war. «Es war das letzte Mal, dass die beiden zu spät kamen», weiss Lotti Suter. «Auch wenn es hart erscheinen mag, es war richtig. Luisa begriff, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat.» Wer seinen Kindern regelmässig drohe, seine Drohungen aber nicht wahr mache, werde zum Spielball und schade damit sich und den Kindern. Für Lotti Suter bedeuten klare Grenzen Sicherheit. «Ein Kind, das schon früh lernt, dass Bezugspersonen ihr Wort nicht halten, fällt ins Bodenlose.» 
 
«Grenzen sind für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes unerlässlich», betont auch Charles Baumann, Leiter der Jugend- und Familienberatungsstelle Winterthur. Ein Kind brauche Widerstand, um sich daran reiben zu können. «Wichtig ist allerdings, die Grenzen altersgemäss und dem Entwicklungsstand entsprechend zu setzen», betont Baumann. «Wer von einem zweijährigen Kind verlangt, stundenlang stillzusitzen, überfordert es.» Genauso unangemessen sei es, von einem Zehnjährigen noch immer keine Mithilfe im Haushalt zu verlangen.

Quelle/Text: Tanja Polli