Grenzen setzen - Angst vor Fehlern
Machtkampf: Wegen scheinbarer Kleinigkeiten kann es zu tränenreichen Trotzausbrüchen kommen. Was tun?
Was kann ich meinen Kindern zumuten? Immer mehr Eltern sind verunsichert und lassen ihre Kinder aus Angst, Fehler zu machen, an der langen Leine. «Die Fähigkeit, Kinder grosszuziehen, scheint verloren gegangen zu sein», stellen Rudolf Dreikurs und Vicki Soltz in ihrem Ratgeber «Kinder fordern uns heraus», fest. Und die Zürcher Psychologin Eva Zeltner berichtet in ihrem Buch «Mut zur Erziehung» von Lehrern und Kindertherapeuten, die mit einer neuen Art schwieriger Kinder konfrontiert sind: «Kleinen Despoten, die von ihren Eltern gezüchtet werden, in der irrigen Überzeugung, besonders einfühlsam auf die Sprösslinge einzugehen.» Sie sieht einen direkten Zusammenhang zwischen vermehrter Gewalt von Kindern und Jugendlichen und mangelnder Erziehung.«Eine grenzenlose Erziehung fördert Grössen- und Allmachtsphantasien, eine ungesunde Egozentrik und eine Generation, die auf die kleinsten Frustrationen mit psychosomatischen Beschwerden, Drogenkonsum oder Gewalt reagiert», schreibt die zweifache Mutter.
Den meisten Eltern ist klar, dass Grenzen wichtig sind. Aber mit der Frage, wie man sie richtig setzt, fühlen sie sich alleine gelassen. Sie möchten selbstbewusste, selbständige Kinder erziehen, ohne autoritär zu sein. Im Alltag werden sie immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen sie «hart» sein müssen, fühlen sich dabei aber nie ganz wohl. Das Vertrauen, aus dem Bauch heraus richtig zu erziehen, fehlt heute den meisten Eltern.
Gesellschaftliche Richtlinien, an denen man sich festhalten könnte, existieren nicht mehr. «Suchen Sie den Austausch mit Ihrem Partner, mit anderen Eltern, mit Fachpersonen», rät Charles Baumann. «Erst wenn Eltern sich in ihrer Erziehung sicher fühlen, haben sie die Kraft und Ausdauer, konsequent zu sein.»
Manchmal wirkt schon die Unterstützung einer Freundin Wunder. Monika Müller half das Gespräch mit einer Nachbarin, die bereits grössere Kinder hat. Monika Müllers Problem war das Schaukelpferd vor dem Einkaufsladen. Jeden Tag die gleiche Szene: Kaum verlassen Monika Müller und ihr Sohn Sandro das Geschäft, sitzt der Vierjährige schon auf dem Pferd und will Geld zum Schaukeln. Monika Müller nimmt sich jeden Tag vor, diesmal keines zu geben, schafft es aber regelmässig nicht. «Du hast gestern geschaukelt», erklärt sie Sandro, der ihr fordernd seine Hand entgegenstreckt. «Wir haben doch abgemacht, dass du heute kein Geld bekommst». «Ich will aber», quengelt Sandro. Monika Müller dreht sich um, macht einen Schritt Richtung Auto. Sandro beginnt zu weinen, schreit seine Mutter an: «Du bist blöd und ganz gemein!» Monika Müller dreht sich um, sieht Sandro mit tränenüberströmtem Gesicht auf dem Pferd sitzen und gibt nach. Nur noch dieses eine Mal. «Was hätte ich denn tun sollen?», fragt sie am Nachmittag ihre Nachbarin, «die ganze Strasse hat ja schon zugesehen.» «Du hast doch alles richtig gemacht. Bloss durchziehen hättest du es müssen», tröstet die Nachbarin. «Mach mit Sandro ab, wie oft er pro Woche Schaukeln darf. Sag ihm, dass du ohne ihn zum Auto gehst, wenn er an den anderen Tagen ein Theater macht. Und dann tu?s», rät sie weiter. Der erste «schaukelfreie» Tag wurde erwartungsgemäss zur Nagelprobe. Nach ein paar Minuten Geschrei gab Sandro auf, setzte sich hinten ins Auto und spielte, als ob nichts gewesen wäre. Als seine Mutter nach hinten schaut, lächelt der Kleine sie an.
Konsequenzen
«Grenzen setzen ist harte Arbeit, die Hartnäckigkeit und Geduld verlangt», weiss Charles Baumann. Nicht immer sind die Probleme so einfach zu lösen. Oftmals wird den Eltern sehr viel mehr Kraft und Konsequenz abverlangt, um eine ungute Situation zu verändern. Ein Einsatz der sich lohnt. «Grenzen setzen entlastet mehr, als es belastet», schreibt auch der deutsche Autor Jan-Uwe Rogge in seinem Bestseller «Kinder brauchen Grenzen. Eltern setzen Grenzen.» Er fasst Grenzen setzen in folgendem Grundsatz zusammen: «Fest sein, ohne zu herrschen; konsequent sein, ohne zu drohen.» Auf dem Weg dahin sind Fehler okay: «Beim Grenzen setzen ist der Weg das Ziel», schreibt der Vater eines Sohnes, «jeder Schritt bringt Bestätigung, Fortschritt- oder Stillstand. Wenn der Weg das Ziel ist, dann sind Um- und Nebenwege, dann sind Sackgassen erlaubt.»
Grenzen bedeuten Sicherheit. Ein paar Tipps damit die Erziehung leichter fällt...
Machen Sie Erziehung zum Thema. Sprechen Sie Nachbarinnen, Verwandte an, wenn Sie Fragen haben. Wenden Sie sich an die Mütterberatung, die Jugend- und Familienberatung oder andere Fachpersonen, wenn Sie selber nicht mehr weiter wissen.
- Beziehen Sie Ihre Kinder ihrem Alter entsprechend mit ein, wenn es gilt, Regeln aufzustellen.
- Besprechen Sie im voraus, was passiert, wenn sich das Kind nicht an die Abmachung hält.
- Versuchen Sie bei Regelverstössen nicht einfach zu strafen, sondern das Kind die natürlichen Folgen seines Handelns spüren zu lassen. Lassen Sie es an die Hände frieren, wenn es sich weigert , die Handschuhe anzuziehen. Verweigern Sie ihm Zwischenmahlzeiten, wenn es am Tisch nicht richtig isst.
- Drohen Sie nur, wenn Sie bereit sind, die Konsequenzen auch durchzuziehen.
- Leben Sie Ihrem Kind vor, was es heisst , die Grenzen des anderen zu respektieren. Wer sein Kind regelmässig aus dem Spiel reisst, bloss weil er gerade jetzt das Zimmer aufräumen will, lebt dem Kind nicht vor, was es heisst, Rücksicht zu nehmen.
- Wenn Sie merken, was Ihr Kind mit seinem ungebührlichen Verhalten erreichen will, sprechen Sie es darauf an. Fragen Sie also direkt: Könnte es sein, dass du willst, dass ich mich mit dir abgebe?
Quelle/Text: Tanja Polli
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