Herzrivalen

Mit Schwestern und Brüdern kann man ebenso prima streiten wie auch spielen, lachen, toben. Und dies ein ganzes Leben lang! Die Geschwisterbeziehung ist eine einzigartige, ob sie nun gut oder schlecht ist. Der Grundstein für eine positive Bindung wird - wie vieles andere auch - in der Kindheit gelegt.
Geschwister sind Geschwister. Ein Leben lang. Die Bindung zwischen Geschwistern ist die dauerhafteste Beziehung im Leben eines Menschen, denn sie reicht - ausser für die ältesten Kinder - bis zur ersten Minute des Lebens zurück. «Eltern sterben, Freunde verschwinden, Intimbeziehungen lösen sich auf - aber Geschwister bleiben einem Menschen meistens lebenslänglich erhalten, rechtlich wie emotional, auch wenn unter Umständen die Kontakte auf ein Minimum beschränkt oder gar abgebrochen wurden», konkretisiert der Psychologe und Buchautor Jürg Frick (siehe auch Interview).

Wie beeinflussen Brüder und Schwestern einander? Wo liegen die Wurzeln für Hass und Liebe? Wieso sind leibliche Geschwister - aufgewachsen mit denselben Eltern, in derselben Umgebung - so verschieden? Erstaunlicherweise spüren Psychologen, Biologen und Genetiker erst seit Mitte der Achtzigerjahre dieser Frage nach. Unendlich viele Fragen stellen sich, wenn man über Geschwisterrollen nachzudenken beginnt. Wie ein Mensch denkt und fühlt, wie er seinen Partner auswählt und mit ihm umgeht, was er mag und verabscheut - alles hängt weitaus mehr von seinen Brüdern und Schwestern ab, als viele Menschen annehmen, meinen die Forscher heute. Obwohl, das betont Jürg Frick in seinem Buch «Ich mag dich - du nervst mich!»: «Die Geschwisterkonstellation ist ein wichtiger, aber einer von mehreren Hauptfaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung».

Alphatier und Sandwichkind
Wer hat nun das beste Los gezogen? Der Älteste? Die Mittlere? Das Nesthäkchen? Über Geschwisterpositionen wurde viel geschrieben in den letzten Jahren. Die Ältesten werden oft als Alphatiere, als besonders gewissenhaft und seit Neuestem auch als intelligenter als ihre Geschwister bezeichnet. Die Mittleren, die sogenannten Sandwichkinder, sollen besonders diplomatisch sein, negativ gesagt oft zu kurz kommen oder positiv formuliert anpassungsfähig und genügsam sein. Die Jüngsten schliesslich seien rebellisch, kreativ und frei. Diese Aussagen mögen in einem groben Raster zutreffen, müssen aber auch relativiert werden: Dazu der bekannte französische Kinderpsychologe Marcel Rufo in seinem Buch «Geschwister - Rivalen oder beste Freunde?»: «Und doch denke ich, dass die Frage nach dem Altersrang unter Geschwistern unerheblich ist. Denn was für die Entwicklung des Kindes zählt, für das Verhältnis zu den Eltern und für den Aufbau seiner Zukunft, ist nicht der Geburtenrang, sondern seine Persönlichkeit und seine Fähigkeit, sich neuen Situationen anzupassen.» Dies bestätigt auch Jürg Frick: «Keine Geschwisterposition kann generell als günstiger oder nachteiliger eingestuft werden, jede Konstellation birgt immer je nach individueller Situation Vor- und Nachteile.»

Eifersucht und Rivalität
Andauernde Harmonie unter Geschwistern zu erwarten, würde wohl von sehr robustem Optimismus zeugen. Trotzdem können andauernde Streitereien unter Geschwistern, die oft wegen Nichtigkeiten entbrennen, zum kollektiven Familienstress werden. Häufigster Grund für Streitereien und vermutlich unvermeidbar unter Geschwistern: Eifersucht und Rivalität.

«Kein Geschwisterteil bleibt von der Eifersucht verschont, unabhängig vom Geburtenrang. Das Älteste ist eifersüchtig auf die zärtliche Umsorgung des kleineren Kindes durch die Eltern. Das Kleinere dagegen ist eifersüchtig auf das, was das ältere Kind vor seiner Geburt erlebt hat. Ein Mittelkind fragt sich, warum es einen Grossen gibt, der rumkommandiert und einen Kleinen, der immer so extrem umsorgt wird», erklärt Marcel Rufo.

Geschwister verbringen viel Zeit miteinander und durchlaufen im Kinderzimmer das ganze Spektrum menschlicher Nähe und Gefühle: Liebe, Hass, Freude, Trauer, Rivalität. Und diese Empfindungen wechseln oft schneller als Aprilwetter. Eben noch haben die Kleinen fröhlich gespielt, schon kippt die friedliche Szene in ein Drama, es knallt und schreit, Tränen fliessen - und einige Zeit später findet man die Streithähne wieder friedlich am Zeichentisch.

Konkurrenz und Streitereien sind normal in jeder Beziehung, denn in einer Familie treffen die verschiedensten Persönlichkeiten aufeinander. Eingreifen können und müssen Eltern aber dort, wo immer ein Kind stärker ist und seine Meinung, Ideen und Wünsche durchsetzen kann.

Eltern haben Einfluss
Das Verhalten der Eltern steuert nachweislich das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern. Denn fast immer übernehmen die Geschwister die Sicht der Eltern und deren vorgefasste Meinung. Jedem Kind weist man eindeutige Merkmale zu. Mamis und Papis unterscheiden zum Beispiel zwischen dem Artigen (macht keinen Ärger) und dem Trotzigen (motzt ständig und versucht immer seine Meinung durchzusetzen), dem Schlauen (kapiert alles sofort) und dem Musischen (konnte schon mit zwei malen wie Picasso). Das kann gefährlich werden, nämlich dann, wenn ein Kind eifersüchtig auf den Status des andern ist.

Die neue Geschwisterforschung ist überzeugt, dass die Haltung der Eltern die zentrale Einflussgrösse bei der Frage ist, ob zwischen Geschwistern eher eine kooperative oder aber eine stark konkurrierende oder gar ablehnende Tendenz überwiegt. Kinder können sich trotz zeitweiliger Eifersucht und Rivalität arrangieren, das setzt aber voraus, dass die Eltern das Verhältnis nicht durch ständige Bevorzugung oder übermässige Behütung eines Geschwisters stören. Kinder suchen oft automatisch einen einmaligen Platz innerhalb der Familie, indem sie ihre Rollen ergänzen: So ist das vierjährige Zwillingsmädchen Rebecca die zarte Prinzessin, die aber Regeln schwer akzeptieren kann, während ihre Schwester Selina gerne mit Jungs tobt und sehr angepasst ist.

Klar wird auf jeden Fall: Ständiges Vergleichen der Geschwister ist schlecht. Jedes Kind ist einzigartig. Bemerkungen, die die natürliche Eifersucht fördern könnten, sollen deshalb vermieden werden. Kinder sollen nach den geltenden Familienregeln individuell, aber nicht gleich behandelt werden. Die Gratwanderung, dabei gerecht zu bleiben, ist für Eltern eine schwierige. Manchmal hilft hier die Erkenntnis, dass jedes Kind sowieso das Gefühl hat, es werde benachteiligt. Egal in welcher Position.

Streiten und verzeihen
Geschwister lernen viel in Sachen Beziehungsarbeit: Streiten und dann wieder verzeihen und vertragen. Sie müssen lernen zu teilen, nicht nur die Eltern, sondern auch alles andere. Für das spätere Leben werden sie gut vorbereitet, da sie (hoffentlich) begreifen, dass Streiten in der Regel Zeitverschwendung ist. Auf der anderen Seite üben sie, wie man sich durchsetzt. Auch stellen sie fest, dass Streiten etwas mit unterschiedlichen, aufeinanderprallenden Interessen zu tun hat und manchmal ein Kompromiss die Lösung für alle bedeutet. Streiten ist die kindgemässe Art, auf Meinungsverschiedenheiten zu reagieren.  

Quelle/Text: Esther Mogicato


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