Geschwisterliebe - Geschwisterkampf

Mal lieben sie sich innig, dann wieder verabscheuen sie sich von ganzem Herzen. Was können Eltern tun, um den Zusammenhalt zwischen ihren Kindern zu stärken?
Die Geschwisterbeziehung ist etwas Besonderes
Quelle Bild: Hallgerd
Mit Geschwistern aufzuwachsen ist oft kein Honigschlecken, im Gegenteil. Oft können sie sich das Leben gegenseitig ganz schön schwer machen. Obwohl sie sich andererseits auch beschützen und unterstützen können, wenn sie wollen. Aber eben - nur wenn sie wollen. Manchmal wollen sie jedoch ganz einfach nicht und streiten gnadenlos um vermeintlich Belangloses. Bei uns gibt es zum Beispiel seit Tagen kein friedliches, gemeinsames Betreten des Hauses mehr. Meine beiden Kinder Yanick (7) und Yasmin (5) wollen immer gleichzeitig mit dem Schlüssel die Türe aufschliessen. Schon auf dem Heimweg gibt es die ersten Diskussionen um das leidige Thema, die dann schliesslich vor der Haustür in gegenseitigem Geschubse und Geschrei enden. Da helfen weder Ge-duld meinerseits, noch das Aufstellern gerechter Regeln - einer der beiden schluchzt jedesmal bitterlich über die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass der andere wieder dran war.
Aus der Elternperspektive ist so ein Gezänke ziemlich anstrengend und kann gar zu Selbstzweifeln führen. Was machen wir bloss falsch? Streiten nur unsere Kinder so viel? Und wie sollen wir am besten darauf reagieren?
 
Karin Gerber, Sozialarbeiterin sowie Paar- und Familienberaterin beim Zürcher Elternnotruf erklärt: «Geschwister verbringen mehr Zeit miteinander als mit irgend jemandem sonst, und so kennen sie die Stärken und Schwächen des anderen besser als sonst jemand. Ihr Streit ist deshalb oft heftiger und existenzieller als der zwischen befreundeten Kindern. Sie zeigen einander, wo es langgeht - schonungslos.» Soll das heissen, dass solche Differenzen einen Sinn haben? «Ja», ist Karin Gerber überzeugt. «Geschwister lernen dabei unbewusst oder bewusst auch Dinge voneinander, die Einzelkinder niemals in dieser Dimension erfahren könnten. Zuneigung und Hass, Verbündung und Konkurrenz, zärtliche Fürsorge und gnadenloser Verrat, das sind Gefühle, die Ge-schwister füreinander hegen können. Widersprüchlicher könnte es kaum sein.» Kurz: Geschwister treiben es oft bis auf die Spitze, um dann plötzlich wieder ganz lieb miteinander umzugehen. «Die Geschwisterbeziehung ist etwas Besonderes», erklärt Karin Gerber. «Meist haben Geschwister ein tiefes, inniges Verständnis füreinander, weil man mit keinem anderen Menschen auf der Welt soviel gemeinsam hat - die Eltern, das Zuhause, Erbanlagen und Erinnerungen.»
 
Wir müssen uns nur einmal an unsere eigene Kindheit zurückerinnern und schon sind wir wieder mitten im Gefecht: Da war doch einerseits der nervende Machtkampf mit der jüngeren Schwester um das grössere Zimmer («Ich will es!» - «Nein, ich!»). Und andererseits haben wir ganz fest zusammengehalten, wenn es um die Lösung von Alltagsproblemen ging: Gemeinsamer Sonntagsspaziergang mit den Eltern? Nein danke, wir bleiben zusammen zu Hause. Oder «geheime» Partys in der sturmfreien Bude. Oder gemeinsame Freunde, die den Eltern nicht genehm waren. Und, und, und.

Elternnotruf Zürich, Weinbergstr. 135, 8006 Zürich, Tel. 01 261 88 66, 24h@elternnotruf.ch.
 

So klappts
  1. Es macht Spass mit Geschwistern aufzuwachsen, ganz klar. Ein Geschwister zu bekommen, ist hingegen - zumindest für kleinere Kinder - oft weniger lustig. In ihren Augen gehen die geliebten Eltern «fremd». Besonders hart trifft dies Erstgeborene, die bis anhin die Eltern ganz für sich hatten. Tipp: Bereits in der Schwangerschaft vom neuen Baby erzählen und dem Grösseren so schon das Geschwister im Bauch nahe bringen, z.B. indem man Papier und Stift zur Hand nimmt und den Bauch mit dem Baby drin malt oder sich gemeinsam Bücher anschaut, wie ein neues Baby entsteht.
  2. Ist das grössere Kind auf das Baby eifersüchtig, hilft es, wenn die Eltern immer wieder offen über die eigenen Gefühle sprechen. Das fördert beim Kind die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Tipp: Dem Kind vermitteln, dass man weiss, wie es sich fühlt und intensiv auf seine momentanen Gefühle eingehen. Dem Kind nie das Gefühl geben, dass es für das Ungeborene Platz machen muss. Es sollte bei allen Veränderungen, die man zugunsten des Babys vornimmt, einbezogen werden.
  3. Der Ernst des Geschwister-Daseins beginnt, sobald die Mutter mit dem neuen Baby nach Hause kommt. Jetzt muss das Erstgeborene oft auf später vertröstet werden. Tipp: Das Erstgeborene braucht viel Zuwendung - Väter sind jetzt ganz besonders gefragt!
  4. Die grösseren Kinder brauchen altersgerechte Aufmerksamkeit. Warum also sie nicht in die Pflegetätigkeit des Babys und auch in den Haushalt miteinbeziehen? Tipp: Das Grosse kann z.B. die Flasche halten, die Füsslein des Babys eincremen, seine Haare bürsten oder auch im Haushalt mitwirken. Schon ein Dreijähriges kann z.B. helfen, Gemüse zu rüsten oder den Tisch zu decken.
  5. Das Baby macht alles kaputt! Tipp: Wenn es beim Spielen zu Konflikten kommt, bei dem sich das grössere Kind zur Wehr setzt, sollte man beide Kinder trösten. Denn es tut auch dem Grossen weh, wenn sein Spiel «mutwillig» zerstört wird.
  6. Die Qualität der Geschwisterbeziehung hängt auch von den individuellen Beziehungsflechten in der Familie ab. Tipp: Überprüfen Sie Ihr Verhalten als Eltern. Wie gehen Sie miteinander um? Welche Beziehung hat die Mutter, welche der Vater zu seinen Kindern? Wie verhalten sich die Kinder gegenüber ihren Eltern, und wie reagieren diese wiederum darauf?
  7. Vertrautheit kann nur unter bestimmten Voraussetzungen entstehen! Tipp: Eltern sollten gegenüber ihren Kindern unparteiisch sein. Und wichtig ist auch, dass die Kinder all ihre Gefühle dem Geschwister gegenüber frei und offen äussern können: Wut, Ärger, Neid, Enttäuschung usw. müssen lebbar sein.
  8. Eltern können die Geschwisterliebe fördern! Tipp: Bemühen Sie sich um Gerechtigkeit, unterstützen Sie kleinere Kinder bei der Lösung ihrer Konflikte, bringen Sie die Kinder einander nahe, und werben Sie für Verständnis füreinander. Lassen Sie zu, dass sich die Kinder ab und zu gegen Sie als Eltern verbünden.

Fazit: Wenn die Eltern Verständnis füreinander haben und ihre Konflikte konstruktiv lösen, dann sind meistens auch die Geschwisterbeziehungen gut! Wenn wir unseren Kindern helfen wollen, eine gute Geschwisterbeziehung zu entwickeln, sollten wir zuerst verstehen, dass sich Geschwister nicht lieben müssen, nur weil sie Geschwister sind. Tipp: Durch unsere Unterstützung entwickeln sie vielleicht herzliche Gefühle füreinander, obwohl sie Geschwister sind.

Quelle/Text: Christina Bösiger


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