Schimpfen - weniger ist mehr
Wenn Eltern schimpfen, wollen sie ihre Kinder zur Einsicht bringen. Mit klaren Botschaften und konkretem Handeln kann man Kinder allerdings eher dazu bewegen, unerwünschtes Verhalten zu ändern.
Quelle Bild: crystal kirk
Wenn Noemi die Dekoration zum x-ten Mal abräumt, die Blumen aus der Vase nimmt oder Sarah beim Zähneputzen nicht im Bad bleibt, sondern mit der offenen Zahnpastatube in ihrem Zimmer herumrennt, versuchen Peter und seine Frau Monika den Kindern deutlich zu machen, dass das so nicht geht. Sie mahnen, bitten, und wenn das nicht hilft, wird geschimpft oder auch gehandelt. «Unsere Töchter müssen lernen, Grenzen zu akzeptieren, Regeln zu befolgen und die Bedürfnisse der anderen zu respektieren», sagt Monika. Es stellt sich nur die Frage, ob Eltern mit Schimpfen wirklich ans Ziel gelangen.
Vorwürfe an das Kind
Was Eltern mit Schimpfen erreichen wollen ist, dass Kinder zur Einsicht kommen und ihr Verhalten ändern. Sie sollen etwa nicht alles hinter sich liegen lassen, beim Essen am Tisch sitzen bleiben, nicht an den Kerzen rummachen und zuhören, wenn man mit ihnen redet. «Schimpfen ist ein emotionsgeladenes Reden über das kindliche Verhalten. Meist sind es Vorwürfe an das Kind», sagt Rosmarie Wydler-Wälti, Kindergärtnerin und Elternbildnerin. Schimpfen sei zudem kontraproduktiv und nicht verbindlich. Wenn Eltern schimpfen, dann kommunizieren sie einseitig. Ein richtiger Dialog kann nicht stattfinden, wenn die Mama sagt: «Hab ich dir nicht schon hundertmal gesagt, dass du nicht mit offenen Mund kauen sollst? Und du machst trotzdem weiter!» Wenn Eltern wollen, dass Kinder ein für sie unakzeptables Verhalten ändern, sollten sie lieber eine klare Botschaft im ruhigen Tonfall senden. «Anstelle von Schimpfen sollten Eltern ihrem Kind klar sagen, was sie von ihm erwarten. Oft vernimmt das Kind diese Erwartungen aber erst beim Schimpfen», so Wydler-Wälti. Eltern sollten in klaren Worten beschreiben, wie sie sich das Verhalten des Kindes wünschen und welche Regeln im Haushalt gelten.
ICH-Botschaften
Dabei geht es um Konfrontation und um das Setzen von Grenzen, die individuell verschieden ausfallen können. Denn genau genommen ist es mein persönliches Empfinden, ob mich das kindliche Schmatzen am Tisch stört oder ob die Musik für meinen Geschmack zu laut abgespielt wird. Sprechen Eltern dann von sich und ihren Gefühlen, ist die Chance grösser, dass das Kind keinen Widerstand leistet. Allgemeinplätze wie «Man tut dies nicht» oder «Hör auf damit!» wirken meist wenig überzeugend. Schliesslich geht es um die eigene Person und sein eigenes Empfinden, und das sollte man auch so äussern, indem man in der Ich-Form spricht. Generell sind Menschen eher bereit, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie wissen, wie der andere fühlt und warum ihn das gerade stört. Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Auch Monika hat diese Erfahrung gemacht: «Wenn ich Noemi sage, dass ich Angst habe, dass sie sich verletzen könnte oder wenn ich Sarah mitteile, dass ich enttäuscht bin, weil sie sich nicht an unsere Abmachung hält, macht es deutlich mehr Eindruck, als wenn ich nur losschimpfe.» Im Alltag wird auch leicht vergessen, dass die Sprösslinge mit ihrem Verhalten oft gar nicht provozieren wollen. Kinder sind auf sich selbst bezogen und vergessen sich oft beim Spiel. Sie denken meist einfach nicht daran, dass sie mit ihrem Verhalten jemanden stören könnten. Eltern sollten dies bedenken, bevor sie sauer werden und schimpfen. Kinder wollen zudem gern helfen und möchten auch zu einer guten Stimmung beitragen. Wenn es zu Konflikten kommt und Eltern wollen, dass ihr Kind sein Verhalten ändert, sollten sie die ganze Aufmerksamkeit des Kindes einfordern. Denn wer von der andern Ecke des Zimmers etwas zuruft, hat kaum Chancen, erhört zu werden. Eltern sollten ihr Kind direkt konfrontieren und ansprechen. Gut ist, wenn man dem Kind in die Augen sieht oder auf gleicher Höhe mit dem Kind ist.
Abwertende Worte
Die Gefahr beim Schimpfen besteht auch darin, dass man sich schnell in Rage redet. Wie schnell ist Papa genervt, emotional aufgeladen und sagt Dinge, die ihm später leid tun oder die das Kind verletzen. «Eltern fühlen sich durch das wiederholte störende Verhalten des Kindes gestresst und oft sogar persönlich verletzt. Entsprechend fühlen sie sich dann legitimiert, in einer abwertenden Art das Kind herunterzumachen», sagt Rosmarie Wydler-Wälti. Eine effektvolle Strategie ist übrigens, nicht viel zu reden oder gar zu schimpfen, sondern gleich aktiv zu werden. «Eltern können im ruhigen Ton das ansprechen, was sie stört, was sie erwarten und warum. Wenn das nichts nützt, sollten sie handeln. Die Konsequenz sollte allerdings logisch sein. So kann eine Mutter zum Beispiel die Stifte wegräumen, das Kind rausschicken oder das Essen für wenige Minuten vom Tisch nehmen», rät Wydler-Wälti. Anstelle von mehrmaligem Ermahnen und einem mühsamen Hin und Her ist schnelles Handeln wirkungsvoller und weniger nervenaufreibend. Wer oft oder gar zuviel schimpft, läuft auch Gefahr, seinem Kind mehr negative als positive Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Kind, das beim Anziehen immer wieder von der Mutter dazu ermahnt wird, endlich vorwärts zumachen, bekommt dadurch viel Aufmerksamkeit. Wieso sollte es also diese Taktik ändern? Es ist oft schwer, diese Situationen zu durchschauen. Aber wenn Eltern mehr darauf achten, erwünschtes Verhalten zu verstärken und es bewusst zu loben und unerwünschtem Verhalten ohne grosse Diskussionen konsequent zu begegnen, wird es immer weniger Grund zum Schimpfen geben.
Lohnt sich die Aufregung?
- Schimpfen Sie nicht gleich los. Überlegen Sie erst, ob sich die Aufregung überhaupt lohnt. Klären Sie für sich ab, ob es überhaupt Ihr Problem ist. Kinder sind ab einem gewissen Alter in der Lage, selber gute Lösungen (z.B. bei einem Streit) zu finden.
- Senden Sie Ich-Botschaften: «Ich kann nicht lernen, wenn du so laut Musik hörst. Ich habe dann Angst, morgen im Kurs zu versagen.» So teilen Sie dem Kind mit, was mit Ihnen los ist. Ihr Kind kann besser darauf reagieren.
- Sprechen Sie das Kind direkt an, sehen Sie ihm in die Augen. Sagen Sie klar, was Sie erwarten und warum. Versuchen Sie, gelassen zu reagieren.
- Stellen Sie klare Regeln auf, die bei Ihnen zu Hause generell gelten. So weiss jeder, was von ihm erwartet wird.
- Reden sie nicht zuviel. Eine Meldung und Begründung reicht. Wenn das Kind trotzdem nicht reagiert, handeln Sie!
- Achten Sie auf logische Konsequenzen (z.B. Essen wegnehmen für einige Minuten, Pflanze wegstellen), sie helfen beim Kind Einsicht zu schaffen.
Quelle/Text: Lioba Schneemann
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