Schlaflose Nächte vor der Prüfung

Eines von zehn Kindern leidet in der Schweiz unter Prüfungsängsten. Die Ursachen dafür können sehr vielfältig sein. Manchmal übernehmen die Kinder auch die Veranlagung der Eltern. Wie sollten diese mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen?
Prüfungen sind für Jessica ein Gräuel. Schon Tage vorher sieht die 10-jährige Primarschülerin rot. Einerseits hat sie Angst, die Fragen nicht beantworten zu können, andererseits kommt sie mit ihrer strengen, aber fairen Lehrerin nicht zurecht. Sie mache der Kleinen Angst, erzählt die Mutter, die schon öfters das Gespräch mit der Lehrerin gesucht hat. Bis jetzt leider ohne Erfolg. Aus diesem Grund holen sich Mutter und Tochter nun Unterstützung bei der Fachstelle für Eltern-, Lehrer- und Schülerberatung in Fribourg, wo sie von Fabian Grolimund, Psychologe und Hochschuldozent, betreut werden. «Ich habe zuerst mit dem Kind über seine Angst gesprochen, um herauszufinden, vor was genau es sich denn so fürchtet», erzählt Fabian Grolimund. Dann durfte Jessica ein Tier auswählen, das ihrer Meinung nach besonders mutig ist. Sie zeichnete das Tier - es war ein Tiger - und überlegte sich dabei, wie dieses Tier auf ihre strenge Lehrerin reagieren würde. «Wir haben zusammen Sätze erarbeitet, die Jessica Mut machen und die Angst vor der Prüfung nehmen - zum Beispiel: Ich darf mir bei den Fragen Zeit lassen. Ich kann die Fragen richtig beantworten. Ich darf auch Fehler machen. Dann stellten wir uns vor, wie es an der nächsten Prüfung sein würde», schildert Fabian Grolimund. In Rollenspielen wurde Jessica zudem vom Lernberater und ihrer Mutter bewusst mit kritischen Äusserungen konfrontiert, um zu lernen, darauf reagieren zu können und auch zu ihren Fehlern zu stehen. Gleichzeitig erhielt die Mutter den Auftrag, künftig weniger das Gespräch mit der Lehrerin zu suchen, sondern vielmehr Jessica den Rücken zu stärken. «Dank der Beratung konnten wir die Prüfungsangst bei Jessica spürbar reduzieren. Ihre Leistungen in der Schule wurden deutlich besser», freut sich Fabian Grolimund.

Eigene Fähigkeiten werden unterschätzt
Jessica ist kein Einzelfall. Im Durchschnitt sind etwa zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler von Prüfungsangst betroffen. Vor allem bei Studierenden hat diese Tendenz in den letzten Jahren eher zugenommen, stellt Fabian Grolimund fest. Prüfungsangst äussert sich über körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Herzklopfen, Rotwerden oder Zittern. Hinzu kommen psychische Anzeichen, indem die Kinder ihre Fähigkeiten unter- und die Schwierigkeit der Prüfung überschätzen. «Diese Gedanken lenken die Kinder während der Vorbereitung und der Prüfung dauernd ab. Als Folge davon müssen sie viel mehr lernen, um diese Ängste und Symptome zu kompensieren. » Die Angst führe zu einem rigiden Auswendiglernen des Prüfungsstoffes. Das Kind könne dabei nicht mehr zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden. Zudem verkrampfe es sich während der Prüfung und breche oft in Panik aus, wenn es schon bei der ersten Frage zu scheitern drohe. Grundsätzlich seien Mädchen häufiger von Prüfungsangst betroffen als Jungs. «Der Unterschied zwischen den Geschlechtern nimmt indes ab, wenn man sie anonym befragt. Für Buben ist es oft ein Tabu, über ihre Prüfungsangst zu sprechen. Sie verwenden dann vor allem Begriffe wie Stress oder Druck. Oft sind Buben aber vor allem mit Motivationsproblemen konfrontiert», so Fabian Grolimund.

Hohe Erwartungen der Eltern
Doch was löst Prüfungsängste aus? Wo liegen die Ursachen? «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt die Prüfungsangst bei Jugendlichen und Studierenden, schliesslich geht es darum, eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz nach der Schule, der Lehre oder dem Studium zu finden. Dieser Konkurrenzkampf verschärft die Prüfungsangst. Ähnliches lässt sich bei Primarschülern vor den Übertrittsprüfungen beobachten», schildert Fabian Grolimund. Bei Primarschülerinnen und -schülern spielen oft die Ängste der Eltern eine Rolle. Leiden diese unter Zukunftsängsten und legen deshalb grossen Wert auf eine gute Bildung ihrer Kinder, überträgt sich diese Angst - gekoppelt mit den hohen Erwartungen - auf die Kinder. «Eltern geben ihre Ängste bewusst und unbewusst an die Kinder weiter. Aber auch ihre Denkmuster können das Kind in seinen Leistungen beeinflussen.» Immer wieder gebe es Fälle, in denen die Eltern die guten Leistungen ihrer Kinder mit Glück oder Zufall in Verbindung bringen, schlechte Noten dagegen auf die Unfähigkeit der Kinder zurückführen. Dadurch werde dem Kind vermittelt, dass es grundsätzlich zu keinen guten Leistungen fähig sei. Teilweise sind die Prüfungsängste aber auch genetisch bedingt, sprich vererbt.




Wettkampfklima in der Klasse
«Man muss bei der Prüfungsangst klar unterscheiden zwischen Kindern, die schulisch ein deutliches Manko haben. Hier ist die Prüfungsangst angebracht. Dann gibt es aber auch Schüler, die zwar die nötigen Kompetenzen mitbringen, sich aber unter- bzw. die Schwierigkeit der Prüfungen überschätzen. Gleichzeitig überschätzen sie auch die negativen Folgen, wenn sie eine Prüfung nicht bestehen», informiert Fabian Grolimund. Mögliche Einflussfaktoren auf die Prüfungsangst können weiter auch die Lehrpersonen sein, indem sie bewusst die schwächeren Schülerinnen und Schüler vor der Klasse blossstellen. Manchmal komme es auch vor, dass Lehrpersonen bei Schülern während eines Vortrages in einer Fremdsprache die Aussprache kritisieren bzw. korrigieren und sie mit unsanften Äusserungen aus dem Konzept bringen. Wenn in einer Klasse ein Wettkampfklima herrscht und das Konkurrenzdenken die Schüler unter Druck setzt, kann dies laut Fabian Grolimund ebenfalls zu Prüfungs- bzw. Versagensängsten führen. «In solchen Fällen werden die schlechteren Schüler häufig ausgelacht und ausgegrenzt.» Und zu guter Letzt gebe es aber auch Fälle, in denen keine der genannten Faktoren auf die Kinder zutreffen. Für die Behandlung spiele dies jedoch keine wichtige Rolle, betont der Psychologe. Nach fünf bis sieben Sitzungen sei die Prüfungsangst in den meisten Fällen verschwunden oder zumindest stark reduziert.

Lerntechniken und Arbeitsmethoden verbessern
Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihre Kinder unter Prüfungsangst leiden? «Jene Eltern, die bei ihren Kindern Prüfungsangst feststellen, machen meist keine offensichtlichen Fehler. Eltern hingegen, die durch ihr Verhalten die Ängste der Kinder verstärken, merken oft nichts von diesen Ängsten oder wollen sie nicht wahrhaben. » Wichtig sei ein entspannter Umgang der Eltern mit den Leistungen ihrer Kinder. So bringe es nichts, bei schlechten Schulleistungen enttäuscht zu reagieren und den Druck auf die Kinder zu erhöhen. Wird bei jeder Gelegenheit betont, wie wichtig die Schule und gute Schulnoten sind, verstärke dies ebenfalls den Druck auf die Kinder. «Wenn ein Kind unter Prüfungsangst leidet, sollte man ihm Zeit geben. Anstatt Druck aufzubauen, bringt es viel mehr, mit dem Kind an seinen Lerntechniken und Arbeitsmethoden zu arbeiten», empfiehlt Fabian Grolimund. Aber Vorsicht: Kinder reagieren je nach Typ unterschiedlich auf die verschiedenen Lern- und Arbeitsmethoden. Hier gilt es, entsprechende Strategien zu finden, die zum Kind passen. Bei Prüfungsängsten wie auch anderen Schulproblemen kann der Schulpsychologische Dienst kontaktiert werden. Alle Anfragen werden kostenlos und vertraulich behandelt.

Weitere Informationen

Kidy swissfamily: Februar/2011

Quelle/Text: Fabrice Müller