Diagnose Diabetes

Diabetes, die «Zuckerkrankheit », galt früher als Altersgebrechen. Doch auch Kinder können erkranken, meist an Typ-1-Diabetes. Die Diagnose ist für die Familie immer ein Schock und zu Beginn ein schwerer Einschnitt in den Alltag. Dank moderner, auf Selbstverantwortung aufbauender Behandlung leben Diabetiker heute jedoch ein selbstbestimmtes Leben.
Kinder jubeln ausgelassen. Ein paar sind enttäuscht, schliesslich haben sie gekämpft. Aber Fairness geht vor, die Verlierer gratulieren den Siegern, alle haben sie gut gespielt. Eine Betreuerin ruft die Kinder zur Seitenlinie und verteilt Insulinpumpen, die sie mit ein paar geschickten Griffen am Katheter festmachen. Er versorgt ihren Körper mit lebenswichtigem Insulin. Beim Kids Cup-Fussballturnier nehmen nur Kinder mit Diabetes teil. Abgesehen von den Insulinpumpen und regelmässigem Blutzucker-Messen ist aber kein Unterschied zu erkennen: Die Kids jagen dem Ball nach, essen Pasta in der Mittagspause und freuen sich mit der Familie über zahlreiche Wettbewerbe. Die Situation am Spielfeldrand steht sinnbildlich für die Lage heute: Diabetikern sind kaum mehr Grenzen gesetzt, aber gewisse Hürden müssen sie trotzdem überwinden - zum Teil täglich.

Mit Diabetes leben
In der Schweiz leben mehrere Tausend Kinder mit einem Typ-1-Diabetes. Die Symptome vor einer Diagnose sind immer die gleichen: Die Kinder haben starken Durst, gehen sehr oft auf die Toilette, verlieren Gewicht und beklagen sich über Müdigkeit. Der Körper reagiert damit auf den zu hohen Zuckergehalt im Blut. Er versucht, den Zucker über den Urin aus zuscheiden, anstatt dass dieser über die Zellen verbrannt wird und Energie spendet.

Wieso jemand an einem Typ-1-Diabetes erkrankt, ist nicht genau geklärt. Bei dieser Form des Diabetes, die häufig schon im Kindesalter auftritt, zerstört der Körper die Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die normalerweise Insulin produzieren. Insulin ist ein Hormon, das im Körper eine zentrale Funktion erfüllt. Es sorgt dafür, dass der über die Nahrung (hauptsächlich via Kohlenhydrate) aufgenommene Traubenzucker vom Blut in die Körperzellen gelangt. Ohne diesen «Schlüssel» bleibt der Zucker im Blut.

Diabetes ist nicht heil-, aber gut behandelbar. Das fehlende Insulin wird heute meist künstlich produziert und über Spritzen zugeführt. Heute kommen häufig auch Insulinpumpen zum Einsatz: Das Insulin gelangt dabei über einen feinen Schlauch (Katheter), der ständig in der Haut liegt, in den Körper. Bei gesunden Kindern produziert die Bauchspeicheldrüse jeweils genug Insulin, um den Stoffwechsel an die aufgenommene Nahrung anzupassen. Bei Kindern mit Diabetes jedoch müssen Ernährung und Insulin aufeinander abgestimmt werden. Dazu messen Diabetiker, auch die Kinder, täglich mehrfach ihren Blutzucker. Dazu ist ein kleiner, aber praktisch schmerzloser Pieks in den Finger nötig, um eine Kleinstmenge an Blut zu gewinnen. Die Anwendung einiger Blutzucker-Messgeräte ist heute aber so einfach und zuverlässig, dass auch Kinder problemlos damit zurechtkommen.

An Klassenlagern, Kindergeburtstagen oder Ausflügen können Kinder mit Diabetes problemlos teilnehmen. Betreuer und Lehrkräfte müssen aber genau informiert werden und sollten Unterstützung oder Hilfe leisten können. Auch die Klassenkameraden sollten wissen, was Diabetes ist. Während einige jüngere Kinder anfangs das Interesse der Mitschüler am Diabetes noch positiv aufnehmen, möchten ältere Kinder meist nicht aus der Gruppe der Gleichaltrigen herausgehoben werden. Oftmals empfiehlt sich eine sachliche Information - ohne das Kind in eine Opferrolle zu stecken oder den Diabetes in den Vordergrund zu rücken.

Minenfeld Pubertät
Für viele Diabetiker wird die Jugend zur Probezeit. Sind zuvor meist die Eltern verantwortlich für das Diabetes-Management, müssen die Jungen jetzt lernen, eigenverantwortlich mit der Behandlung umzugehen. Keine einfache Sache. Hormonelle Schwankungen in der Pubertät beeinflussen die Entwicklung des Blutzuckers meist negativ. Das hat oft die Folge, dass Jugendliche zwar zuerst probieren, den Zucker in Bahnen zu halten, aufgrund der schwierigen Umstände aber die Sache bald anzweifeln. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche einen unregelmässigen Tagesablauf haben, in dem feste Termine wie zum Beispiel das Messen des Blutzuckers keinen Platz mehr finden.

Schwerwiegend sind die seelischen Veränderungen, die Jugendliche durchmachen. Für viele wird es schwierig, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie für den Rest des Lebens mit dem Diabetes umgehen müssen. Hinzu kommt Gruppendruck und oftmals das Gefühl, den Diabetes verstecken zu müssen. Sätze wie «Ich lebe im Hier und Jetzt, der Diabetes kann auch mal warten!» oder «Warum trifft es ausgerechnet mich?» sind dann zu hören. Als Resultat stellen Jugendliche oft auch die Behandlungsmethoden in Frage, ignorie- ren Arzttermine oder messen nur unregelmässig den Blutzucker. Entsprechend wichtig ist es, dass Eltern ihre Kinder in diesem Stadium in ihrer Selbstständigkeit fördern. Die richtige Motivation und Freiräume sorgen längerfristig für ein Wahrnehmen der Eigenverantwortung - oft mit Rückschlägen und schwierigen Momenten, aber dafür nachhaltig.

Jugendliche müssen für sich den Sinn und die Notwendigkeit ihrer Behandlung erkennen. Dies gilt besonders auch im Hinblick auf Stolperfallen wie Alkohol, der früher oder später die meisten Jugendlichen erreicht. Die Wirkung von Alkohol ist für Diabetiker sehr schwierig einzuschätzen: Enthaltene Kohlenhydrate oder Zucker lassen den Blutzucker steigen, der Alkohol selbst aber senkt den Zuckerspiegel im Blut. Die Gefahren einer Unterzuckerung im alkoholisierten Zustand müssen Eltern mit ihren Kindern unbedingt besprechen - die Wirkungen abschätzen zu können, ist für einen Diabetiker unter Umständen lebenswichtig. Den Alkohol komplett zu verbieten ist keine Lösung, sondern führt möglicherweise genau zum Gegenteil.

Selbstbestimmtes Leben
Diabetes ist keine einfache Krankheit. Sie erfordert viel Aufmerksamkeit und kann auch gefährliche Situationen mit sich bringen. Kinder mit Diabetes lernen aber in der Regel schnell, mit Hilfsmitteln wie dem Blutzucker-Messen umzugehen - und bald schon gehört für die ganze Familie der Diabetes zum Alltag wie das Zähneputzen. Die richtige Behandlung vorausgesetzt, können Diabetiker das Risiko für spätere Komplikationen minimieren und ein ganz normales Leben führen - mit allen Chancen und Möglichkeiten, vom Beruf bis hin zur eigenen Familie.

Typ-2-Diabetes bei Kindern
Diabetes trifft nur ältere Erwachsene - so haben es Generationen von angehenden Medizinern in ihrer Ausbildung gelernt und so erhielt der Typ-2-Diabetes auch den Namen «Altersdiabetes». Kinder und Jugendliche brachte man ausschliesslich mit Typ 1-Diabetes in Verbindung. Die aktuelle Entwicklung zeigt jedoch: Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Diabetes Typ-2 betroffen. Aus einer chronischen Krankheit, die hauptsächlich ältere Menschen traf, ist eine schleichende Epidemie geworden, die immer jüngere Jugendliche und sogar Kinder betrifft.

Zu viele Kilos auf der Waage sind oft die Ursache dieser Entwicklung. Viele Kinder und Jugendliche sind zu dick. Eine OECD-Studie zeigte 2009, dass sich die Anzahl fettleibiger 15-jähriger Mädchen innerhalb von 8 Jahren verdoppelt hat. Zu süsses und zu fettiges Essen sowie Bewegungsmangel führen dazu, dass oft schon die ganz Kleinen zu viele Kilos auf die Waage bringen. Das Fett macht junge Körper anfällig für Erwachsenenkrankheiten - wie Altersdiabetes.

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Kidy swissfamily: Februar/2011

Quelle/Text: Simon Lutstorf



Der richtige Umgang mit Diabetes
Kinder mit Diabetes können im Grossen und Ganzen ein normales Leben führen und an allen Aktivitäten teilnehmen, die ihr Kindergarten oder ihre Klasse unternimmt. Im Alltag eines Kindes gibt es allerdings einige Situationen, die den Blutzucker direkt beeinflussen. Eltern, Lehrkräfte und Freunde kennen diese im Idealfall und wissen, wie sie das diabetische Kind am besten unterstützen. Folgende Einflüsse auf den Blutzucker sind zentral:


Die Abgabe von Insulin senkt den Blutzucker
Die richtige Dosierung ist wichtig. Gelangt zu viel Insulin in den Körper oder hat das Kind zu wenig gegessen, droht der Blutzucker abzufallen. Eine Unterzuckerung führt meist zu deutlichen Symptomen wie Zittern, Blässe, Heisshunger, fehlender Konzentration oder Aggressivität. Das Kind muss sofort zwei oder drei Traubenzucker zu sich nehmen. Auch ein Glas Cola (nicht light!) oder Orangensaft hilft. Starke Unterzuckerungen können zur Bewusstlosigkeit führen. In diesem Fall muss sofort ein Notarzt gerufen werden.


Essen erhöht den Blutzucker, vor allem die einnahme von kohlenhydraten
Kinder mit Diabetes essen ganz normal - allerdings muss man auf die Kohlenhydrate achtgeben. Diese werden im Körper zu Traubenzucker verarbeitet. Kohlenhydrate finden sich in allen Getreideprodukten (Teigwaren, Müesli, Pizza), in Reis und Kartoffeln, Milchprodukten sowie zuckerigen Speisen. Die Menge an Kohlenhydraten muss auf die Insulinabgabe ausgerichtet sein.



Bewegung und Sport
... verbrennt viel Energie, senkt also den Blutzucker. Viel Bewegung ist auch für Kinder mit Diabetes gesund. Allerdings muss auch hier auf Unterzuckerungen geachtet werden. Beim Fussballturnier Kids Cup messen die Kinder deshalb regelmässig den Blutzucker und essen wenn nötig eine Kleinigkeit.