Aufklärung: Was Kinder wissen müssen
Wann Kinder was wissen müssen!
Pius Widmer von der Fachstelle für Aids und Sexualfragen in St. Gallen ist gerade mit einer 6. Klasse aus Abtwil (SG) Zusammengekommen und hat die Buben und Mädchen aufgeklärt. Kidy swissfamily hat ihn interviewt.
Zur Person:
Pius Widmer, dipl. theol., geboren 1949, Vater von vier Kindern.
Studium der Theologie in Chur und Tübingen, 1974 - 1991 als Pastoralassistent im kirchlichen Dienst, verantwortlich für Religionsunterricht, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. Seit 1991 Mitarbeiter der AHSGA und der Fachstelle für Aids und Sexualfragen. 1994 - 1996 sexologische Ausbildung am Zentrum für Agogik in Basel.
Das Hauptanliegen unserer Fachstelle ist die sexuelle Gesundheit der Bevölkerung. Die sexuelle Gesundheit besteht für uns aus vier Teilen: Sexualität lustvoll erleben, Fragen zur Familienplanung und Verhütung, Fragen rund ums Thema sexuelle Gewalt sowie die Auseinandersetzung mit Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten.
In diesem Zusammenhang arbeite ich mit sehr vielen verschiedenen Menschen: Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse Primarschule unterrichte ich im Rahmen des Sexualkundeunterrichts direkt in den jeweiligen Klassen. Des Weiteren bietet unsere Fachstelle Weiterbildungskurse für Lehrerinnen und Lehrer sowie zahlreiche Bildungsabende zum Thema Sexualerziehung an, die sowohl für Lehrkräfte als auch für Eltern gedacht sind. Ausserdem pflegen wir Kontakt zum Personal von verschiedenen Heimen und Gefängnissen und beraten bei Fragen zum Thema «Umgang mit Sexualität und Aids».
Können sich Eltern auch direkt an Sie wenden, wenn sie eine bestimmte Frage oder ein Problem haben?
Wir sind vor allem präventiv tätig und führen an unserer Stelle keine eigentlichen Beratungen oder Therapien durch. Es kommt aber immer wieder vor, dass sich Eltern nach einem Informationsabend telefonisch bei mir melden und gerne Näheres zu einem bestimmten Thema wissen möchten. In diesen Fällen bin ich sehr gerne bereit, Auskunft zu geben und zusammen mit den Eltern nach Lösungen für das jeweilige Problem zu suchen.
Welches sind die häufigsten Fragen und Unsicherheiten, mit denen Eltern an Sie gelangen?
Das hängt sehr vom Alter des Kindes ab. Bei den Eltern von kleinen Kindern geht es oft um die «Doktorspiele» und die Selbstbefriedigung der Knaben in der Öffentlichkeit. Viele Eltern von Primarschulkindern beschäftigen sich mit der sexuellen Sprache ihrer Kinder und der Frage: Was machen wir, damit unser Kind stark genug ist, um sich gegen sexuelle Übergriffe wehren zu können? Aus diesem Grund führen wir zu diesem heiklen Thema auch spezielle Elternabende durch.
Oftmals berichten Eltern, dass Kinder von anderen auf dem Schulweg belästigt werden, Kollegen dem Kind die Hosen heruntergezogen haben oder dass Kinder von Kameraden halb nackt irgendwo eingesperrt werden. Für die Eltern stellt sich nach so einem Vorfall natürlich die Frage, wie sie jetzt am besten reagieren sollen. Zusammen mit den Eltern kläre ich ab, ob man eventuell die Lehrkräfte einbeziehen soll, vor allem wenn sich der Vorfall in der Schule ereignet hat. Bei Vorfällen im Sportverein ist es sicher sinnvoll, wenn die Eltern das Gespräch mit dem Trainer suchen. Passiert der Übergriff in der Nachbarschaft, sollten Eltern sich nicht scheuen, andere Eltern direkt auf solche Vorkommnisse anzusprechen, statt einfach zu schweigen. Auf diese Weise signalisieren sie auch ihrem Kind, dass sie den Vorfall ernst nehmen. Eltern von Jugendlichen im Oberstufenalter haben sehr oft Fragen im Zusammenhang mit dem Ausgang. Wie lange darf das Kind im Ausgang bleiben? Darf es im Oberstu-fenalter schon beim Freund oder bei der Freundin übernachten? Wie kann man mit Jugendlichen zum Thema Pornografie ins Gespräch kommen? Diese Fragen werden an den Informationsabenden für Eltern von Teenagern ganz direkt angesprochen.
Sie haben vorher das Problem der sexuellen Übergriffe auf Kinder erwähnt. Was können Eltern konkret tun, um ihr Kind bestmöglich vor solchen Übergriffen zu schützen?
Generell kann man sagen, dass gute Aufklärung des Kindes der beste Schutz gegen sexuelle Übergriffe ist! Die Aufklärung eines Kindes beginnt nicht erst, wenn es in der Pubertät ist. Aufklärung sollte viel früher, am besten bereits auf dem Wickeltisch stattfinden. Kleine Kinder sollen den eigenen Körper berühren und entdecken dürfen und so erfahren, dass Berührungen Gefühle auslösen. Kinder, die ein natürliches und gesundes Verhältnis zu ihrem Körper aufbauen konnten, sind in der Regel auch in der Lage, diesen zu verteidigen. Sie können sich besser wehren, wenn irgendjemand sie gegen ihren Willen berührt, streichelt, küsst.
Schon kleinen Kindern kann man vermitteln, dass ihr Körper ihnen alleine gehört und dass sie Nein sagen und sich wehren dürfen, falls jemand ihren Willen übergehen will.
Gibt es Themenbereiche, über die ein Kind ab einem gewissen Alter unbedingt Bescheid wissen sollte?
Kinder im Alter von vier bis acht Jahren sollten wissen, wie ein Mädchen und eine erwachsene Frau resp. ein Junge und ein erwachsener Mann nackt aussehen. Im familiären Rahmen sollte Nacktheit auf ganz natürliche Weise erlebt werden können. Mütter, aber auch Väter, dürfen sich ihren kleinen Kindern nackt zeigen, dürfen beispielsweise auch mit ihnen nackt baden, solange sie dies ohne Wunsch nach sexueller Erregung tun. Wenn Eltern aber merken, dass sie die Situation sehr erregt, sollen sie das Gespräch mit einer Fachperson suchen und sich vorläufig zurückhalten.
4- bis 8-Jährige sollten zudem wissen, wie ein Kind entsteht. Alle Kinder begegnen in ihrem nahen Umfeld einmal einer schwangeren Frau. Dies kann ein guter Anlass sein, mit dem Kind ein Bilderbuch über die Entstehung und Geburt eines Kindes anzuschauen und darüber zu sprechen. Ein Kind in diesem Alter sollte auch die Geschlechtsteile beim Namen nennen können. Es ist von Vorteil, wenn sich die Eltern auf eine gemeinsame Sprache einigen: Wie wollen wir die einzelnen Geschlechtsteile vor dem Kind benennen? Ganz wichtig ist es, mit der Aufklärung nicht zu warten, bis das Kind in die Pubertät kommt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist das Kind nämlich längst durch andere Leute und die Medien beeinflusst worden. Wir kennen ja die Fälle von der HandyPornografie, und das bereits auf den Pausenplätzen von Primarschulen!
Wie stark beeinflussen ihrer Meinung nach die verschiedenen Medien unsere Kinder?
In einer kürzlich bei Jugendlichen aus St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden durchgeführten Umfrage gab die Mehrheit der 15Jährigen an, gleichaltrige Jugendliche würden den grössten Einfluss auf sie ausüben. An zweiter Stelle kommen die Mütter. Die Väter werden nach den Lehrerinnen und Lehrern erst an vierter Stelle genannt. Dies interessanterweise sowohl von Mädchen als auch von Knaben.
Die verschiedenen Medien spielen eine unterschiedliche Rolle. Die Knaben gaben immerhin an, dass erotische oder pornografische Filme eine grössere Rolle spielten als die Gespräche mit den Eltern oder Geschwistern.
Glauben Sie, dass Kinder und Jugendliche heute besser aufgeklärt sind als vor 20 Jahren?
Ich denke, die Welt von vor 20 Jahren lässt sich nur schwer mit der heutigen vergleichen. Heute haben Kinder in der 5. oder 6. Klasse schon so viel gesehen, dass sie oftmals unter Druck geraten, wenn sie an Sexualität denken. Sie fragen sich: Kann ich das denn auch einmal? Bin ich gut genug für Sex? Gehört alles dazu, was in den Medien gezeigt wird? Auffällig ist, dass es bei diesen Fragen vor allem um sexuelle Techniken geht und die Angst, zu versagen. Nicht die Freundschaft zu einem Knaben oder Mädchen steht im Mittelpunkt.
Man darf sich als Erwachsener aber nicht von den scheinbar so gut aufgeklärten Kindern täuschen lassen. Heutige Kinder wissen vieles nur oberflächlich. Fragt man genauer nach, haben sie grösste Mühe, sexuelles Verhalten in Worte zu fassen. Ihr Wissen beschränkt sich oftmals auf ein paar Stichworte, die sie irgendwo aufgeschnappt haben, unter denen sie sich aber nicht viel Konkretes vorstellen können. Daher ist es so wichtig, dass sich Eltern immer wieder Zeit nehmen für Gespräche mit ihrem Kind. Nur so merken sie auch, wo ihr Kind gerade steht, wo es noch Fragen hat oder wo mögliche Schwierigkeiten vorhanden sind.
Was können Eltern tun, wenn ihr Kind abweisend reagiert und nicht mit ihnen über Sexualität reden will?
Wenn das Thema Sexualität und Liebe zu Hause erst im Alter von 10 bis 12 Jahren zur Sprache kommt, kann es leicht vorkommen, dass das Kind Gespräche mit den Eltern abblockt. In diesem Fall können Eltern versuchen, dem Kind zuerst einmal von eigenen Erfahrungen zu berichten, die sie selber als Knabe oder Mädchen machen durften oder durchstehen mussten. Auf diese Weise merkt das Kind, dass die Eltern ihrerseits positive und negative Erfahrungen mit Freundschaft, Zärtlichkeit und Sexualität gemacht haben. Manchmal bietet sich auch ein aktueller Zeitungsartikel oder eine Fernsehsendung an, um mit dem Kind ins Gespräch zu kommen.
Wichtig ist, dass die Eltern dem Thema gegenüber Offenheit signalisieren und dass das Kind spürt, dass es in seiner Mutter oder seinem Vater einen echten Gesprächspartner hat.
Inwiefern kann die Schule die Eltern bei der Sexualerziehung unterstützen? Wie sollte Ihrer Meinung nach eine gute Zusammenarbeit zwischen den Eltern und der Schule aussehen?
Ich würde es sehr begrüssen, wenn die Schule den Eltern im Verlaufe der Schulzeit Bildungsabende zum Thema Sexualerziehung anbieten würde. Ein Anlass könnte bereits im Kindergarten angeboten werden («Dökterle»), ein zweiter in der Mittelstufe (sich abgrenzen lernen) und schliesslich ein dritter in der Oberstufe (erste Liebe).
Die Schule kann je nach Möglichkeit auch externe Fachpersonen beiziehen, die auf die Fragen der Eltern eingehen können. Ich erlebe immer wieder, wie dankbar Eltern sind, wenn sie von aussen Unterstützung bei ihrer anspruchsvollen Erziehungsarbeit erhalten. Viele Eltern fühlen sich nicht zuletzt durch die vielen negativen Schlagzeilen in den Medien stark verunsichert. Daher kann der Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern, die ja im gleichen Boot sitzen, für alle Beteiligten eine grosse Hilfe sein.
Bestärken Sie Ihr Kind immer wieder in folgenden Punkten, um es bestmöglich vor sexuellen Übergriffen zu schützen!
- Dein Körper gehört dir!
- Du hast das Recht zu bestimmen, wie, wann, wo und von wem du angefasst werden möchtest.
- Deine Gefühle sind wichtig!
Es gibt angenehme Gefühle, da fühlst du dich gut und wohl. Unangenehme Gefühle sind komische Gefühle und sagen dir, dass etwas nicht stimmt. Wir sind froh, wenn du uns deine Gefühle mitteilst. - Angenehme und unangenehme Berührungen.
Manche Berührungen fühlen sich gut an. Es gibt aber auch Berührungen, die seltsam sind, Angst auslösen oder sogar wehtun. Niemand - auch nicht jemand, den du gern hast - darf dich berühren, wenn du es nicht magst oder dich zu einer Berührung zwingen, die du nicht willst. - Gute und schlechte Geheimnisse
Es gibt lustige und spannende Geheimnisse, wie zum Beispiel ein Ge-burtstagsgeschenk. Es gibt aber auch Geheimnisse, die unheimlich sind und bei dir Angst auslösen. Diese schlechten Geheimnisse solltest du unbedingt jemandem erzählen, auch wenn du versprochen hast, es niemandem zu erzählen. - Du hast ein Recht auf Hilfe!
Manchmal ist es schwer, sich alleine zu wehren. Erzähle Dinge, die dich belasten Menschen, denen du vertraust. Tue das so lange, bis dir jemand zuhört, dir glaubt und dir hilft. - Du bist nicht schuld!
Wenn dir jemand zu nahe kommt, bist du niemals Schuld. Die Verantwortung liegt immer beim Erwachsenen oder älteren Jugendlichen.
Ziele der modernen Sexualerziehung
- Kennen und akzeptieren lernen des eigenen Körpers und der eigenen Gefühle (z.B. unterscheiden können zwischen angenehmen und unangenehmen Berührungen)
- Den Umgang mit Lust und Frust in der Sexualität lernen (z.B. verliebt sein, sich trennen)
- Kennen lernen von verschiedenen Partnerschaftsformen
- Kennen lernen von verschiedenen Verhütungsmitteln
- Kennen lernen von Risiko und Schutzverhalten bei sexuell übertragbaren Krankheiten (z.B. AidsPrävention, etc?)
Infos und Beratung für Jugendliche im Internet:
tschau.ch Site zu allen Themen
lilli.ch Site zu den Themen Sexualität und sexuelle Gewalt
lustundfrust.ch Site zu Liebe, Sex etc.
durchblick.ch Site zu Liebe, Sex und Verhütung
Quelle/Text: Silja Helfenberger
Verwandte Adressen
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