Wo Tabus - wo ein offenes Wort

Die Verunsicherung der Eltern beim Thema «Sexualerziehung» ist fast schon greifbar. Höchste Zeit, den Stier bei den Hörnern zu packen: Wo sind Tabus angebracht, und wo kann nur ein offenes Wort weiterhelfen?
Niemand bissbraucht Kinder aus Versehen!
Kinder sind neugierig. Sie wollen ihren Körper und die Umwelt erkunden. Aufklärung beginnt für die meisten Eltern, wenn die kleinen Forscher sie mit neugierigen Fragen überfallen. Doch Sexualerziehung ist laut Bruno Bühlmann vom Berufsverband der Sexualpädagogen in der Deutschschweiz (Sedes) weit mehr als das Beantworten von Fragen zur Fortpflanzung. Sexualerziehung beginne damit, Kinder den eigenen Körper entdecken zu lassen und sinnliches Erleben zu fördern. «Eltern haben immer das Ge-fühl, es sei noch zu früh dafür.» Doch viele unterschätzten den Forscherdrang eines Kindes. «Menschen sind von Geburt an sinnlichsexuelle Wesen. Sie interessieren sich für Körperlichkeit, angenehme und unangenehme Gefühle.» Schon Babys gehen auf Entdeckungsreise. Diesen Forschergeist sollten Eltern nicht unterdrücken, rät der Sexualpädagoge. Kinder sollten vor allem das Gefühl bekommen, dass «Sexualität» Thema sein darf.
 
Ausweichen zwecklos
Eine sexualfreundliche Haltung nehmen Vater und Mutter zum Beispiel ein, wenn sie es zulassen, dass Kinder über die eigenen Geschlechtsorgane sprechen. Stellen sie Fragen, sei es wichtig, Kindern klare Antworten zu geben. «Sie merken, wenn ein Erwachsener ein Thema umschiffen will.» Prisca Walliser von der Beratungsstelle Familienplanung, Schwangerschaft, Sexualität in St. Gallen bedauert, dass sich viele Eltern nach den Berichten über Missbrauchsfälle sehr verunsichert zeigen bei der Frage, was an Körperlichkeit in einer Familie zulässig ist. Sie trauen sich kaum mehr, natürlichen Im-pulsen für einen körperlich nahen Umgang mit ihren Kindern nachzugeben. «Darf ich noch mit meiner Tochter in die Badewanne?» - solche Fragen stellen Eltern immer wieder. Die Arbeitsgemeinschaft Kinder und Jugendschutz in Deutschland bringt klar auf den Punkt, wo die Grenze verläuft: «Niemand kann ein Mädchen oder einen Jungen aus Versehen missbrauchen.»
 
Schamgrenzen
Sexueller Missbrauch bedeute, dass ein Erwachsener Zärtlichkeit zur Anregung oder Befriedigung seiner Sexualität benutzt. Beim Missbrauch versucht ein Erwachsener, einen Jungen oder ein Mädchen zu Zärtlichkeiten zu überreden oder zu nötigen und fordert möglicherweise Geheimhaltung ein. Wer auf die Reaktionen des Kinds achtet, dürfte genau wissen, was einem Kind gefällt und was nicht. Auch Eltern dürfen zu ihren Schamgrenzen stehen, betont Beatrice Truniger Blaser von der St. Galler Beratungsstelle. Sie ermuntert Mütter und Väter, es dem Kind gegenüber deutlich zu machen, wenn ihnen beispielsweise bestimmte Berührungen unangenehm sind. Auch müssten Eltern nicht jedes Verhalten tolerieren: «Man kann dem Kind sagen, du darfst dich selbst streicheln, aber nicht vor dem Besuch. Das Kind darf merken, dass es etwas Intimes ist», betont Kollegin Walliser.

Quelle/Text: Claudia Rindt


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