Wenn Kinder lügen
Wenn die Eltern ihr Kind zum ersten Mal beim bewussten Lügen ertappen, dann überkommt sie ein Schreck. Das Lügen färbt ja auf den beginnenden Charakter negativ ab, denn das bewusste Anlügen scheint dem Betrug fast gleich zu sein. Den Eltern tut es weh zu merken, dass das Kind ihre Werte nicht übernimmt, an der Wahrheit vorbei schleicht und unehrlich wird.
«Ehrlichkeit hat in unserer Familie einen hohen Stellenwert. Dies haben wir unseren Kindern Simone (6) und Andreas (8) sehr früh beigebracht. Deshalb erstaunt uns um so mehr, dass vor allem die kleinere manchmal lügt wie gedruckt. So hat sie sich beispielsweise letzthin selbst die Haare geschnitten, und wir haben sie dabei zufällig ertappt. Trotzdem will sie es nicht zugeben und schwindelt tapfer. Wir haben ihr gesagt, dass das Haarschneiden für uns kein Problem darstellt, sondern ihr offensichtliches Schwindeln. Warum macht sie das? Und wie sollen wir beim nächsten Mal reagieren?»Das Lügen ist nicht angeboren. Kleine Kinder können noch nicht lügen, so wie es auch der geistig behinderte Mensch nicht kann. Zum Lügen gehört nämlich eine höhere Stufe des logischen Denkens, auf der das Kind etwa um sein 4.Lebensjahr aufgrund seines vorausschauenden Denkens und seiner Kombinationsfähigkeit die Folgen seiner evtl. Ehrlichkeit und die seiner Vertuschungskünste übersehen kann und sich bewusst für den Vorteil des Lügens entscheidet. Es sei betont, dass das Lügen jedes Mal durch eine Angst bedingt ist, gleichgültig auf welcher Stufe der Persönlichkeitsentwicklung es geschah. Als Lüge kann man allerdings nicht die Unwahrheiten bezeichnen, die ein Kind aufgrund seines phantasiebesetzten magischen Denkens (etwa zum 7. Lebensjahr) ganz ehrlich für seine Realität hält (z.B. «ich bin eine Prinzessin» oder «in meinem Bett hat sich ein Gespenst versteckt»). Das wirkliche Lügen fängt mit einem einfachen Verleugnen der bewussten Schuld an, wie etwa «nein, das habe ich nicht getan». Dahinter steht eindeutig die Angst vor der negativen Reaktion der Eltern. Diese Angst verleitete auch Simone zum hartnäckigen Bestehen auf ihre Lüge, dass sie sich ihre Haare nicht abgeschnitten hat. Sie war sich ganz bewusst dessen, dass eben ihr Schwindeln bei den Eltern als die grösste Sünde zählt. Mit dem Zugeben ihrer Schuld aber hätte sich Simone als Sünderin abgewertet. Sie hätte sich klein gemacht. Und eben hier ahne ich ihre Angst, die noch viel tiefer steckt, als die Angst vor der Enttäuschung der Eltern. Ich nehme an, dass die Angst vor dem Kleinsein und somit vor ihrer Selbstenttäuschung weit grösser ist. Und ich ahne, dass diese Angst irgendwie mit dem Abschneiden ihrer Haare zusammenhängt.
Wenn ich bloss mehr von Simone wüsste! So muss ich mich auf meine Spekulationen verlassen, die ich aber immerhin genau von den gegebenen Angaben und von meiner langjährigen Berufserfahrung ableite. Ich denke dabei z.B. an die vielen Kinder, die sich eingebildet haben als die Zweitgeborenen mit dem Erstgeborenen ebenbürtig zu sein und demzufolge sich dauernd um die gleiche Leistung, das gleiche Aussehen und die gleiche Anerkennung bemühten. Oft wird diese Gleichschaltung durch die Eltern gefördert. Meist wirkt hier eine Übertragung der eigenen unerfüllten Wünsche aus der Kindheit auf die Kinder (z.B. wenn die Mutter als die jüngere Schwester weniger als ihr älterer Bruder zählte). So fällt auf, dass im obigen Brief die jüngere Simone vor ihrem erstgeborenen Bruder genannt wird. Hat sie sich vielleicht auch deswegen ihre Haare abgeschnitten, um ihrem Bruder gleich zu sein? Obwohl man dem jüngeren Kind die gleiche Chance wie dem Älteren schenken möchte, tut man ihm nichts Gutes damit. Es wird einem steten verbissenen Wettbewerb ausgeliefert, während dessen immer wieder Ängste vor Misserfolgen lauern. Als einzige Strategie zum Aufrechterhalten seines falschen Selbst bleibt dem Kinde nichts anderes übrig, als seine Schwächen und Fehler zu verleugnen und sich stets das Gefühl der Stärke einzulügen. Wer sonst sollte das Kind davon befreien wenn nicht die Eltern? Dem Kind ist seine echte Identität bewusst zu machen: Simone ist das jüngere Kind, das nicht so viel leisten muss wie der Ältere. Sie darf schwächer sein und verlieren. Wenn sie etwas gut macht, wird sie besonders geschätzt und gelobt, viel mehr als wenn sie sich ihrem Bruder anzugleichen versucht. Um zu ihren Schwächen zu stehen, muss sie allerdings ihre eigenen Stärken aufdecken und diese unabhängig von ihrem Bruder pflegen.
Nur der Mensch, der weiss, welche Stelle ihm im System seiner Familie gehört und der zu seinem wahren Ich stehen kann, muss sich weder mit irgendwelchen krampfartigen Höhenflügen noch mit Minderwertigkeitsängsten plagen und muss sich weder selbst noch die anderen belügen.
Quelle/Text: Dr. Jirina Prekop
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