Der Glaube als Teil des Lebens

Welchen Platz soll oder darf Gott in der Kindererziehung einnehmen? Viele Eltern wollen ihren Kindern die Religion näherbringen, wissen aber nicht, wie.
«Mami, wie sieht Gott aus?», fragte die dreijährige Nadine ihre Mutter eines schönen Morgens am Frühstückstisch. Die Frage war ein ziemlich harter Brocken, der sich neben Kaffeekochen und Brotschneiden nicht so schnell verarbeiten liess. «Ich kam ziemlich ins Schwitzen und wusste nicht, was ich meinem Töchterchen antworten sollte», erinnert sich die Mutter. Dies ist kein Einzelfall, sondern Alltag im Leben von jungen Eltern. Bereits im Alter von drei oder vier Jahren können Kinder ihre Eltern mit existenziellen Fragen über Gott und die Religion konfrontieren. Dabei messen nicht wenige Familien der religiösen Erziehung heutzutage keine grosse Bedeutung mehr bei. «Wenn es um die spezifisch christliche Religion und Kirchenzugehörigkeit geht, so stellt man in der heutigen Zeit eine leicht sinkende Bedeutung in der Erziehung fest», berichtet Ilona Brauchart aus Wintersingen BL, reformierte Pfarrerin und Mitarbeiterin der Abteilung Pädagogik und Animation der reformierten Landeskirche in Zürich. Hingegen sei eine Zunahme an religiösem Interesse insbesondere auch bei jungen Leuten festzustellen. «In Zeiten zunehmender Verunsicherung und Orientierungslosigkeit suchen Menschen nach Antworten und dem Sinn des Lebens. Diese Aspekte sind auch existenzielle Fragen in der Erziehung.» Während früher in Sachen Religion vor allem die zwei Landeskirchen zur Auswahl standen, gibt es heute eine Vielzahl von Konfessionen und religiösen Gruppierungen. Nicht immer falle es leicht, sich in diesem Pluralismus zurechtzufinden.

Grosse Hemmschwelle
Alles andere als einfach scheint auch der Einbezug von Gott in der Erziehung. «Die grösste Schwierigkeit ist die Unsicherheit und Unbeholfenheit vieler Eltern. Sie möchten einem Kind zwar im religiösen Bereich etwas mitgeben - das habe ich bei Taufgesprächen oft miterlebt, aber sie wissen nicht, wie. Eigene schlechte Erfahrungen oder Klischees verbauen oft die Sicht auf die Möglichkeiten, wie man mit dem Thema Religion in einem positiven und bereichernden Sinne umgehen kann», erklärt Ilona Brauchart. Oft fühlen sich die Väter und Mütter alleine gelassen, und die Hemmschwelle in die Kirche ist für manche sehr gross. Daneben löst die Frage nach Gott auch bei Erwachsenen immer wieder Fragezeichen aus, wenn zum Beispiel Kriege ausbrechen oder Unwetterkatastrophen Menschenleben fordern. Diese Tatsachen lassen sich nur schwer mit dem Gottesbild vieler Menschen vereinbaren. «Fixe und allzu positive wie auch negative Gottesbilder sind ein Hindernis auf dem Weg zum Glauben. Das biblische Gebot - du sollst dir kein Bildnis machen - hat deshalb einen sehr tiefen Sinn.» Vreni Merz, Religionspädagogin und Buchautorin (siehe Buchtipp) aus Steinen SZ, empfiehlt, die Religion nicht von oben herab erklären zu wollen, sondern sich gemeinsam mit den Kindern auf die Suche nach Antworten zu begeben. «Das gilt auch für die Bibel, die man durchaus auf naive Art lesen und entdecken kann.»

Ohne Gott bleiben Fragen unbeantwortet
In der heutigen Freizeitgesellschaft steht die Religion weiter in grosser Konkurrenz zu unzähligen Vergnügungsangeboten. Der Kalender vieler Familien ist ausgebucht. Gestrichen wird häufig zuerst bei der Religion. Die wichtige Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen wird damit aber vernachlässigt. Dabei wünschen sich Kinder gerade von ihren Eltern in religiösen Fragen ein offenes Ohr, Glaubwürdigkeit, Anteilnahme, Unterstützung und Begleitung. Vreni Merz betont, dass Kinder grundsätzlich keinen Gott brauchen. «Doch sie verpassen etwas ohne ihn. Sie erleben eine Welt, in der alles machbar ist. Sie sehen nur das, was da ist. Fragen rund um Unbegreifliches bleiben unbeantwortet.» Häufig gibt es Eltern, die ihrem Kind in religiösen Fragen bewusst nichts vorschreiben möchten, damit es sich später frei für eine Religion entscheiden kann. «Wie soll aber ein Kind einmal seine Religion wählen können, wenn es gar nicht weiss, was Religion ist? Wie soll es je seine religiöse Heimat finden, wenn es sie nie erlebt hat? Ich glaube nicht, dass Eltern damit den Kindern einen Dienst erweisen. Sie dienen so in erster Linie ihrer eigenen Bequemlichkeit und entfliehen der Un-sicherheit», kritisiert Ilona Brauchart.

Selber mit dem Glauben auseinandersetzen
Haben sich Eltern indes für eine bewusst religiöse Erziehung entschieden, sollten sie sich selber mit Fragen rund um den Glauben auseinandersetzen. Es genüge nicht, bei Fragen die Kinder an den Pfarrer oder die Religionslehrerin zu verweisen. «Das Wichtigste scheint mir, offen zu sein für die Fragen der Kinder. Das heisst nicht, immer auf alles eine Antwort parat haben zu müssen. Eine Frage, die nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Ehrlichkeit und Redlichkeit offen gelassen wird, ist oftmals für ein Kind mehr wert als eine Scheinwahrheit, von der es spürt, dass die Eltern nicht wirklich überzeugt sind», sagt Ilona Brauchart. Verschiedene Möglichkeiten stehen den Eltern heute offen, wenn sie Gott im Kinderzimmer und in der Familie erlebbar werden lassen möchten. Zum Beispiel mit dem Erzählen biblischer Geschichten, mit Liedern und Gebeten oder mit dem Gestalten und Feiern religiöser Feste. Dazu gehört zum Beispiel an Weihnachten nicht nur der gesellschaftliche Teil der Feier, sondern ebenso der Sinn und Ursprung der Weihnachtszeit. In der Natur können Eltern ihren Kindern eine Verbindung zwischen der Schöpfung und Gott schaffen, schlägt Vreni Merz vor. Später interessieren sich die Kinder auch für Sachwissen, zum -Beispiel über die Welt, in der Jesus gelebt hat.

Mit grösseren Kindern bzw. Jugendlichen kann man zudem über den Tellerrand schauen und andere Religionen mit ihrer Eigenart kennenlernen. Wenn Eltern dem Kind den Zugang zur Kirche - die heute für jede Alterstufe bedürfnisgerechte Angebote von «Fiire mit de Chline» bis zum Jugendgottesdienst bereithält - ermöglichen wollen, sollten sie selber ebenfalls am kirchlichen Leben teilnehmen und das Kind auf seinem Weg begleiten.

Gott nicht als Erziehungshilfe missbrauchen
Werden die Kinder älter, merken sie, dass viele Geschichten der Bibel nicht genauso passiert sein können. Der Verstand -schaltet sich ein, kritische Fragen tauchen auf. «In solchen Momenten hören Eltern oft mit dem Geschichtenerzählen auf. Dabei müssten sie gerade in dieser Situation ihren Kindern helfen, die Geschichten der Bibel anders zu verstehen - nämlich nicht als Tatsachenberichte, sondern als Erzählungen, die etwas über uns Menschen und über Gott aussagen wollen», rät Ilona Brauchart. Ein klassisches Beispiel dafür sei die Schöpfungsgeschichte; diese gibt nicht Auskunft, wie die Welt entstand, sondern warum es sie und die Menschen gibt. «Ein schlimmer Fehler, der leider immer noch gemacht wird, ist, wenn Eltern Gott als Erziehungshilfe missbrauchen. Es gibt immer noch Eltern, die ihre Gebote und Verbote in den Mund Gottes legen. Die Schäden, die eine solche religiöse Erziehung bewirkt, sind gross.»

Halt und Geborgenheit für Kind und Eltern
Von einer Erziehung, in der Gott und Religion ihren Platz haben, profitieren laut Ilona Brauchart und Vreni Merz Kinder und Eltern gleichzeitig. Sie gewinnen dadurch ein vertieftes Verständnis für sich selbst, für andere Menschen und die Gesellschaft. «Der Glaube an Gott und an seine Begleitung durch unser Leben schenkt Lebenssinn, gibt Halt und Geborgenheit über das rein Menschliche hinaus. Zudem kann Religion Kindern auch Spass machen, wenn sie sich zum Beispiel spielerisch mit Altersgenossen religiösen Themen stellen», sagt Ilona Brauchart. Vielleicht findet sich ja dann plötzlich auch eine mögliche Antwort auf die Frage von Nadine, wie sich Gott in unserem Leben zeigen kann.

Informationen zur religiösen Erziehung erhalten Eltern auch bei den Pfarrämtern oder bei kirchlichen Mitarbeitern im Bereich Kinder/Jugendliche in ihrer Region.
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Kidy swissfamily: Dezember/2010

Quelle/Text: Fabrice Müller


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