Von der Lust am Körperkult
Sich tätowieren oder piercen zu lassen, ist trendig. Wer sich aber ein Tattoo stechen oder ein Piercing stecken lassen will, sollte sich vorher gut beraten lassen und nicht aus einer kurzfristigen Laune heraus ins Studio gehen. Denn gegen viele Arten von Körperschmuck gibt es stichhaltige Gründe.
«Schon immer war ich von Tätowierungen fasziniert», erinnert sich Urs. «Damals in den Achtzigerjahren waren ja nur wenige tätowiert, eher Randgruppen wie Seeleute, Rocker oder ein paar Motorradfans.» Dem 29-jährigen Chemielaborant war schon als Kind klar: Das mach ich später auch. Heute schmücken Drachen, rote Feuerdämonen seine Arme, dazwischen Initialen von Freunden und Freundinnen. «Alles Erinnerungen an schöne Zeiten und aus Dankbarkeit», sagt Urs. Das Wort «timeless» ziert in altgotischer Schrift seinen rechten Unterarm und erinnert ihn an seine grosse Leidenschaft, das Snowboard-Fahren. «Ich fuhr stets das Modell ?Timeless? von Ride.» Nach dem Schriftzug kam bald das Motiv der japanischen Drachen. «Aus familiären Gründen und weil sie mich faszinieren. In der japanischen Mythologie gelten Drachen als Vorbilder und weise Wesen», erklärt Urs. Inzwischen umschlingen drei Drachen seine Arme, ein Drachenkopf ziert seinen rechten Oberarm, ein weiterer Kopf die linke Schulter. Rote Feuerdämonen symbolisieren für Urs das Element Feuer, sein Element, denn er sei im Tierkreiszeichen Widder geboren.Suchtpotenzial
«Das kann schon süchtig machen», gibt Patricia zu. Die 23-jährige Dentalassistentin fasziniert, was ihr Tattoos und Piercing zur Verschönerung ihres Körpers bieten. «Mit vierzehn Jahren wollte ich ein Bauchnabel-Piercing. Das verbot mir aber meine Mutter. Es sei zu gefährlich. Aber ein «Arschgeweih» durfte ich mir damals machen lassen.» Ihr Vater habe drei Wochen nicht mehr mit ihr geredet, auch heute noch stehe er grossen Tattoos abweisend gegenüber. Damit müssen wir beide leben, meint Patricia. Eine andere Wahl hat er auch nicht, denn ihr gesamter Rücken ist inzwischen von einem grossen Pfau bedeckt. «Er dient mir zur Rückenstärkung, sozusagen als Schutzengel.»
Von Flesh Tunnel bis Implantate
Sein Aussehen zu verändern, ist ein menschliches Bedürfnis. Es fängt beim Haareschneiden und Schminken an und endet bei der Amputation eines Körperteiles. Das Optimieren des eigenen Körpers unterliegt Strömungen und Moden. In unserer westlichen Gesellschaft nimmt der Trend zur Veränderung seines Körpers stetig zu. Vor allem Jugendliche, junge Erwachsene, aber auch etwas ältere «Semester» lassen sich an allen erdenklichen Stellen bemalen, glitzernde Steinchen oder Stecker stechen, Ringe einziehen, die Ohrläppchen dehnen, lassen sich auf den Rücken grossflächige Motive oder etwa den Namen der Liebsten oder den des Kindes stechen.
«Vor allem bei jungen Frauen von 18 bis 30 Jahren ist das Intimpiercing der Renner», sagt Dave Holm vom Basel Tattoo & Body Art Studio in Basel. «Intimpiercing finden viele sexuell stimulierend.» Hier sei allerdings gute Beratung wichtig, denn nicht bei jedem kann man alles machen. Es hänge von der Anatomie ab, was gehe und was nicht, betont der Fachmann.
Für die einen reizvoll, für andere unvorstellbar, sich Zunge, Brustwarze, Schamlippen oder Penis durchzustechen. Wer es exzentrischer mag, setzt sich Implantate unter die Haut, etwa kleine Hörnchen auf dem Kopf oder lässt sich die Zähne à la Dracula schleifen. Befremdend muten viele «Body-Modifications», kurz «BodMod», an: Dehnung der Piercings in Weichteilen und Vergrösserung der Öffnungen (Flesh Tunnel), Branding und Skarifizierungen - dabei werden Schmucknarben mittels Verbrennen oder mit extremer Kälte erzeugt - bis zum Spalten der Zunge.
In vielen früheren Kulturkreisen diente die Veränderung des Körpers als Initiationsritual oder zur Abgrenzung gegenüber anderen Stämmen, war ein Zeichen für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Einige Wissenschaftler sehen den Trend zur Körperveränderung in diesem Sinne: In der heute entritualisierten westlichen Welt sei das Bedürfnis gross, den Übergang ins Erwachsenenalter zu markieren.
Bei den Formen des Körper-Stylings spielt sicher der Druck des rigiden Schönheitsideals eine Rolle. Die Gefahr besteht sicherlich zunehmend, unter Druck zu geraten, wenn man nicht irgendwo tätowiert oder gepierct ist, genital in Dauerrasur oder Silikonimplantate in den Brüsten trägt. Der Wunsch nach dem perfekten und veränderbaren Körper spiegelt sich auch in diesem Körperkult wider.
Gute Beratung, sonst wirds teuer
Wenn einem die Kinder mit dem Wunsch nach einem Tattoo oder Piercing in den Ohren liegen, gibt es Grundlegendes zu diskutieren. Gute Beratung, nicht nur betreffend Motivwahl, sondern auch betreffend der Auswahl des Studios und möglicher Risiken ist ein Muss. Denn ein Tattoo lässt sich nur mühsam entfernen, ist schmerzhaft und kostet viel Geld. «Die Entfernung von Tätowierungen ist kompliziert und sollte nur unter der Aufsicht von lasererfahrenen Fachärzten durchgeführt werden. Man benötigt zwei bis drei Lasergeräte mit verschiedenen Wellenlängen, um das grösste Farbspektrum abzudecken», erklärt Vadym Volpov, Facharzt für Dermatologie und Venerologie und Lasermedizin in Zürich Seefeld. «In fast 95 Prozent der Fälle kann ein Tattoo vollständig entfernt werden, je nach Farbe, Qualität und Tiefe der Tätowierung. Die Haut ist nach der Behandlung gerötet, eine Kruste bleibt kurz bestehen.»
Auch das Piercen ist nicht harmlos. «Bis zu 20 Prozent dieser Eingriffe führen zu Komplikationen», sagt der Präsident des Deutschen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann. Kinderärzte fordern darum ein Verbot von Tätowierungen und Piercings bei Minderjährigen. Es sei, so Hartmann, unverantwortlich, wenn Eltern ihren Dreijährigen ein Nasenpiercing verpassten. Beim Piercen kann es, sofern es nicht sauber ausgeführt wird, zu bakteriellen Entzündungen bis hin zu Übertragung von Hepatitis- oder gar HIV-Erregern kommen. Orale Piercings an Lippe oder Zunge können gemäss einer neuseeländischen Studie aus dem Jahr 2005 zu Rückbildungen des Zahnfleisches führen. In jedem Fall sollte man sich gut überlegen, was man wo von wem machen lässt, damit man auch lange Spass damit hat.
Eine Auswahl der wichtigsten Tipps
- Nie aus einer Laune heraus ins Studio gehen. Vorher gut überlegen, was man machen will und warum.
- Sprechen Sie vorher mit dem Hautarzt über mögliche Allergie-Risiken.
- Erkundigen Sie sich bei anderen nach Erfahrungen und einem guten Tattoo- bzw. Piercing-Studio.
- Tätowierer und Piercer sind an die Sorgfaltspflicht gebunden und müssen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften einhalten. Schauen Sie sich im Studio gut um. Macht es einen sauberen Eindruck?
- Lassen Sie sich die Geräte zeigen und wie desinfiziert wird (Hautdesinfektion, Einweggeräte beim Piercing, die vor
den Augen aufgemacht werden etc.). - Ein gutes Studio berät umfassend, das beinhaltet ein ausführliches Vorgespräch über frühere Erkrankungen, Allergien, Information zur Nachsorge und mögliche Risiken.
- Achten Sie auf gute Qualität von Piercing-Schmuck. In Apotheken gibt
es einen Schnelltest zur Überprüfung von Nickel-Abgabe des Piercings. - Sich nie bei Veranstaltungen oder in einer Disco etc. piercen lassen oder es selber vornehmen.
- Tauschen Sie nie getragene Piercings aus.
- Bei Komplikationen gehen Sie schnell zu einem Arzt. Wucherndes Narbengewebe muss operativ entfernt werden.
- Entfernungen von Tattoos immer bei einem Arzt durchführen lassen.
- Auch Henna-Malereien sind nicht harmlos. Hände weg von schwarzen «Henna-Tattoos», sie enthalten oft giftige Substanzen, die Kontaktekzeme auslösen und gesundheitschädigend sein können.
Weitere Informationen
- Das Universitätsspital Zürich bietet eine Onlineberatung an (zu allen Themen rund um Piercing oder auch Tattoo-Entfernung etc.) swissfamily.ch/onlineberatung
- Eine Liste von Ärzten findet man bei der Schweizerischen Gesellschaft für medizinische Laseranwendungen: sgml.ch
- Merkblätter zum Herunterladen über: bag.admin.ch.
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Kidy swissfamily: Dezember/2010
Quelle/Text: Lioba Schneemann
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