Die Zukunft der Familie ist bunt
Wirtschaftliches Auf und Ab, immer neue Umwälzungen im Bildungsbereich: Die Familie als Gemeinschaft ist gefordert wie schon lange nicht mehr. Doch sie ist robust, wissen Fachleute - und geben Hinweise, wie sie noch stärker werden kann.
«Die Institution Familie ist zwar seit Jahrhunderten ein Erfolgsmodell. Doch in den letzten drei Jahrzehnten ist sie anfälliger geworden», sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Die Professorin am Institut für Psychologie der Universität Bern leitete das Nationale Forschungsprogramm 52 «Kinder, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel», das 2008 abgeschlossen wurde. «Schon immer war es so, dass es dort, wo man eng miteinander zusammenlebt, zu Konflikten kommt», sagt Pasqualina Perrig Chiello. Doch der Wertewandel, die sinkende Kinderzahl, das steigende Durchschnittsalter und die immer häufigeren Scheidungen bringen das Familienboot zunehmend ins Schlingern. Kommt dann noch eine doppelte volle Erwerbstätigkeit dazu, bleibt die Erziehung der Kinder häufig auf der Strecke: «Jeder siebte der von uns befragten Jugendlichen gab an, die Eltern entweder als autoritär oder als desinteressiert zu erleben», so die Psychologin. Das Laisser-faire äussert sich bei Kindern beispielsweise darin, dass das TV-Gerät zum Babysitter wird oder die Eltern sich nicht darum kümmern, wo und mit welcher Beschäftigung die Jugendlichen den Nachmittag oder Abend verbringen.Das Netz wird löchrig
Geld regiert auch die Familienwelt. Aktuell spüre man die Wirtschaftskrise in der Schweiz im Vergleich mit dem Ausland zwar kaum, sagt Karin Frick, Leiterin Forschung beim Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). Doch tendenziell entbrennt ein Verteilungskampf um die staatlichen Gelder. «Wenn wir heute meist unabhängig von der Familie unser Leben entwerfen, könnte ein Sparkurs der öffentlichen Hand mittelfristig dazu führen, dass gewisse soziale Aufgaben wieder zurück an die Familie delegiert werden», erklärt die Expertin. Die heute vor allem emotionale Gemeinschaft könnte also wieder zum ökonomischen Zweckverband von früher mutieren.
Im Gegensatz zu den Fünfzigerjahren sei das familiäre Netz allerdings löchrig geworden, nicht nur für die junge Generation, sondern auch für Senioren mit nur einem Kind, das gerade in Patchworkfamilien oft die Erwartungen von mehreren Erwachsenen befriedigen müsse. Karin Frick: «Es ist vermessen, darauf zu hoffen, dass die einzige Tochter alle Wünsche der Eltern und Stiefeltern erfüllt.» Dies umso mehr, als mit der beruflichen Mobilität auch die Wohndistanzen zwischen den Generationen explodieren. Die Generation der Eltern soll deshalb nicht nur für ihren Nachwuchs, sondern mindestens so intensiv für die eigene wirtschaftliche und emotionale Zukunft vorsorgen. Unbestritten sei die Familie eine robuste Organisationsform. Eine grössere Kinderzahl stärke dieses System und mache es elasischer, gerade auch in Krisen. An der Gesellschaft liege es deshalb, dafür zu sorgen, dass Kinder nicht länger ein Armutsrisiko darstellten. Karin Frick fordert: «Auch die Mittelklasse muss sich wieder drei Kinder leisten können.»
Klassisches Gefüge bevorzugt
Für Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern ist klar: «Die Familie soll nicht länger ein Privatthema sein. Vielmehr muss sich die Gesellschaft stärker um die Anliegen der Kinder und ihrer Eltern kümmern.» Wenn Zehntausende Krippenplätze fehlen, führt das zu direktem Stress in jenen Familien, die bei der Kinderbetreuung nicht auf die Grosseltern zählen können. Zentral für den Stressabbau sei auch der Abbau von sprachlichen Barrieren - bei Migranten solle die Landessprache daher so früh wie möglich vermittelt werden, fordert die Psychologin. Immerhin, vielerorts sind positive Ansätze sichtbar. Basel-Stadt etwa will schon Dreijährigen mit Migrationshintergrund spielerisch Deutsch beibringen, damit sie nicht mit einem Handicap ihre Schulkarriere starten müssen. Der Kanton Zürich wiederum bietet jungen Eltern moderne Kurse an, um ihre Erziehungskompetenz zu stärken. Und auch liberale Kreise plädieren inzwischen für mehr Kinderkrippen.
Statistisch gesehen nehmen Eineltern-, Patchwork- und Regenbogenfamilien mit schwulen oder lesbischen Eltern zwar zu. Doch die meisten Kinder wachsen klassisch mit zwei Elternteilen und Geschwistern auf. Auch in Zukunft wird sich daran nicht viel ändern. Denn die herkömmliche Familie mit einem festen Partner und Kindern entspricht auch den Wünschen, die Zwanzigjährige für ihre Zukunft angeben. Bloss gerät bei vielen Karrieren dieser Traum unter die Räder. «Kommt es dann zu einer anderen Konstellation, soll das Wohl des Kindes im Zentrum stehen», sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Insbesondere bringe es nichts, starre Erwartungen an das Kind durchzuboxen. Vielmehr sollten Eltern dem Nachwuchs Gestaltungsmöglichkeiten geben und eine Balance suchen, um dem Kind zwar Selbstverantwortung zu gewähren, gleichzeitig aber auch Grenzen aufzuzeigen.
Partnerschaftliche Rollenverteilung schafft Stabilität
Noch sind es bloss wenige Familien, in der sich Frau und Mann Erwerbs- und Betreuungsarbeit partnerschaftlich teilen. Laut der Volkszählung 2000 kann bloss ein Prozent der Haushalte mit Kindern unter 15 Jahren als egalitär-partnerbezogen bezeichnet werden. Voraussetzung ist, dass beide Partner Teilzeit berufstätig sind und möglichst hälftig die Haushalts- und Kinderbetreuungspflichten übernehmen können. Eine Studie wollte wissen, inwiefern sich die Rollenverteilung im Lauf der Zeit ändert. Interviews 1994 und 2004 mit 28 Deutschschweizer Elternpaaren in egalitärer Rollenteilung zeigten eine überraschende Stabilität: 25 der Paare übten die egalitäre Rollenteilung nach wie vor aus. Drei hatten sich inzwischen getrennt, ein weiteres bereitete die Trennung vor. Zwar wurde die Mehrfachbelastung als negativ angeführt, doch kein Paar bereute das gewählte Modell. Auch die Kinder aus den partnerschaftlich geführten Familien schätzten das elterliche Rollenmodell sehr, denn es vermittelt Abwechslung in der elterlichen Betreuung und erlaubt eine ausgeprägte Vater-Kind-Beziehung.
Zwar sei die Zahl der untersuchten Paare für eine wissenschaftlich eindeutige Aussage zu klein, sagt die Studienautorin Margret Bürgisser: «Doch die These liegt auf der Hand, dass egalitäre Rollenteilung Stabilität in eine Familie bringt. Denn die Partner sprechen sich ständig ab, verhandeln über Entscheidungen und leben sich damit weniger auseinander.» Ganz anders funktionieren viele traditionelle Familien, wo der Alleinverdiener in der Berufswelt, die Frau in der Welt des Haushalts lebt. Arbeiten beide Teilzeit, sind auch die materiellen Folgen eines Stellenverlusts weniger dramatisch als bei nur einem Volleinkommen - und weniger Stress entlastet das Familiengefüge, weiss Margret Bürgisser.
Trotzdem bleibt der Anteil der Familien mit egalitärer Rollenteilung verschwindend klein und hat in den letzten Jahren kaum zugenommen. Das Modell des Alleinverdieners verliert zwar Prozentpunkte, allerdings nicht zugunsten des egalitär-partnerschaftlichen, sondern zugunsten des modernisiert-bürgerlichen Modells, in dem der Mann Vollzeit, die Frau Teilzeit arbeitet - und daneben noch Haushalt und Kinder betreut.
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Kidy swissfamily: Dezember/2010
Quelle/Text: Pieter Poldervaart
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